THEMA | Raucherschutz

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Nichtrauchen wirkt: „Evidenz gibt es genug“

Laut Weltgesundheitsorganisation wird die Anzahl der jährlich durch Tabakkonsum verursachten Todesfälle weltweit von bisher sechs Millionen bis auf acht Millionen im Jahr 2030 zunehmen. Umso wichtiger ist heimischen Medizinern, auf die gesundheitsschädlichen Effekte hinzuweisen und den Nichtraucherschutz zu betonen.

   Passivrauchen erhöht erheblich das Risiko für Herzkreislauf-, Atemwegs- und Krebserkrankungen, die zu einer verkürzten Lebenserwartung und Frühinvalidität führen. „Über ein allgemeines Rauchverbot konnte durch die Beendigung des Passiv- rauchens in der Gastronomie in Australien, Nordamerika, Nord- und Westeuropa und Italien gezeigt werden, dass das Auf- treten von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Atemwegserkrankungen deutlich sinkt“, sind sich Univ.-Prof. Dr. Christian Hengstenberg, Leiter der Klinischen Abteilung für Kardiologie, und Univ.-Prof. Dr. Marco Idzko, Leiter der Klinischen Abtei- lung für Pulmologie der Universitätsklinik für Innere Medizin II der MedUni Wien einig.

Der rasche Rückgang der Herzinfarkte nach der Einführung des ausnahmslosen Rauchverbots für Gaststätten ist demnach vor allem auf den Wegfall des Passivrauchens zurückzuführen. Der stärkste Rückgang fand sich bei jüngeren Nichtrau- chern, die häufig Lokale aufsuchten, so der Kardiologe. „Weiterhin wird über den Zigarettenrauch Feinstaub freigesetzt, der sowohl mit der Entwicklung von Herzkranzgefäßverkalkungen als auch von akuten Herzinfarkten in Zusammenhang steht“, sagt Hengstberger. Die hohe Feinstaubbelastung beim Passivrauchen aktiviert sofort den Blutdruck, stört den Herzrhyth- mus, reduziert die automatische Erweiterung der Herzkranzgefäße, um ausreichend Sauerstoff zur Verfügung zu stellen, und erhöht die Blutgerinnung.


Lungenwachstum leidet

„Die Inhalation von Zigarettenrauch führt mit jedem Atemzug zur ‚Läh- mung‘ der Flimmerepithelien, die durch den Abtransport von eingeat- meten Partikeln wie Allergenen, Viren oder Bakterien eine wichtige Rol- le in der Immunantwort spielen“, beschreibt Idzko. Darüber hinaus kommt es durch das Einatmen von Zigarettenrauch zu einer akuten Entzündung in den Atemwegen, die langfristig zu einer schweren Lun- genschädigung wie zum Beispiel COPD oder Lungenemphysem oder durch das Einatmen von krebserregenden Stoffen zum Lungenkrebs führen kann. „Sind Kleinkinder passiv Rauch ausgesetzt, so wirkt sich dies negativ auf das Lungenwachstum aus und diese Kinder leiden häufiger an Lungenerkrankungen, wie beispielsweise bronchopulmona- len Infekten oder Asthma bronchiale“, erklärt Idzko.

Ein konsequenter Nichtraucherschutz führt demnach nicht nur zur Ver- besserung der Lungenfunktion bei „gesunden“ Passivrauchern, zu ei- ner Abnahme der akuten Verschlechterung eines Asthma bronchiale oder einer COPD, sondern auch dazu, dass virale oder bakterielle Lungenentzündungen signifikant zurückgehen. Darüber hinaus gibt es Evidenz, dass durch die Einführung strikter Nichtraucherge- setze der Anteil der Raucher unter den Heranwachsenden drama- tisch reduziert wird.


Berufskrankheit COPD

Der Internist, Arbeits- und Umweltmediziner Univ.-Prof. Dr. Man- fred Neuberger vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien beschreibt, dass nichtrauchende Angestellte im Gastgewerbe bis zu 25 Mal mehr Nikotin im Harn ausscheiden als an ihren freien Tagen und bis zu 4,5 Mal mehr tabakspezifische Karzinogene. „COPD durch Passivrauchen im Gastgewerbe ist eine anerkannte Berufskrankheit, das Lungenkrebsrisiko verdoppelt sich in acht Jahren beim Servieren im Raucherbereich und kann sich in 40 Jahren verzehnfachen“, sagt Neuberger.

Nach der Einführung einer rauchfreien Gastronomie in Nachbar- ländern konnte eine deutliche Abnahme von Frühgeburten und Spitalsaufnahmen von Kindern wegen Asthma (10 bis 18 Prozent) oder wegen Lungenentzündungen (14 bis 18 Prozent) verzeichnet werden.

Langfristig ist auch mit der Abnahme von Krebs, Stoffwechselstö- rungen oder Netzhautschäden zu rechnen. Rauchern erleichtern nachweislich auch gesetzliche Rauchverbote den Ausstieg aus der Nikotinsucht sowie die Reduktion ihres Tabakkonsums, wie aus anderen EU-Ländern belegt ist.

Nachgefragt bei ...


Prim. Dr. Ronald Hödl, Ärztlicher Leiter, Rehabilitationszentrum St. Radegund

Wie wichtig ist Ihnen der Nichtraucherschutz?

Ich leite ein Herz-Kreislauf-Zentrum, wo wir rund 2.000 Patienten im Jahr behandeln. Wir haben uns schon sehr früh zum Thema Prävention Gedanken gemacht und sind als rauch- freies Krankenhaus zertifiziert. Das ist ein sehr hohes Commitment zum Nichtrauchen und zum Raucherschutz mit sehr klaren und umfassenden Vorgaben. Wir mussten zum Bei- spiel alle Lieferanten darüber informieren und strukturell sicherstellen, dass die Rauchfrei- heit nicht nur am Papier existiert, sondern auch eingehalten wird.


Wie dramatisch sind die Zahlen wirklich – wird im Zuge der politischen Diskussion nicht oft übertrieben?

Wir machen uns Gedanken über 500 Verkehrstote im Jahr, aber die 13.000 Toten auf Grund von Nikotinkonsum und seinen Folgen oder rund 800, die direkt an den Folgen des Passivrauchens versterben, werden gerne verschwiegen. Da sehe ich es als Mediziner als meine Pflicht, auf das Thema aufmerksam zu machen!


Sie haben einen sehr persönlichen Zugang zu diesem Thema. Hilft das bei der Unter- stützung von Patienten, die mit dem Rauchen aufhören wollen?

Ja, ich habe selbst geraucht. In den 80er-Jahren war Nikotinkonsum mit Attributen wie Indi- vidualismus, Jugend oder Freiheit assoziiert. Aber in Wahrheit ist man weder frei, sondern abhängig, noch kann sich jung und gesund fühlen. Auch der Gruppendruck ist immer wie- der ein großes Thema, wenn Patienten den Rauchstopp nicht schaffen. Seit 15 Jahren rau- che ich nicht mehr und meine Geschichte hilft natürlich, Patienten besser zu verstehen. Persönlich betroffen macht mich, dass es überaus verantwortungslos ist, all das medizini- sche Wissen jetzt wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen.