FORSCHUNG I Seltene Erkrankungen

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Forschen, wo andere nicht hinsehen

Seltene Erkrankungen sind ein Exotenthema und haben keinen gemeinsamen Nenner, außer, dass sie nicht häufig vorkommen. Für mehr als 95 % dieser Erkrankungen gibt es derzeit noch nicht einmal eine spezifische Therapie.

„Manchmal nutzen die mühevoll erworbenen Erkenntnisse aus der Forschung an Seltenen Erkran- kungen dann auch in der Thera- pie von häufigen Erkrankungen.“


Univ.-Prof. Dr. Barbara Plecko, Universitätsklinik für Kinder- und Ju- gendheilkunde, stv. Klinikvorständin an der Klinische Abteilung für all- gemeine Pädiatrie, Med Uni Graz

Seltene Erkrankungen (SE) sind chronische und meist lebensbedrohliche Erkrankungen, die zu rund 80 % genetisch be- dingt sind. Sie werden über die Häufigkeit ihres Auftretens in der Gesamtbevölkerung definiert. Viele sind nahezu unbe- kannt, daher ist für die Betroffenen auch der Weg zu einer korrekten Diagnose ein langer. In der Europäischen Union gilt eine Erkrankung dann als selten, wenn sie bei nicht mehr als fünf Personen pro 10.000 Einwohner auftritt – derzeit sind rund 6.000 seltene  Krankheitsbilder erfasst. Auf die österreichische Bevölkerungszahl umgerechnet bedeutet das, dass bis zu 400.000 Personen von einer bestimmten Erkrankung betroffen sein können. Oft sind es aber deutlich weniger Men- schen, manchmal sogar nur einzelne, die an einer seltenen Krankheit leiden. Und diesen Betroffenen zu helfen, hat sich Univ.-Prof. Dr. Barbara Plecko, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, stellvertretende Klinikvorständin an der Klinische Abteilung für allgemeine Pädiatrie an der MedUni Graz verschrieben. Im Interview erzählt sie über die Arbeit zwi- schen Herausforderung und Hoffnung.


?Sie sind im Portal für seltene Krankheiten und Orphan Drugs als Expertin eingetragen. Was genau ist Ihr For- schungsgebiet?

Ich forsche an der Schnittstelle der Kinderneurologie und angeborenen Stoffwechselerkrankungen. Im Mittelpunkt stehen genetische Stoffwechselerkrankungen, die das Gehirn betreffen.


?Wie viele Patienten gibt es in Österreich und wie hoch ist die Lebenserwartung dieser Kinder?

Das ist schwer zu quantifizieren, weil auch die Dunkelziffer hoch ist und die Krankheitsbilder in viele Teilbereiche aufge- splittet sind. Wenn man die schweren genetischen Fälle dazu nimmt, so sprechen wir von mehreren Tausend Kindern in Österreich. Im engen Kreis der SE werden es vielleicht 300 sein. Therapieschwierigen Epilepsien kann zum Beispiel eine angeborene Stoffwechselerkrankung zugrunde liegen. Die Lebenserwartung hängt davon ab, ob es spezifische Therapien gibt. Mein Kernforschungsgebiet sind die Vitamin-B-abhängigen Epilepsien. Da sind mir derzeit in Österreich 15 Patienten bekannt. Sie haben eine exzellente Prognose, wenn die Erkrankung erkannt und behandelt wird.


?Das ist vermutlich schwierig, wenn es kaum Experten gibt, die danach suchen?

Unter den Kinderärzten und in den Kinderzentren hat man die Möglichkeit, dass es sich um eine Stoffwechselerkrankung handeln könnte, schon im Auge, wenn die Ursache unklar bleibt oder wenn Kinder nicht auf herkömmliche Therapien an- sprechen. Durch eine enge Zusammenarbeit mit Genetikern haben wir auch die Chance hier rasch zu diagnostizieren.


?Wie sind Sie dazu gekommen im Bereich der SE zu forschen?

Forschung ist in der Medizin sehr kleinteilig, das heißt man muss sich in ein Thema sehr tief einarbeiten. Für mich hat das mit einem Patienten begonnen, der eine unklare Epilepsie gezeigt hat. Im Verlauf hat sich herausgestellt, dass es sich um eine Vitamin B6 abhängige Epilepsie handelt. Bei diesem Patienten haben wir im Jahr 2000 einen ersten Biomarker ent- deckt und einen Bluttest entwickelt. Befunde bei drei weiteren Patienten konnten damit bestätigt werden. Weitere sechs Jahre später wurde unter der Führung britischer Wissenschaftler auch der zugrundeliegende Gendefekt entdeckt und wei- tere drei Jahre später gab es durch dieses Verständnis auch eine neue Therapie auf Basis einer Diät. Das zeigt, dass Translation in der Forschung passiert und wir die Ergebnisse so sehr rasch nutzen und zum Patienten bringen können.


?Wo waren für Sie die großen Herausforderungen bei Ihrer Forschung?

Für klinische Studien muss in vielen Ländern nach einer ausreichenden Anzahl an geeigneten Patienten gesucht werden. Ohne multizentrischer Arbeit geht das nicht. Das erfordert auch ein gutes Netzwerk im In- und Ausland. Will man passen- de Therapien entwickeln, muss man den Effekt der Therapie auch am natürlichen Verlauf messen. Man muss die molekula- ren Mechanismen sehr genau verstehen und dann neue, effektive Therapien finden. Umgekehrt können diese Erkenntnis- se auch auf andere, vielleicht häufige Erkrankungen umgelegt werden.


?Welche Fortschritte wurden zur Förderung der SE-Forschung in den letzten Jahren erzielt?

Insgesamt ist das Gebiet der SE in der EU schon verstärkt in den Fokus gerückt, unter anderem, da es für herkömmliche „Volkskrankheiten“ wie Diabetes oder Hypertonie schon gut etablierte Therapien gibt. Für die Forschung und Entwicklung von Orphan Drugs, den Arzneimitteln für die Behandlung von SE, gibt es seit 2000 regulatorische Anreize. Andernfalls wäre natürlich die Entwicklung nach üblichen Marktbedingungen nicht möglich. Ein Arzneimittel erhält den Orphan-Drug- Status, wenn es sich um eine seltene schwere oder tödliche Erkrankung handelt und noch keine zufriedenstellende Thera- pieoption zugelassen ist oder es im Vergleich zur vorhandenen Therapie voraussichtlich einen „erheblichen Nutzen“ auf- weist. Dieser „erhebliche Nutzen“ wird dabei dreimalig überprüft: Bei der Beantragung des Status durch den Hersteller in der Entwicklungsphase bei der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA), bei der Marktzulassung und fünf Jahre danach. Weitere Anreize für Unternehmen sind eine raschere Zulassung. Das ist eine Chance, birgt aber auch die Gefahr, dass Me- dikamente auf den Markt kommen und Langzeitdaten zur Sicherheit und Wirksamkeit noch fehlen. In den letzten fünf Jah- ren hat sich aber die Pipeline der Pharmaindustrie gut gefüllt, etwa die Hälfte der neuen Produkte sind für den hämato-on- kologischen Bereich, rund 15 % für Stoffwechselerkrankungen, genetische und immunologische Defekte.


?In welchem Zeithorizont können Betroffene überhaupt mit Ergebnissen rechnen?

Wenn eine konkrete Produktentwicklung mit einer erfolgversprechenden Substanz vorliegt, dann geht die Zulassung schnell. Es sind ja auch nur kleine Patientenkohorten erforderlich.


?Derzeit gibt es 24 Europäische Referenznetzwerke (ERN), Österreich ist aber in vielen nicht dabei, warum? Man- gelt es an der Expertise?

Für die Anerkennung innerhalb der ERN wurde in Österreich von der Koordinationsstelle für seltene Erkrankungen (NKSE) ein aufwendiges dreistufiges Anerkennungsverfahren vorgeschaltet. Daher existieren in Österreich aktuell nur vereinzelte als „full member“ anerkannte Zentren; für die vier österreichischen Stoffwechselzentren war 2018 lediglich eine Anerken- nung als sogenannte „associate members“ möglich. Dies entspricht nicht der hohen Expertise österreichischer Medizin. Die Vollmitgliedschaft in einem Europäischen Referenznetzwerk setzt eine vorhergehende Designation als EZ (Typ-B-Zen- trum) auf nationaler Ebene voraus. Das ist sehr nachteilig für die Forschung in Österreich und wir machen uns Sorgen, dass wir hier ins Hintertreffen geraten. Die vier österreichischen pädiatrischen Stoffwechselzentren haben zum Beispiel nur die Stufe C erhalten. Wir hoffen, dass wir bei einem neuen Call dann zum Typ B aufsteigen können.


?Was wünschen Sie sich persönlich für die Weiterentwicklung des Themas in den nächsten drei bis fünf Jahren?

In den letzten Jahren sind sehr viele neue Therapien auf den Markt gekommen, jetzt muss das System nachziehen. Die Therapien sind sehr teuer und die herkömmliche Finanzierung stößt an ihre Grenzen. Es braucht neue Gremien, die zwin- gend auch mit medizinischen Experten besetzt sein müssen, die über diese Erkrankungen und ihre Verläufe genau Be- scheid wissen. Nur so können Therapie- aber auch Stoppkriterien definiert werden, damit für alle Patienten – unabhängig von Bundesland oder Versicherungsträger – der gleiche Zugang gewährleistet ist.



rh