FORSCHUNG I Darmerkrankungen

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Leaky gut: Der durch- lässige Darm

Die lebensnotwendige Darmschleimhaut kann aufgrund einer Vielzahl von Ursachen durchlässig werden. Therapeutische Optionen sind vorhanden, auf eine längere Therapie müssen sich Patient und Arzt allerdings gefasst machen, warnt Allgemeinmediziner Prof. DDr. Claus Muss.

Prof. DDr. Claus Muss, Allgemeinmediziner

?Woher stammt der Begriff „Leaky gut“?

Der Begriff stammt aus der mikrobiotischen Forschung, er bezieht sich auf die gastrointestinale Permeabilitätsstörung, die sich in der Mukosa des Dünndarms darstellt. Die Darmbarriere erfüllt sehr wichtige Aufgaben in unserem Organismus: Auf der einen Seite schützt eine intakte Darmbarriere den menschlichen Organismus vor dem Eindringen von Mikroorganis- men und Toxinen, auf der anderen Seite muss diese Barriere offen sein, um essenzielle Flüssigkeiten und Nährstoffe aufzu- nehmen. Hier kommt es zur Lösung von sogenannten Tunnelproteinen (Tight junctions, z. B. Occludine und Claudine), da- mit wird die Durchlässigkeit für Proteine und andere Substanzen aus dem Darm erhöht, und das wiederum hat einen Effekt auf das sogenannte Mukosa-assoziierte Immunsystem (MALT) der Darmschleimhaut. Man darf sich den „durchlässigen“ Darm allerdings nicht als einen „löchrigen“ Darm vorstellen, sondern es handelt sich dabei um eine wirklich nur histolo- gisch bzw. immunologisch nachweisbare funktionelle Störung; das Ganze spielt sich also eher im mikroskopischen Be- reich ab.


?Welche Ursachen stecken hinter diesem Phänomen?

Die Ursachen sind vielfältig, aber es sind vor allem Entzündungsvorgänge an der Darmschleimhaut, die durch verschiede- ne Faktoren ausgelöst werden: Stress hat einen nachhaltigen Effekt auf die Darmschleimhaut, immunologische Reaktionen können weiter durch Allergien, Unverträglichkeiten oder Entzündungen ausgelöst werden, und auch Toxine können hier mitwirken. Das Prinzip ist einfach: Eine Reaktion findet an den Strukturen der Darmschleimhaut statt, womit sich auch die Konsistenz des Darmschleims letztendlich mit verändert, der ja einhüllend und damit schützend auf der Darmoberfläche liegt. Insgesamt wird mit diesem Prozess die Durchdringlichkeit der Darmschleimhaut für Mikroorganismen, Allergene, Nahrungsbestandteile oder Toxine erhöht.


?Wie rasch können Symptome entstehen?

„Leaky gut“ beschreibt keine Krankheit, sondern einen Zustand, der in andere Symptome münden kann, und diese Sym- ptome sind sehr vielfältig: die unterschiedlichsten gastrointestinalen Symptome bis hin zu Nahrungsmittelunverträglichkei- ten oder allgemeine Müdigkeit oder Infektanfälligkeit. Wie schnell und wie lange die Symptome auftreten beziehungsweise anhalten, ist ebenfalls sehr unterschiedlich: Es kann in manchen Fällen beispielsweise schon ausreichen, einige Tage Anti- biotika oder Schmerzmittel einnehmen zu müssen, um die Entstehung eines „Leaky gut“ zu begünstigen. In der Regel liegt aber ein langfristiges Geschehen vor, das sich im Darm etabliert hat und das auch über längere Dauer – häufig auch un- diagnostiziert – unspezifische Symptome auslöst.


?Ist ein therapeutisches Eingreifen erforderlich?

Wenn der Patient Symptome angibt, die Beschwerden verursachen und die nachvollziehbar sind, dann sollte man eingrei- fen. Patienten mit Leaky-gut-Störungen werden häufig auch als „Reizdarm-Patienten“ verkannt. Letztendlich empfiehlt es sich für eine ausgewogene Darmflora zu sorgen, dafür wird eine spezifische Mikrobiologische Therapie eingesetzt. Zum anderen gibt es Möglichkeiten, die Toxine zu binden, die an der Darmschleimhaut das Phänomen des „Leaky gut“ auslö- sen, das sind bestimmte Oberflächensubstanzen wie etwa Zeolith. (1) Und dann gibt es noch andere Wirkstoffe, die sich auf der Darmschleimhaut verteilen können und eine Protektionsschicht fördern. Hierzu führen wir bei der Internationalen Gesellschaft für angewandte Präventionsmedizin (I-GAP) derzeit verschiedene Studien durch.


?Wie lange dauert es, bis eine Linderung der Symptome eingetreten ist?

Meist ist eine längere Therapiedauer erforderlich, um die Integrität der Darmschleimhaut langfristig wiederherzustellen. Die Behandlung kann sich über Wochen, Monate oder sogar über Jahre erstrecken. Eine besondere Rolle scheint dabei auch die Prophylaxe durch eine ausgewogene Ernährung zu spielen.


?Gibt es besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen für einen Leaky gut?

Die Auslöser sind wie bereits erwähnt sehr vielfältig. Aber Menschen, die häufig Medikamente einnehmen müssen oder Menschen mit Allergien sind sicher prädisponiert; bei letzteren können etwa Kreuzreaktionen mit Nahrungsmitteln auftre- ten, das kann sich an der Darmschleimhaut implementieren. Auch bei Mangelernährung und im Alter kann ein „Leaky gut“ gehäuft auftreten, wobei aber auch durchaus Fälle im Kindesalter bekannt sind. Weiterhin ist der Konsum von vielen Kon- serven (Konservierungsstoffe!) nicht unbedingt zu empfehlen. Besser ist eine ausgewogene, regionale, biologisch wertvol- le Frischkost zu empfehlen!


?Wie können Ärzte ihre Patienten noch unterstützen?

Ärzte sollten daran bei unklaren Bauchbeschwerden überlegen, dass dieses Unwohlsein im Bauch, die Bauchschmerzen, ein Meteorismus, nicht nur Kavaliersdelikte sind und auch nicht zwingend nur psychisch überlagert sein müssen. Auch ein vermeintlicher Reizdarm kann weiter ursächlich in Hinblick auf ein „Leaky gut“ abgeklärt werden.


luh



Originaltext: Journal für Gastroenterologische und Hepatologische Erkrankungen 2018, 16:66-69, Springer-Verlag GmbH Austria

Literatur: (1)Lamprecht, et al. (2015): Effects of zeolite supplementation on parameters of intestinal barrier integrity, inflammation, redoxbiology and performance in aerobically trai- ned subjects. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 12:40  doi:10.1186/s12970-015-0101-z.