MEDIZIN |  Physiotherapie

Psychiatrie und Psychosomatik in der

Physiotherapie

Psychosomatische und psychosoziale Störungen zählen zu den größten gesundheitspolitischen Herausforderungen. In der Praxis hat es sich bewährt, diese Erkrankungen im multiprofessionellen Team zu behandeln – ein Plädoyer für die professionsübergreifende Zusammenarbeit.

Experten gehen davon aus, dass psychische Erkrankungen immer die ganze Person betreffen und durch sich gegenseitig beeinflussende, biopsychoso- ziale Faktoren bedingt und aufrechterhalten werden. Für die Physiotherapie sind hier zwei Perspektiven entscheidend: einerseits die gegenseitige Bezie- hung beziehungsweise Einheit von Körper und Psyche, andererseits der enge Zusammenhang von körperlichen Funktionen und Strukturen unterein- ander. Der physiotherapeutische Prozess beginnt mit der ärztlichen Zuwei- sung zur Physiotherapie. Der Erstbefund, bestehend aus Anamnese, umfas- sender

körperlicher Untersuchung sowie speziellen Tests und Assessments gibt Auskunft darüber, welchen Bezug der Patient zu sich selbst und zur Umwelt aus körperlicher Perspektive hat, welche Symptomatik und Ressourcen im Einzelnen vorliegen und welche Rollen sie im Gesamten spielen, und welche Form sowie Intensität der Behandlung zielführend sind. Auf Basis des Befunds wird die physiotherapeutische Diagnose nach ICF formuliert. Darauf aufbauend werden gemeinsam Therapie- ziele vereinbart, mit spezifischen Maßnahmen umgesetzt und laufend evaluiert. In vielen Fällen sind auch ein Heimübungs- programm und das Führen eines Therapietagebuchs sinnvoll.


Effektive Kombination

In der Physiotherapie wird das Symptom oftmals indirekt behandelt, indem Ressourcen gestärkt werden. Die direkt-sympto- matische Behandlung ist nur für eine bestimmte Patientengruppe indiziert. Oftmals greift diese aber zu kurz oder kann gar kontraindiziert sein. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn dem Symptom eine wichtige, stabilisierende Funktion zu-

kommt. Die Physiotherapie kann gemeinsam mit der ärztlichen Therapie eine sehr effektive Kombination sein, wenn die Sym- ptomreduktion und der Aufbau von Ressourcen konstruktiv inein- andergreifen. Hierzu seien zwei kurze Beispiele genannt.

Chronische Schmerzzustände wie unspezifischer Rücken- schmerz, gehen in vielen Fällen mit erhöhter Muskelspannung, Atemstörungen, emotionalen Belastungen, chronischem Stress und Vermeidungsverhalten einher. Neben der symptomatischen Behandlung können Ressourcen wie der Aufbau von Kraft und Ausdauer, das Erleben von Selbstwirksamkeit, Entspannungs- übungen, eine differenzierte Körperwahrnehmung, erhöhte Bewe- gungsqualität, vermehrte verbale und non-verbale Ausdrucks- möglichkeiten, das kognitive Verstehen von Schmerzmechanis- men und vieles mehr gestärkt werden. Dadurch ergibt sich im günstigen Fall ein verbesserter Bezug zu sich selbst, der gleich- sam ein tragender Grund für Entspannung, fließendes Atmen und Zulassen von Emotionen sein kann. Das Symptom kann sich da- durch mitunter von selbst relativieren.


Defizitäres Körpergefühl verbessern

Eine schwere depressive Episode geht oftmals mit einer starken körperlichen Symptomatik einher. Einerseits sind die medi- kamentöse und wenn möglich psychotherapeutische Behandlung elementare Bausteine in der Therapie. Andererseits ist es sinnvoll, den Genesungsprozess von Beginn an auch körperorientiert anzustoßen, gerade wenn die leibliche Komponente der Erkrankung vordergründig ist. Die therapeutische Berührung, Atemübungen sowie vitalitäts- und aktivitätsfördernde Körper- übungen können in der Depression die eigene Kraft wieder zugänglich machen. Außerdem kann durch die Behandlung das oftmals negative und defizitäre Körpergefühl durch gute und angenehme Erfahrungen verbessert werden.


Therapieansätze

Grundsätzlich lassen sich ein allgemeiner und zwei spezifische Therapieansätze charakterisieren, die je nach Zustandsbild und Ressourcen der Patienten zur Anwendung kommen.

1. Der allgemeine Bereich umfasst Angebote zur körperlichen Aktivität und Entspannung, wie zum Beispiel sportliche Aktivitä- ten, insbesondere Ausdauer- und Krafttraining, Gymnastik, Tanz, fernöstliche Bewegungskonzepte wie etwa Yoga, Tai Chi oder Qigong sowie die Wahrnehmungsschulung, körperbezogene Entspannungstechniken und allgemeine Achtsamkeits- übungen. Oftmals finden diese Angebote im Gruppensetting statt.

2. Die strukturierende Physiotherapie hat das Ziel, körperorientiert Halt und Sicherheit zu vermitteln. Auf psychosozialer Ebe- ne geht es hier um die Bestätigung und Konsolidierung der Realitätsprüfung. Insbesondere Menschen mit stark vermindertem Bezug zu sich selbst und drohendem Realitätsverlust bedürfen dieses stützenden Ansatzes. Die Konfrontation und das Aus- lösen von emotionalen oder vegetativen Reaktionen sind hier jedenfalls nicht das Thema.

3. In der lösenden Physiotherapie kommen Elemente zum Einsatz, die starr gewordene Verhaltensmuster, Gewohnheiten und Symptome auf einem direkteren Weg zu lockern versuchen. Voraussetzungen dafür sind jedenfalls eine hinlängliche Ich-Stär- ke und Stabilität der Patienten und eine besonders behutsame physiotherapeutische Vorgehensweise. Das Lösen des Sym- ptoms führt potenziell zu einem Ungleichgewicht, kann Dahinterstehendes wieder auslösen, retraumatisieren oder gar zur De- kompensation führen.

fotoS: Jasmin Peter, Physio Austria/wallnerfotografie.at

Körperübungen können auch in der Depression die eigene Kraft wieder zugänglich machen.