Thesen zu den Essgewohnheiten von morgen

  • 100-Meilen-Diät: Nicht Bio und Öko allein bestimmen mehr die Märkte, sondern Marken wie „Terroir“, „Region“, „CO2-frei“ oder „Direktvermarktung“.
  • Convenience 2.0:
    Die wachsende Vielfalt sowie die neue sensorische und ernährungsphysiologische Qualität des Convenience- und Chilled-Sortiments werden Fertigprodukte ausgewogener und schmackhafter machen.
  • New Fusion Food: Asien löst die USA als wichtigsten Impulsgeber für die Systemgastronomie ab.
  • Sen-satt-ion: Essen wird immer mehr inszeniert und zelebriert. Je abstrakter unsere Arbeit wird, desto mehr wollen wir dies wenigs­tens ab und zu durch gemeinsame, sinnliche Koch- und Ess-Events kompensieren.
  • Trusted Food: Foodmärkte sind Vertrauensmärkte. Die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Nahrungsrohstoffen und Informationen über die Sozialstandards bei der Produktion wirken wertsteigernd.
  • Essthetik: Design wird sich branchenübergreifend und für den Konsumenten zum selbstverständlichen Alltagsgut etablieren. Essen mutiert zur Kultur- und Kunstform und ist Ausdruck eines Lebensstils.
  • Pleasure Food: Traditionelle Luxury Food wie Kaviar und Stopfleber werden nicht nur aus ethisch-ökologischen Bedenken immer mehr ins Abseits gedrängt. Das zukünftige Luxusverständnis ist ein aufgeklärtes, bei dem es nicht länger um Prestige, sondern um einen „epikurischen Mehrwert“ geht.
  • Food ‘n’ Mind: Die Zukunft gehört der maßgeschneiderten Ernährung. Auch im deutschsprachigen Raum eröffnen sich neue Chancen für den Functional Food-Markt und pharmakologisch wirkende Lebensmittel – so genanntem Phood.

Quelle: Hanni Rützler, Anja Kirig, Food Styles, Zukunftsinstitut, September 2007

Ist Fast Food Schnee von gestern?

Trendforscher sind sicher: Die „Geiz ist geil“-Mentalität geht zu Ende. Der Preiskampf wird von der Jagd auf Genuss und Qualität abgelöst. Gute Nachrichten sind das jedenfalls für all jene, die gesunde Ernährung als Basis für einen vorsorgenden Lebensstil predigen.

Wie Menschen essen, sagt viel über ihre Bildung, ihre Gesundheit oder ihren Lebensstil aus. Die aktuellen Megatrends Gesundheit, Globalisierung, Neo-Ökologie, New Work oder Individualisierung beeinflussen unsere Essgewohnheiten mehr als auf den ersten Blick erkennbar ist. „Die wichtigsten Food-Trends für das kommende Jahrzehnt sind daher nicht nur Resultat technologischer Innovationen wie Gen- oder Nanotechnologien oder neuer Vertriebswege wie dem E-Business“, haben Anja Kirig und Mag. Hanni Rützler vom Zukunftsinstitut in ihrer Studie „Food Styles“ herausgefunden.

Gesund essen nach Plan

Die gesellschaftliche Dimension hat wohl auch das Gesundheitsministerium erkannt, denn Bundesminister Stöger stellte anlässlich der Präsentation der neuen österreichischen Ernährungspyramide im Vorjahr bereits fest:„Ganz entscheidend ist es, dass wir die Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit in der gesellschaftlichen Wahrnehmung erhöhen.“ Der Österreichische Ernährungsbericht hat ergeben, dass die Österreicher zu salzig und fett essen und dass immer mehr Menschen übergewichtig sind. Stöger hat es sich daher zum Ziel gesetzt, die Ernährungsgewohnheiten und damit die Lebensqualität der Österreicher zu verbessern. „Bis zum Jahr 2020 wollen wir die Häufigkeit von ernährungsassoziierten Krankheiten reduzieren und die Zunahme von Übergewicht stoppen“, so der Gesundheitsminister. Ein „Nationaler Aktionsplan Ernährung“ (NAP.e) soll Herr und Frau Österreicher beim Abspecken und der Umsetzung eines gesunden Lebensstils in puncto Ernährung unterstützen.
Lebensmittelbasierte Empfehlungen sind wichtige Instrumente zur Vermittlung von ernährungsmedizinischen und ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen. Grafische Darstellungen wie beispielsweise Ernährungspyramiden und die Weitergabe von einheitlichen Ernährungsinformationen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die Vereinheitlichung der lebensmittelbasierten Ernährungsempfehlungen ist demzufolge eine wichtige Maßnahme im Rahmen des Nationalen Aktionsplan Ernährung. Als eine der ersten Maßnahmen wurde vor ziemlich genau einem Jahr daher die neue, einheit­liche österreichische Ernährungspyramide präsentiert – damit zumindest ein festgelegter Gesprächsrahmen existiert. An der Er­arbeitung waren erstmals alle maßgeb­lichen, namhaften Organisationen im Bereich Gesundheitsförderung und Ernährung wie etwa die AGES, die Österreichische Gesellschaft für Ernährung, der Fonds Gesundes Österreich oder das Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien beteiligt. Diese Organisationen werden die Pyramide zukünftig verwenden und setzen damit einen Meilenstein in der Ernährungskommunikation.

Flexibel, single und schlecht ernährt

Ob der NAP.e ausreicht, um den Food-Trends der kommenden Jahre entgegenzuwirken, scheint wenig vielversprechend, wenn es nach Rützler geht: „Unser Essverhalten wird sich noch deutlicher als heute mehr an den jeweiligen Gelegenheiten und Möglichkeiten orientieren, als an Ernährungskonzepten oder Esstypen. Wir werden an einem stressigen Tag mit Convenience-Produkten Vorlieb nehmen oder uns mit Snacks begnügen; wenn Freunde zu Besuch sind, aufwändiger kochen; samstags am Bauernmarkt Bioprodukte kaufen und unter der Woche beim Discounter, der um 21 Uhr noch offen hat, noch schnell irgendein Brot und Milch fürs Frühstück kaufen – oder uns für einen anstrengenden Arbeitstag mit einem Besuch in einem guten Restaurant belohnen.“
Damit wird schon deutlich, dass eine einheitliche Ernährungspyramide unser Leben nicht wesentlich ändern wird. Die Anzahl der 9-to-5-Jobs wird weiter deutlich abnehmen und mehr Flexibilität im Alltagsrhythmus fordern, Singlehaushalte und Patchworkfamilien werden zur gewöhnlichen Beziehungsform. „Nicht zuletzt wegen steigender Energiepreise und der großen sozialen und ökonomischen Veränderungen in den Schwellenländern wird Essen deutlich teurer werden. Das hat natürlich massiven Einfluss auf unsere Essentscheidungen. Aber diese werden nicht durchgehend in Richtung billig fallen. Wir werden bei bestimmten Gelegenheiten sparen, bei anderen werden Qualität und Genuss den Ausschlag geben“, ist Rützler überzeugt. Damit aber noch nicht genug. Eine Reihe von gesellschaftlichen Entwicklungen deutet darauf hin, dass Essen in vielerlei Hinsicht gesünder wird. Regionale Lebensmittel werden bevorzugt, dank preisgünstiger Dampfgarer schleichen sich schonende Zubereitungsarten gleichzeitig mit fernöst­lichen Ernährungsphilosophien in heimische Haushalte ein. Die Renaissance der Ästhetik bringt mehr Bewusstsein für Essen und Tischkultur mit sich. Und schließlich bringt das gemeinsame Kochen als hippe Freizeitbeschäftigung nicht mehr nur Frauen hinter den Herd. Insgesamt tragen diese Entwicklungen allesamt dazu bei, dass wir uns viel­fältiger und ausgewogener ernähren.

Sojasauce verdrängt Maggi

So wie bei jeder Diskussion um Gesundheitsthemen darf auch zu Fragen der Ernährung der demografische Wandel nicht fehlen. „Die Menschen, die in den nächsten Jahrzehnten 70 oder 80 Jahre alt werden, haben ganz andere, vor allem viel individuellere Bedürfnisse hinsichtlich ihrer Ernährung, als noch die Generation davor. Und Senioren werden schon aufgrund ihrer wachsenden Zahl zu einer noch wichtigeren Zielgruppe“, ist die Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin Rützler überzeugt. Die Lebensmittelindustrie und der Handel, aber auch Spitäler, Alten- und Pflegeheime sowie die Gastronomie werden sich darauf einstellen müssen und neue, spezifische Angebote für diese Klientel entwickeln. „Das reicht von den Portionsgrößen und der sensorischen Qualität bis zur verstärkten Berücksichtigung individueller Unverträglichkeiten, Allergien und medizinisch indizierter Kostformen. Auch ein geringeres, dafür mit Bedacht ausgewähltes Sortiment, das einem klaren Qualitätsbegriff folgt, kommt dieser Zielgruppe sehr entgegen und natürlich Services, die Einkaufen und Kochen erleichtern bzw. die Konsumenten bei der Auswahl unterstützen“, weiß die Forscherin. Und last but not least hat auch die Globalisierung ihren Anteil am Ernährungsverhalten der Menschen. Pizza und Pasta zählen nicht nur in Italien zu den Favoriten, wenn es um die beliebtesten Speisen der Kinder und Jugendlichen geht. „Und zumindest in größeren Städten sind Kebab, Falafel, Sushi und Dim Sum Fixbestandteile unserer Außer-Haus-Verpflegung geworden. Ein Wok gehört mittlerweile zur Küchengrundausstattung und die Sojasauce hat Maggi längst den Rang abgelaufen“, fasst Rützler zusammen.

Eine Frage des Preises?

Gesunde Ernährung ist nach Ansicht der Expertin vor allem eine Frage des Geschmacks und des Bewusstseins. „Dass sich viele Menschen zu fett, zu süß und zu einseitig ernähren, hat nur wenig mit der Größe der Brieftasche zu tun. Vom Zuviel ganz zu schweigen. Es klingt vielleicht paradox, aber wir essen bestimmte Lebensmittel nicht deshalb so oft, weil sie uns schmecken, sondern es ist umgekehrt: Sie schmecken uns, weil wir sie häufig essen. Wenn wir mit salzigen und fetten Pommes, mit Zucker- oder Süßstoffbomben, die unter dem Etikett Erfrischungsgetränke verkauft werden, mit viel Fleisch und Wurst aufwachsen, wird unser Geschmack so sehr konditioniert, dass wir frisches Gemüse und gedünsteten Fisch selbst dann nicht essen, wenn sie deutlich billiger wären. Und dass man sich nur mit Bio-Lebensmitteln gesund ernähren könne, gehört zu den beliebtesten Alltagsmythen. Der höhere Preis ist dann die willkommene Ausrede“, meint die Ernährungswissenschaftlerin. Von der Lebensmittelindustrie fordert sie vor allem mehr Ehrlichkeit, von den politischen Instanzen mehr Kontrolle und strengere Auflagen bei der Lebensmittelkennzeichnung und bei den Regeln für die Bewerbung von Nahrungsmitteln. Letztlich ist für eine gesunde Ernährung jeder Einzelne selbst verantwortlich. Diese Verantwortung kann nicht an die Industrie ausgelagert werden. Damit Herr und Frau Österreicher aber auch die Verantwortung übernehmen können, brauchen sie Fachwissen über Lebensmittel und deren Zubereitung sowie verständliche Informationen zu Lebensmittelinhaltsstoffen.

Vom Denken zum Handeln

Das Geheimnis gesunder Ernährung ist leicht gelüftet: Man muss es einfach tun! Die Tipps dazu bringt die Expertin durchaus überzeugend auf den Punkt: „Zum Frühstück ein Vollkornbrot mit Frischkäse; das ist in gestoppten 30 Sekunden zubereitet. Auf dem Weg zum Büro oder in die Werkstatt ein Kilo saisonales Obst kaufen und auf das Mittagsschnitzel in der Kantine verzichten. Im Supermarkt die Tiefkühltruhen links liegen lassen und den Einkaufswagen Richtung Gemüseabteilung lenken. Abends im Wok ein leichtes Gericht mit Reis zu kochen geht genau so schnell, wie eine Tiefkühlpizza von minus zehn auf hundert Grad zu beschleunigen. Nicht der hektische Alltag ist das Problem. Es ist unser konditionierter Geschmack. Um den zu verändern, braucht es eine gelebte Praxis und überzeugende sensorische Erlebnisse mit vegetabilen Gerichten. Außer in der Top-Gastronomie und spezialisierten Restaurants sind solche Erlebnisse in Österreich tatsächlich nicht oft zu haben. Also muss man es selber machen. Kochen ist ein wichtiger Schlüssel für eine gesündere Ernährung.“ Ausprobieren und weiterempfehlen lohnt sich!

 

rh
Foto: istockphoto