POC & Ordinationsmanagement | POC-Testing

Erfolgsfaktor: Zeit

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Medizinische Schnelltests ermöglichen patientennahes Point-of-Care-Testing (POCT). Damit werden Laborwartezeiten vermieden und eine Therapie kann im erforderlichen Fall sofort eingeleitet werden

Medizinische Schnelltests werden in der Regel dort durchgeführt, wo der Patient mit seinen Beschwerden zuerst eintrifft: in der Ordination eines Fach- oder Allgemeinarztes. Doch auch in Krankenhäusern, Reha-Kliniken oder anderen medizinischen Einrichtungen werden Schnelltests immer beliebter, denn überall gilt: Zeit ist Geld. Meist handelt es sich bei medizinischen Schnelltests um Kassettentests, die leicht durchgeführt werden können und keine großen Vorbereitungen erfordern. Ob ein Test in einem Zentrallabor oder direkt beim Patien- ten durchgeführt werden soll, ist in erster Linie eine (ablauf-)organisatorische Entscheidung. Das entscheidende Kriterium muss das bes- sere Patientenergebnis sein. Bringt das rasche, aber möglicherweise ungenauere Ergebnis einen Vorteil, weil zum Beispiel die Therapie- entscheidung rascher getroffen werden kann, dann ist die POC-Variante vorzuziehen.


Kassenvergütung ausschlaggebend

Während die patientennahe Labordiagnostik zunächst auf die Blutglukosebestimmung und die Messung von Vitalparametern beschränkt war, hat sich das Spektrum der Anwendungsgebiete kontinuierlich ausgeweitet. Die Gründe liegen auf der Hand: Einerseits existieren neue Analyseverfahren, neue Medizintechnik durchdringt den Markt und die Palette der messbaren Parameter weitet sich aus. Nicht zu- letzt ist auch der Trend hin zur „Absicherungsmedizin“ dafür verantwortlich, dass POCT immer neue Anwendungsgebiete erschließt. Sie reichen mittlerweile vom Drogenscreening über die Urindiagnostik bis hin zur Bestimmung von okkultem Blut im Stuhl. Auch in der Haus- krankenpflege oder bei der Patientenselbstkontrolle nehmen die Schnelltests einen größeren Stellenwert ein.

Kürzere Wartezeiten auf Diagnose und Therapie legen den Schluss nahe, dass mittels POCT durchaus ökonomische Vorteile erzielt wer- den können, jedoch stehen dem die höheren Kosten der Einzelanalytik und der größere Personalbedarf gegenüber. Evidenz, dass sich auch die Patientenversorgung verbessert, gibt es derzeit noch wenig. Wohin sich POCT in den nächsten Jahren entwickeln wird, ist aber nicht unbedingt eine Frage der technologischen Möglichkeiten, sondern vielmehr eine Frage der Vergütung durch die Krankenversiche- rungen.


Prävention im Vordergrund

Die unabhängige Forschungseinrichtung MindMetre hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, der eine Neubewertung der patientennahen Diagnostik als überfällig einschätzt. Der Bericht fasst die neuesten Forschungsergebnisse über diagnostische Schnelltests für Allgemein- medizin und Akutbehandlungen zusammen und kommt zu dem Schluss, dass diese Art der Diagnostik für viele Patientengruppen und Er- krankungen nachweislich einen Mehrwert bietet. Dieser Mehrwert entsteht einerseits durch die schnellere Versorgung mit angemessenen Behandlungsmethoden, andererseits durch die Verringerung unnötiger Labortests, unangemessener und teurer Krankenhausaufenthalte sowie der unnötigen Verschreibung von Antibiotika. Innovative und sensiblere molekulare Tests dürften in Hinkunft dafür sorgen, dass der Nutzen weiter steigt.

„Je schneller Allgemeinmediziner und Krankenhausärzte präzise Diagnosen stellen und ihre Patienten im Anschluss angemessen behan- deln können, desto besser sind die gesundheitlichen Resultate und desto weniger wird das staatliche Gesundheitswesen belastet. Pati- entennahe Diagnostika erweisen sich auf diesem Gebiet bereits jetzt als wertvoll. Dieser Wert wird sich mit zunehmender Exaktheit der Tests noch vervielfachen“, ist Paul Lindsell, Managing Director der MindMertre Forschung, überzeugt und ergänzt: „Die Kranken- und Rückerstattungssysteme scheinen jedoch mit den Entwicklungen und klinischen Befunden zur patientennahen Diagnostik etwas aus dem Takt gekommen zu sein. Diagnostik ist wichtig für Gesundheitsvorsorge sowie für die Früherkennung und -intervention. Eine Neubewer- tung ist daher längst überfällig.“


OTC-Schnelltests heben ab

Ein deutliches Umsatzwachstum verzeichnen OTC-Produkte zur Selbstkontrolle, nicht zuletzt durch die Erschließung neuer Vertriebswege im Drogerie- und Lebensmittel-einzelhandel, das zeigt eine aktuelle Studie des Beraternetzwerks KREUTZER FISCHER & PARTNER. In Deutschland wurden mit POC-Diagnostik im Jahr 2015 knapp 1,5 Milliarden Euro umgesetzt, in der gesamten DACH-Region waren es rund 1,8 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2014 wuchs der Markt robust um rund drei Prozent. Dabei verlagert sich der Fokus zunehmend auf das Segment der nicht-verschreibungspflichtigen OTC-Produkte zur Selbstkontrolle durch den Patienten. In diese Produktkategorie fallen etablierte Selbsttests wie Blutzuckertest, Schwangerschaftstest und Cholesterintest mittels Teststreifen und Messgerät genauso wie neu entwickelte Produkte: Fruchtbarkeitstests für Mann und Frau, Tests zu Lebensmittelunverträglichkeit und Allergien, Tests für die Ge- sundheitsvorsorge oder die Messung des Gesamtcholesterins mittels Einweg-Test-Kit ohne die Anschaffung eines speziellen Messgeräts.

Während die Erlöse aus Blutzuckertests oder den klassischen Schwangerschaftstests nur wenige Prozent wuchsen, legte das innovative Segment um zweistellige Prozentwerte zu. Diese rasante Entwicklung ist nur im Kontext mit dem Trend zur Selbstdiagnose von Krankhei- ten unter Zuhilfenahme des Internets zu verstehen. Denn darauf aufbauend wollen immer mehr „Informationssuchende“ zumindest einen Vortest selbst durchführen, ohne dafür gleich einen Arzt aufsuchen zu müssen. Unterstützt werden die Patienten in diesem Vorhaben durch die gezielte Vertriebsstrategie der Hersteller. „Die Zukunft der Heimdiagnostik liegt zweifelsohne in den Läden des täglichen Ein- kaufs“, meint Andreas Kreutzer von KREUTZER FISCHER & PARTNER. Denn auf diese Weise lässt sich nicht nur die Awareness steigern, sondern durch die breitflächige, unkomplizierte Verfügbarkeit auch der Nachfragemechanismus von Pull auf Push umstellen. Und erst da- durch können die Absatzpotenziale ausgeschöpft werden. Bis 2020 könnte so alleine das Marktsegment der Neuentwicklungen auf über 100 Millionen Euro steigen.

Wer auf Anbieterseite am Ende die Nase vorne hat, lässt sich allerdings heute noch nicht abschließend einschätzen. Die etablierten Pro- duktgruppen werden allesamt von global agierenden Herstellern dominiert, beim Blutzuckertest etwa Bayer, Abbott oder Roche. Den Markt für Schwangerschaftstests hat wiederum SPD Swiss Precision Diagnostics GmbH, ein Joint Venture zwischen Procter & Gamble und Alere, fest im Griff. In den innovativen Produktbereichen matchen sich Big-Player wie Stada mit Start-ups wie Direct Sense oder Kiwe- no und voraussichtlich in Zukunft auch vermehrt mit Pharmagroßhändlern, die mit Eigenmarken auf den Markt drängen. rh