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BuchtippAnita Rieder, Brigitte Lohff (Hg.): Gender Medizin.Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis. Erstmals im deutschen Sprachraum wird die Gender Medizin aus der Sicht von unterschiedlichen klinischen Fachbereichen, wie etwa Kardiologie, Rheumatologie, Intensivmedizin und Psychiatrie, sowohl wissenschaftsorientiert als auch praxisrelevant aufbereitet. 443 Seiten, geb., 2., überarb. u. erw. Aufl. 2007, € 59,80
Österreichische Gesellschaft für Geschlechtsspezifische MedizinDie neu gegründete Österreichische Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (ÖGGSM, Vorstand: Univ.-Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek und Dr. Michael Eisenmenger) stellt sich dem gesellschaftspolitischen Auftrag, interdisziplinär mit allen medizinischen Fachgesellschaften, in Kooperation mit den Ärztekammern, der Pflegewissenschaften, der Politik und den Medien die geschlechtsspezifische Medizin als zentralen Ansatz in der medizinischen Aus- und Weiterbildung, der Forschung, der klinischen Praxis und der Vorsorge in allen Lebensbereichen umzusetzen. |
![]() Gender MedizinWann wird der gar nicht so kleine Unterschied endlich zur Kenntnis genommen? Auf der Homepage der sonst sehr beliebten Seminare des FAM (Fortbildungszentrum Allgemeinmedizin) ist zu lesen, dass das Seminar „Gendermedicine“, das für den 28./29. April 2007 geplant war, leider abgesagt werden musste – wegen zu geringer Teilnehmerzahl. Der 2. Internationale „Congress of Gender Medicine 2007“, mit internationalen Top-Referenten, konnte am 2./3. Juni zwar abgehalten werden, das Interesse war aber alles andere als berauschend – und das kann nicht nur an der Kongresssprache Englisch liegen. Wie so oft in der Medizin sitzt uns da anscheinend die Tradition im Nacken: Medizin ist männlich, sie wird von Männern dominiert, und es wurde auch nur an männlichen Probanden, männlichen Versuchstieren und männlichen Zellen geforscht. Die Medizin der vergangenen Jahrhunderte war sicher eine von Männern für Männer gemachte, der Wissenschaftsbetrieb (aus weiblicher Sicht) ein männlicher Geheimbund. Erst sehr langsam dringen die – in der Praxis bisher kaum beachteten – sozialen, psychischen und physischen Differenzen zwischen Mann und Frau in das Bewusstsein der Mediziner. Der Begriff „Gender-Medizin“ meint dabei die Unterschiede in allen Lebensbereichen, wobei „Sex“ für das biologische und „Gender“ für das soziale Geschlecht steht. Aus der Forschung ausgeschlossenFrauen reagieren auf Medikamente anders als Männer, sind aber bis dato überhaupt nicht oder kaum in medizinischen Studien vertreten. Geforscht wird traditionell an Männern mittleren Alters, Frauen waren und sind fast komplett aus medizinischen Studien ausgeschlossen. Die „männlichen“ Daten werden einfach auf Frauen übertragen. Als man darauf aufmerksam wurde, dass Frauen nach einem linkshirnigen Insult ein rascheres Erholungsvermögen der Sprache zeigen als Männer, konnte mittels Magnetresonanzspektroskopie gezeigt werden, dass Frauen „beidhirnig“ sprechen, d.h. nicht nur links-, sondern auch rechtstemporal über ein Sprachzentrum verfügen, das nach dem Insult die Ersatzfunktion übernehmen kann. Männer haben ihr Sprachzentrum nur linkstemporal. Benachteiligt sind beide GeschlechterDie Geburtsstunde der Gender Medizin war, als man hellhörig wurde, dass Frauen anders zu behandeln sind als Männer. Das fiel zu allererst in der Kardiologie auf. Die Symptome beim Herzinfarkt sehen bei Frauen ganz anders aus als bei Männern, daher wird ein Infarkt bei Frauen später erkannt, weniger aggressiv behandelt, und die Prognose ist dementsprechend schlechter. Die zunehmende Sensibilität für Gender-Fragen rückte in letzter Zeit auch medizinische Bereiche in den Vordergrund, in denen Männer benachteiligt sind. Am Gender-Kongress wurden Daten präsentiert, denen zufolge gesunde junge Frauen mit Migräne mit Aura ein 2,8-fach erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall und ein 2,4-fach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt haben. In diesem Fall sind die Männer die Benachteiligten, denn in dieser Indikation liegen für Männer keine Daten vor. Migräne ist ja bislang eine „weibliche“ Erkrankung. Wie auch die Osteoporose, an der viel mehr Männer leiden, als man sich gemeinhin vorstellt. Daten gibt es auch in dieser Indikation für Männer nicht. Frauen sind häufiger bei Vorsorgeuntersuchungen anzutreffen. Bei Männern werden manche Karzinomarten daher viel später entdeckt. Eine frauenspezifische Medizin hat sich einigermaßen etabliert, die männerspezifische Medizin steckt dagegen noch in den Kinderschuhen.
Text: Robert Harsieber | Foto: Fotolia |
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