MEDIZINISCHE FORTBILDUNG & KARRIERE | VLKÖ

Wie viel Leistung verträgt der Arzt?

„Burnout“ wurde bereits im Jahr 2011 zum „Wort des Jahres“ gekürt – ein

Attribut, das mehr als deutlich macht, wie weit verbreitet dieser emotionale Zustand in unserer Arbeits- und Lebenswelt geworden ist. Leitende Krankenhausärzte zählen zu jener Berufsgruppe, die am meisten betroffen ist.

Statt Mitarbeiter blindlings ans Limit zu führen, ist der Manager von heute gefordert, Arbeitsabläufe zu strukturieren und ef- fiziente Rahmenbedingungen zu schaffen. Die große Kunst für leitende Krankenhausärzte ist dabei, angesichts der Dop- pelbelastung von operativer Tätigkeit im Patientenbetrieb und Managerdasein für Mitarbeiter und Kollegen selbst nicht ins Burnout zu fallen. Mediziner wissen um die Diagnose meist genau Bescheid: Burnout bezeichnet einen Zustand totaler emotionaler Erschöpfung mit eingeschränkter bis fehlender Leistungsfähigkeit. ICD 10 Code gibt es dafür keinen und man- che halten die „unspezifische“ Stresserkrankung daher immer noch für eine Modediagnose bei vorübergehender Arbeits- unlust. Dass es in der Praxis längst nicht darum geht, sich nicht engagieren zu wollen, sondern nicht mehr zu können, hat auch der Gesetzgeber erkannt und nimmt seit 2013 die Arbeitgeber in die Pflicht, ihre Mitarbeiter im Zuge der Evaluierung und Minimierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz zu schützen. Im Grunde genommen kann es jeden treffen – nicht nur Führungskräfte, denn nicht unbedingt die Menge, sondern die Qualität der Arbeit ist letztendlich entscheidend: Arbeit, die Freude macht, wird als weniger belastend empfunden als Tätigkeiten, die als nicht-sinnstiftend angesehen wer- den oder in einem Rahmen ablaufen, in dem der Mitarbeiter oder die Führungskraft wenig Chance hat, Einfluss zu neh- men. Und genau in dieser Schere stecken viele der Primarärzte, denn die Arbeitsbelastung steigt und die Handlungsspiel- räume werden kleiner. Von Selbstbestimmung kann im Spitalsbetrieb oft kaum mehr die Rede sein.


Nachgefragt bei ...

... Prim. Dr. Erich Pospischil, Leitung Arbeitsmedizin, AMZ Wr. Neudorf


Ist das Burnoutrisiko bei Primarärzten größer als bei anderen Gesundheitsberufen?

Grundsätzlich sind Mediziner weit mehr gefährdet, weil sie eine sehr hohe Verantwortung tragen und unter steigendem Druck Höchstleistungen vollbringen. Burnout wurde auch oft als Helfersyn- drom bezeichnet und ist daher gerade in medizinischen Berufen weit verbreitet. Primarärzte ha- ben nicht nur Verpflichtungen gegenüber ihren Patienten, sondern auch ge

genüber den Mitarbeitern und der Organisation, das heißt, sie sind in vielfacher Hinsicht unter Druck.


Nehmen Ärzte seltener Hilfe in Anspruch?

Das Problem dieser Berufsgruppe ist ebenfalls eine doppeltes: Einerseits müssen sie, wenn es um Patienten geht, oft rasch und allein entscheiden, was zu tun ist. Sie selbst werden dann auch oft mit ihren eigenen Problemen alleingelassen und erhalten keine Supervision oder Coaching vonseiten des Spitals. Im ärztlichen Bereich und speziell auf Ebene der Führungskräfte ist das An- gebot sehr dünn und wenig verfügbar. Die Kosten übernimmt der Träger meist nicht und von der wenigen Freizeit muss man sich diese Möglichkeiten dann auch noch zeitlich absparen. Ich den- ke, dass es Primarärzte weitaus schwerer haben, hier Zugang zu professioneller Hilfe zu erhalten.


Auf welche Zeichen ist zu achten?

Der Verlauf von Burnout erfolgt stufenförmig und fängt oft unbemerkt an, die Palette der Sympto- me ist breit und auch, wie es der Einzelne auslebt und nach außen trägt. Das Tagesgeschäft ist eine ideale Ablenkung, damit man sich nicht mit sich selbst beschäftigen muss. Nicht jede Abge- schlagenheit, Müdigkeit oder Schlafstörung muss gleich Burnout sein, kann aber schon ein mas- sives Anzeichen dafür sein. Gerade übersteigerter Zynismus gegenüber Kollegen oder Patienten ist ein gutes Beispiel dafür, dass Überforderung verdeckt werden soll. Das beobachten wir gera- de im Gesundheitswesen sehr häufig und das sind auch erste Alarmsymptome. Bis Ärzte sich dann eingestehen, dass sie selbst Hilfe benötigen, braucht das viel Zeit und der Krankheitsverlauf ist dann schon sehr fortgeschritten.


Welchen Lösungsvorschlag haben Sie für Ihre Kollegen?

Hinterfragen Sie die eigene Situation, machen Sie regelmäßig eine ehrliche Standortbestimmung und lernen Sie, Supervision in Anspruch zu nehmen. Oder, wenn Sie schon erste Signale einer stressbedingten Erkrankung entdecken, delegieren Sie und schaffen Sie sich bewusst Freiräume. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil – ein Zeichen einer stabilen Führungs- kraft. rh