THEMA | Asperger-Syndrom

„Anders als die anderen“

Die Diagnose des Asperger-Syndroms lässt viele betroffene Menschen zuerst einmal hilflos zurück. Neben der Erleichterung, dass endlich eine Erklärung für bestimmte Verhaltensauffälligkeiten da ist, treten gleichzeitig viele Fragen im Hinblick auf Schule, Beruf oder Partnerschaft auf.

Wie mit dem Leben nach der Diagnose Asperger-Syndrom zurechtzukommen ist, weiß Dr. Christi- ne Preißmann wohl am besten. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin und nähert sich dem Thema nicht nur aus diesen beiden Disziplinen. Denn sie ist auch selbst Be- troffene und kennt damit sowohl die Sichtweise der Patienten als auch die Außensicht der Behand- ler. In ihrem aktuellen Buch „Asperger – Leben in zwei Welten“ trägt sie diese Erfahrungen zusam- men, denn sie ist überzeugt, dass Ressourcen dann am besten genützt werden können, wenn es einen Austausch zwischen den Fachexperten und den Betroffenen sowie ihren Angehörigen gibt. „Beide Seiten machen ihre Erfahrungen und gemeinsam können sie Probleme zielführend ange- hen“, sagt Preißmann. Sie will mit ihrem Buch und ihren Fachvorträgen vor allem Menschen mit Asperger-Syndrom darin bestätigen, eigene Lösungen für die wichtigsten Herausforderungen zu suchen und den Angehörigen, Freunden und Helfern vermitteln, welche Hilfsmöglichkeiten es ge- ben könnte. „Viele Verbesserungen erfolgen in kleinen Schritten, die sich aber im Lauf der Zeit summieren, sodass Patienten ihre Persönlichkeit entfalten und ihre Fähigkeiten optimal einsetzen können“, ist die Medizinerin überzeugt.


Besser verstehen

In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Erklärungen um neuropsychologische Grundlagen, die zu einem bes- seren Verständnis von Autismus und Asperger geführt haben. Hochfunktionaler Autismus und Asperger-Syndrom sind beides Formen von Autismus. Unter dem Begriff „Theory of Mind“ werden Denkprozesse summiert, die es er- möglichen, fremdes und eigenes Verhalten zu erkennen und zu verstehen sowie in die eigene Planung einzubezie- hen. Sie bilden die Basis für soziale Interaktion und sind oft bei Menschen mit Autismus mangelhaft entwickelt. So fällt es ihnen oft schwer, in das eigene Handeln einzubeziehen, was andere Menschen bereits wissen, Freund- schaften zu knüpfen, aber auch bewusst zu täuschen, zu lügen oder das Interesse anderer einzuschätzen. „Unge- schriebene soziale Regeln verstehen wir oft nicht. Wir wünschen uns eine klare Sprache, denn meist können wir Metaphern oder Sprichwörter auch nicht gut verstehen“, erklärt Preißmann. Das Verständnis für sie und ihre Anlie- gen hat sich verbessert, seit sie ihren Kollegen am Arbeitsplatz von ihrer Erkrankung erzählt hat. „Es ist wichtig, das Thema anzusprechen, denn jetzt erkennen die Kollegen einfacher, dass es an meiner Erkrankung und nicht an einer schlechten Laune liegt, wenn wir Kommunikationsmissverständnisse haben oder ich manchmal ein Verhalten an den Tag lege, das sie nicht einordnen können“, gibt die Medizinerin Einblick in ihren Tagesablauf. Ängste und Gefühle anderer zu verstehen oder die eigenen zu verbalisieren, fällt ihr schwer. „Im Rahmen einer längerfristigen Therapie können aber sichtbare Verbesserungen erzielt werden“, weiß die Ärztin. Auch hier kommt ihr die eigene Erfahrung zugute: „Ich selbst mache seit über 20 Jahren eine ambulante Psychotherapie, in der ich vieles gelernt habe. Noch heute kann ich manche Gefühlsqualitäten kaum und andere nur dann wahrnehmen, wenn sie ganz ein- deutig sind. Problematisch sind für mich vor allem Empfindungen wie Ärger und Wut oder auf die Gefühle anderer adäquat zu reagieren.“ Experten gehen hier von einer frühen Fehlentwicklung des Hirnareals aus, das an der Verar- beitung emotionaler Prozesse beteiligt ist.


Eine andere Theorie geht davon aus, dass bei Menschen mit Autismus eine schwache zentrale Kohärenz vorliegt. Wahrnehmung und Denken wird bei nicht-autistischen Menschen durch Reize ausgelöst, die in einem Bezug zu an- deren Reizen und Informationen stehen. Menschen, Objekte und Situationen werden daher immer in einem Kontext wahrgenommen. Nicht so bei Menschen mit Autismus – sie beachten weniger diese Zusammenhänge und Bezie- hungen, sondern sehen vielmehr isolierte Details. Daher stammt auch der Wunsch nach wenig Veränderung und möglichst viel Gleichförmigkeit, denn komplexe und neue Situationen sind für Betroffene schwerer zu begreifen und einzuordnen. „Daher ist zum Beispiel der Besuch einer Regelschule für manche Betroffene eine große Herausfor- derung. Sie kommen mit Pausen, der geforderten Flexibilität und dem Verhalten der vielen anderen Mitschüler oft nicht zurecht. Ein Mittelweg zwischen Integration und erforderlicher Sonderbehandlung erfordert vor allem ver- ständnisvolle Lehrer“, ergänzt Preißmann. So hilft es zum Beispiel, wenn autistische Kinder ihre Klassenarbeiten in einem separaten, ruhigen Raum schreiben dürfen, in der Pause nicht dem „Chaos“ auf dem Schulhof ausgesetzt sind oder an Sportfesten und Schulfeiern vielleicht ein wenig im Abseits stehen dürfen. Auch der Deutschunterricht kann zu einer großen Herausforderung werden, wenn es zum Beispiel um Geschichten oder Interpretationen geht, denn: „Zwischen den Zeilen lesen können wir nicht“, so Preißmann.