Politisches Umdenken erforderlich
Elisabeth Pail, MSc, MBA, Studienlehrgangsleiterin „Diätologie“ an der FH JOANNEUM, hat anlässlich des 28. Ernährungskongresses des Verbandes der Diätologen Anfang April in Wien Einblick in die Versorgung von Adipositaspatienten in Österreich gegeben.
Wie viele Erwachsene sind derzeit in Österreich adipös?
Laut dem Ernährungsbericht 2008 sind 11 % der Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren als adipös einzustufen und weitere 31 % als übergewichtig. Dabei ist ein deutliches Ost-West-Gefälle zu erkennen. In der Prävalenz der Adipositas ist ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar, vor allem bei Männern von 6 % im Jahr 2004 auf 13 %.
Wie viele davon, schätzen Sie, sind in sinnvoller Therapie?
Obwohl die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas ständig im Steigen begriffen ist, muss die Betreuung von Adipösen in Österreich derzeit als unzureichend angesehen werden. Zur Versorgung Adipöser in Österreich liegen aufgrund fehlender Dokumentation in vielen Bereichen nur punktuell Daten vor: Zahlreiche österreichische Krankenhäuser bieten in Adipositas-, Stoffwechsel- oder Diabetesambulanzen medizinische Versorgung für Adipöse an. Die Daten dieser Ambulanzen werden allerdings nicht systematisch erfasst, daher sind keine Angaben zur Versorgungsleistung möglich.
Wohin geht die Entwicklung in den kommenden zehn Jahren?
Internationale Daten weisen darauf hin, dass es kaum ein Land gibt, in dem die Prävalenz der Adipositas nicht steigt. Die WHO spricht angesichts der weiterhin steigenden Trends von der „Epidemie des 21. Jahrhunderts“. Hält der linear steigende Trend an, wird im Jahr 2040 jeder Zweite einen BMI von > 30 kg/m2 aufweisen. Da die Adipositas eine chronische Erkrankung darstellt, reichen kurzfristige Therapiemaßnahmen für eine erfolgreiche Behandlung nicht aus. Langfristige Maßnahmen sind eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem.
Welche Gründe gibt es für das krankhafte Übergewicht?
Die Adipositas ist als heterogene Störung zu betrachten, die auf verschiedene Ursachen zurückzuführen ist. Prinzipiell kann aber Übergewicht nur entstehen, wenn die tägliche Kalorienaufnahme langfristig den Kalorienverbrauch übersteigt. Eine positive Energiebilanz kann sowohl genetische, biochemische als auch psychosoziale Gründe haben. Die größten Einflüsse auf die Gewichtszunahme üben ein inaktiver Lebensstil und eine hohe Aufnahme an energiereichen und nährstoffarmen Nahrungsmitteln aus.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Ernährungsgewohnheiten der Menschen grundlegend geändert. Laut Daten der WHO lag zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Zuckerkonsum pro Person und Jahr bei weniger als 5 kg – derzeit sind es in Europa zwischen 40 und 60 kg. Gleichzeitig wird zu wenig Obst und Gemüse verzehrt. Insgesamt wird jedoch aufgrund des größeren Nahrungsangebotes auch mehr gegessen. Dazu ist in den westlichen Industrienationen der Bewegungsumfang sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern rückläufig. Durch den Mangel an körperlicher Aktivität sinkt zum einen der Energieverbrauch, zum anderen verändert sich die Körperzusammensetzung dahingehend, dass die stoffwechselaktive Muskelmasse abnimmt. Dadurch kommt es zu einer Senkung des Grundumsatzes, wodurch es sehr leicht zu einer positiven Energiebilanz kommt. Aber auch psychische Faktoren wie Stress, Depressionen und Essstörungen sowie endokrine Erkrankungen können Ursachen von Übergewicht und Adipositas sein. Natürlich spielen auch die genetische Disposition und das soziale Umfeld eine entscheidende Rolle. Weitere Ursachen stellen unter anderem verschiedene Medikamente – zum Beispiel Antidepressiva – oder besondere Lebensumstände wie Immobilität, Klimakterium oder der Verzicht auf Nikotin dar.
Wer ist im Regelfall die „erste medizinische Anlaufstelle“ für Adipöse?
Ich würde sagen im günstigen Fall Hausärzte, Internisten oder Diabetes- und/oder Adipositasambulanzen. Leider fallen Adipöse aber auch sehr oft unseriösen Programmen zum Opfer, die mit unrealistischen Versprechen, wie etwa 10 kg in 2 Wochen abzunehmen, werben. Den Weg zu einem Spezialisten finden die Patienten leider oft sehr spät. In dieser Phase ist auch die Gewichtsreduktion bereits sehr schwierig, da aufgrund diverser einseitiger Diäten die Muskelmasse und damit der Energieumsatz völlig reduziert sind. Hier ist eine umfassende Betreuung von besonderer Wichtigkeit.
Man sagt, dass krankhaft übergewichtige Menschen oft nur sehr schwer dazu zu bewegen sind abzunehmen. Stimmt das mit Ihrer Erfahrung überein?
Fakt ist, dass die Therapie der Adipositas mit zunehmender Dauer der Erkrankung schwieriger wird und die Erfolgschancen sinken, was aber nicht zwangsläufig an der fehlenden Motivation der Patienten liegt. Wichtig ist die Implementierung von präventiven Maßnahmen. Dazu wird aber ein fundamentales Umdenken der Gesundheitspolitik notwendig sein, um ausreichende Mittel für Prävention zur Verfügung zu stellen.
Welche Programme stehen adipösen Menschen zur Gewichtsreduktion zur Verfügung?
Eine Bestandsaufnahme, die 2008 im Auftrag der österreichischen Adipositasgesellschaft durchgeführt wurde, ergab insgesamt 35 Einrichtungen in Österreich, in denen strukturierte Programme für Adipöse angeboten werden. Die Qualitätskriterien für ambulante Adipositasprogramme fordern hinsichtlich der personellen Voraussetzungen einen Arzt mit ernährungsmedizinischer Qualifikation, einen Diätologen, einen Physiotherapeuten sowie einen Psychologen. Diese Empfehlungen erfüllen nur 13 der 35 Einrichtungen. Das Angebot an Adipositastherapiekonzepten ist unüberschaubar und über weite Strecken unwissenschaftlich und unseriös. Daneben gibt es im deutschsprachigen Raum einige wissenschaftliche und evaluierte Therapiekonzepte, zum Beispiel „Leichter Leben“, „Schlank ohne Diät“, „Weight Watchers“, „Optifast-52“ oder „MyLine“. Der Zugang zu diesen Programmen ist allerdings beschränkt: aus organisatorischen oder finanziellen Gründen.
Wie steht es um die Finanzierung?
Die Gewährleistung eines adäquaten Therapiekonzeptes ist leider sehr häufig durch unzureichende finanzielle Ressourcen eingeschränkt. Da in Österreich die Finanzierung der Adipositastherapie vonseiten des Gesundheitssystems nicht geregelt ist, sind Programmdurchführende oftmals gezwungen, sich selbst auf die Suche nach Fördergebern und Sponsoren zu machen, um die Teilnehmerbeiträge, die meist sozial schwächer gestellte Patienten betreffen, so gering wie möglich gestalten zu können.
Es gibt in Österreich kein einheitliches Betreuungsangebot und für die Kosten muss der/die Einzelne häufig selbst aufkommen. Daher ist es notwendig, wirksame und leicht zugängliche Therapiekonzepte anzubieten, die eine Reihe von Qualitätskriterien erfüllen sollten, wie etwa die Betreuung durch ein qualifiziertes Team, wissenschaftliche Evidenz als Basis sowie laufende Evaluierungen.
Wo werden effektive Adipositasprogramme angeboten?
Auf der Homepage der Österreichischen Adipositasgesellschaft www.adipositas-austria.org findet sich eine Liste von Krankenhäusern mit Adipositas-, Stoffwechsel- oder/und Diabetesambulanzen, sowie eine Broschüre mit Kontaktadressen von Therapieangeboten.
rh
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