Im Gespräch | Medizin & Ökonomie

„Österreich braucht ein

mutiges ‚Think Big‘“

Prof. Dr. Babette Simon, M.Sc. HCM, Humanmedizinerin und Betriebswirtin,

Vorstandsvorsitzende der Mainzer Universitätsmedizin (D) und Wissenschaftlicher Beirat in der Österreichischen Ludwig Boltzmann Gesellschaft im Wordrap.

Foto: Peter PULKOWSKI

Für die Medizin habe ich mich entschieden, weil … ich kranken Menschen helfen wollte. Meine Studi- enzeit war für mich eine wichtige Orientierungs- und Entwicklungsphase. Währenddessen packte mich Neugier, Begeisterung und Faszination für die medizinische Wissenschaft, was mich bewog, eine univer- sitäre Karriere in der Medizin einzuschlagen. Mein Wechsel in das Medizinmanagement war vor allem ge- tragen von dem Wunsch, stärker übergeordnet und gestaltend tätig zu sein.


Medizinische Forschung in Österreich ist … international gesehen kompetitiv und in Teilbereichen Spit- zenklasse, gleichwohl durch Bündelung von Know-how, also durch Verstärkung der Kooperationen, weite- re Synergien entstehen könnten.


Für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre verspreche ich mir besonders viel von … kooperativen, fach- übergreifenden Plattformen zur Adressierung gesellschaftlicher Herausforderungen im Gesundheitsbereich (beispielweise Digital Health), wie sie etwa in der Ludwig Boltzmann Gesellschaft umgesetzt werden.


Was der Forschungsstandort Österreich braucht, ist … ein mutiges „Think Big“: In der Umsetzung braucht es große Visionen und vor allem eine private Investitionskultur insbesondere für den Start-up-Be- reich. Auch eine übergreifende Wissenschafts- und Forschungspolitik mit langfristigen Innovationsstrate- gien wären begrüßenswerte Entwicklungen. Um in einigen Feldern zur internationalen Spitze zu gehören und dort Innovationsführerschaft zu behaupten, braucht es eine verstärkte Fokussierung auf erfolgver- sprechende Stärken sowie ausreichend Freiraum für Kreativität.


Ökonomische Aspekte in der Medizin sind … wichtig und geboten, aber nur dann, wenn sie dem Wohl des Patienten dienen. Die primäre Maxime muss stets eine bestmögliche Gesundheitsversorgung der Ge- sellschaft sein.


Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft ist … eine innovative Forschungsorganisation, die in Interaktion mit den gesellschaftlichen Akteuren in einem kooperativen, transsektoralen Setting große gesellschaftliche Themen aufgreift, über einen längeren Zeitraum wissenschaftliches Know-how aufbaut und dieses nach- haltig im Sinne eines Forschungsinkubators dem Forschungsstandort zur Verfügung stellt.


Für die Zukunft der österreichischen Forschung wünsche ich mir, … dass Österreich in den nächsten Jahren aufgrund einer ambitionierten und koordinierten Forschungsagenda zu den Innovationsführern in Europa aufschließt.


Was ich in der medizinischen Ausbildung gerne ändern würde, ist … eine Verstärkung der verpflich- tenden Forschungskomponente. Wir schaffen es nicht mehr in dem Maß, jungen Medizinstudierenden den Beruf des Wissenschaftlers im Life-Science-Bereich attraktiv zu machen. Unsere Aufgabe ist es des- halb, ihnen ein Angebot zu machen, das sie motiviert. Dazu gehört es auch, mehr gesicherten Freiraum für Forschung im Klinikalltag zu schaffen, um praxisrelevante Fragen aufgreifen und bearbeiten zu kön- nen.


Frauen in der Medizin sind … unabdingbar, aber in Spitzenpositionen leider noch zu selten anzutreffen.


Die „gläserne Decke“ ist für mich … bedauerlich. Denn es ist nach wie vor richtig, dass mit jedem Kar- riereschritt in der Medizin der Anteil der Frauen kleiner wird. Meine Wahrnehmung ist jedoch, dass der Anteil der Frauen mit Leitungsfunktion – auch dank spezieller Mentoring-Programme – in den letzten Jah- ren gesteigert werden konnte.


Eine meiner Stärken ist es, … mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen.


Ich frage mich manchmal … wie wir in Zukunft leben wollen, welchen Beitrag Wissenschaft und For- schung leisten können – und welche Lebenschancen technologische und lebenswissenschaftliche Inno- vationen eröffnen.


Ausgleich zu meinem Beruf finde ich im …  Kreis meiner Familie, zum Beispiel beim gemeinsamen Se- geln oder Skifahren, beim Lesen oder Musizieren. Die Freude am Beruf ist für mich in diesem Zusammen- hang aber auch von elementarer Bedeutung, denn für mich gehen Beruf und Privatleben fließend ineinan- der über. bw  

Zur Person

Prof. Dr. med. Babette Simon ist seit April 2014 Vorstandsvorsitzende und Medizi- nischer Vorstand der Universitätsmedizin Mainz. Zuvor war sie Präsidentin der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Vizepräsidentin der Philipps-Uni- versität Marburg. Die Internistin und Gastroenterologin mit betriebswirtschaftli- cher Zusatzqualifikation ist Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Lud- wig Boltzmann Gesellschaft, Mitglied im Aufsichtsrat des Universitätsklinikums Düsseldorf und im Hochschulrat der Technischen Universität Dresden sowie Vor- standsmitglied der gesundheitswirtschaft rhein-main e.v. Darüber hinaus war sie unter anderem bis vor kurzem Senatorin der Helmholtz Gemeinschaft (For- schungsbereich Gesundheit), Mitglied des Medizinausschusses des Wissen- schaftsrats und des Gesundheitsforschungsrats des Bundesforschungsministeri- ums. Ihr Studium der Humanmedizin mit Promotion absolvierte sie an der Univer- sität Freiburg. Es folgte ein mehrjähriger Forschungsaufenthalt am Massachusetts General Hospital/Harvard Medical School in Boston (USA) gefolgt von klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit am Universitätsklinikum Marburg. Babette

Simon ist verheiratet und hat drei Kinder.

www.unimedizin-mainz.de, www.lbg.ac.at