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Burgherr aus LeidenschaftLebensart | Die Renovierung einer rund 800 Jahre alten Burg ist ein Projekt, das nicht viele Menschen wagen würden. A.o. Univ.-Prof. Dr. Leopold Saltuari lebte seinen Traum – und empfindet heute Wangen-Bellermont als „Kraftplatz“ für sich und seine Familie. Es muss der Traum eines jeden Buben sein: eine alte, geschichtsträchtige Burg in Südtirol, komplett mit Burggraben und Zugbrücke, vollgestopft mit so manchen Kuriositäten, die es zu entdecken gilt – von einem zweiköpfigen Embryo über einen ausgestopften Hai bis hin zu einer wertvollen Mineraliensammlung. Und das alles im Besitz einer liebenswerten Urgroßtante, die nichts dagegen einzuwenden hat, dass man die Geheimnisse des Raumes nach Lust und Liebe erforscht. Mission & LebenstraumDer Bub: heute Univ.-Prof. Dr. Leopold Saltuari (57), Vorstand der Abteilung für Neurologie und Akutbehandlung am LKH Hochzirl in Tirol. Der Traum: nicht ausgeträumt, sondern als private Mission und Lebenswerk realisiert. 1985 erwarb der Arzt die Burg Wangen-Bellermont im Südtiroler Sarntal „als Halbruine“ und baute sie in 20 Jahren mit viel Liebe, jedoch oft unter großen bürokratischen und baulichen Hürden zu dem aus, was sie heute ist: sein privates Refugium, der Rückzugsort für ihn und seine Familie, und manchmal sogar Ort der Begegnung für internationale Neurologie-Workshops, die ihr Besitzer aus privatem Interesse veranstaltet. Wangen-Bellermont: einst Vision, jetzt WirklichkeitAber zurück zur Burg Wangen-Bellermont: Sie wurde 1206 von den mächtigen Herren von Wangen, Vertrauensleute des Bischofs von Trient, gebaut. Während der Auseinandersetzungen zwischen dem Bischof von Trient und dem Grafen Meinhard II. von Tirol scheint die Burg 1277 zerstört worden zu sein. Wahrscheinlich blieb sie mehr als 200 Jahre lang Ruine, bis sie kurz nach 1500 wieder zu einem bewohnbaren Gebäude gestaltet wurde. 1615 erwarb Max Sittich von Wolkenstein das „Schloss“, das allerdings bis 1766 wieder zu einer Ruine mutierte. Erst in der Zeit des Historismus, also etwa ab 1880, wurden Burgen neuerlich von wohlhabenden Menschen mit einem Hang zur Romantik als Wohnsitz „entdeckt“. So kam es, dass 1836 der Baumwollspinner Julius Jordan Bellermont die Burg als Wohnsitz erkor und das Gebäude in den folgenden Jahren nicht immer geschmackvoll renovierte. 1896 kam erstmals die Familie von Saltuari in Kontakt mit Bellermont. Der Vater von Cilli Gasser – also jener Tante, die den jungen Leopold ungehindert durch die Burg streifen ließ – erwarb das Gemäuer als Wohnsitz und baute dort – unter anderem – seine Mineraliensammlung auf, die mittlerweile in einem eigenen Museum in Bozen untergebracht ist. „Alle Kinder der Familie haben Tante Cilli geliebt“, erinnert sich Saltuari lächelnd, „sie war großzügig, unkonventionell, hatte sehr liberale Anschauungen und wurde vielleicht deswegen von den erwachsenen Familienmitgliedern nicht immer geschätzt.“ Cilli Gasser lebte bis 1975 auf Bellermont, bis zu dem Zeitpunkt, als sie die Burg an einen Makler verkaufte. Gegen alle WiderständeZehn Jahre später – Bellermont stand bis dahin leer – erwarb Saltuari die Burg. „Es war eine Halbruine“, stellt der Besitzer fest, „und es war mir klar, dass ich viel Zeit und Engagement brauchen würde, um sie wieder zu einem Wohnsitz zu machen.“ Neben eher zweifelhaften Renovierungen aus der Zeit des Historismus, die das Gesamtbild beeinträchtigten, waren es vor allem bürokratische Hürden – meist Bauauflagen – die dem Bauherrn zu schaffen machten. Schließlich sieht die „Charta von Venedig“, also jene Bauvorschrift, die international für die Restaurierung von historischen Gebäuden Gültigkeit hat, vor, dass Veränderungen oder Anbauten deutlich als solche erkennbar sein müssen. „Das Gesamtbild passt heute“, meint Saltuari. „Wir haben ohne den Einsatz von in Italien empfohlenem Stahl oder modernen Glasfronten die Burg renovieren können.“ Geärgert haben den Arzt – nach Eigendefinition ein „emotional durchaus kontrollierter Mensch“ – jedoch offenbar heftig jene letztlich sechs Architekten, die er für die Wiederherstellung der Burg beschäftigt hatte. „Wenn mir heute jemand sagt, dass irgendetwas ‚technisch absolut kein Problem’ ist, dann weiß ich, dass garantiert ein großes Problem auf mich zukommt.“ „Lebensqualität wie in einem kleinen Dorf“Dass das Wohngefühl auf Bellermont nicht dem vergleichsweise sehr bequemen Leben in einem modernen Einfamilienhaus entspricht, stört Saltuari und seine Familie nicht. „Unser Wohnraum im Palas (repräsentativer Saalbau einer mittelalterlichen Burg, Anm.) umfasst immerhin knapp 170 Quadratmeter. Die Mauern der Burg sind bis zu drei Meter dick. Die Heizung mit offenen Kaminen, aber auch mit Holz und Öl, ist meist bis Mai in Betrieb. Da heißt es schon oft, sich im wahrsten Sinn des Wortes warm anzuziehen.“ Für Saltuari ist seine Burg ein willkommener Ausgleich zum Berufsleben. „Die Gedanken sind dort sehr frei“, resümiert er. „Ein Aufenthalt in Bellermont lädt die Batterien auf – körperlich genauso wie emotional.“ Und davon profitieren nicht nur seine Familie, sondern zweifelsfrei auch seine Patienten in Hochzirl.
Text: Ruth Mayrhofer | Fotos: Privat |
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