KLINIK & KARRIERE:  | Yoga

Foto: Robert Brünner


„Wer überzeugt davon ist, immer alles richtig gemacht zu haben, verpasst eine großartige Chance, nämlich die, sich weiterzuentwickeln.“ Dr. Claudia Mainau, Ärztin für Allgemeinmedizin und Yogalehrerin

Mit Yoga zurück ins Leben

Dr. Claudia Mainau erkrankte zweimal an Leukämie. Während sie beim ersten Mal zu sehr mit Überleben beschäftigt war, um Yoga viel Raum zu geben, nutzte sie die Meditations- und Bewegungsmodelle beim zweiten Mal intensiv – und fühlte sich unvergleichlich besser.

Ihre Erfahrungen gibt die nunmehrige Allgemeinmedizinerin und Yogalehrerin mit eigener Praxis yogamed – praxis für yoga, ayurveda und ganzheitliche medizin in ihrem Buch „Yoga. Zurück ins Leben“ an onkologische und postonkologi- sche Patienten sowie alle Interessierten weiter, es richtet sich aber auch an Ärzte, Pflege und Physiotherapeuten, die im onkologischen Bereich tätig sind. „Weil ich durch Yoga in der Zeit meiner Krankheit und danach so unglaublich positive Erfahrungen machen durfte, ist es mir zur Herzensangelegenheit geworden, Yoga jenen Menschen näherzubringen, die nach der Diagnose Krebs ihren Weg zurück ins Leben suchen. In ihr Leben“, sagt Mainau zu ihren Motiven. Yoga solle helfen, mit einfachen Mitteln selbstbestimmt und aktiv etwas für das Wohlbefinden zu tun. Das Buch solle zudem all je- nen Mut machen, Betroffene zu unterstützen, die Yoga unterrichten.

Mainau erzählt von der alles infrage stellenden Erkenntnis, an Krebs erkrankt zu sein, von ihrem mühsamen Weg zu- rück, den verschiedenen psychischen wie physischen Aspekten während und nach der Erkrankung, von der zweiten Dia- gnose und dem veränderten Umgang damit – und vor allem, welche Rolle Yoga bei all diesen Prozessen spielte und auch heute noch spielt. Die Ärztin liefert Ratschläge zu Ernährung, Bewegung, Meditation und persönlichen Fragestellungen, die fast jeden Krebskranken beschäftigen.

Mehrere Kapitel widmen sich der Frage, was Yoga bewirken kann und wie diese Effekte am besten genutzt werden. Die Anleitungen sind gut verständlich, die Beschreibungen der Wirkungen machen schnell deutlich, dass Yoga in vielen Le- benslagen unterstützend wirken kann. Ergänzt wird das Buch durch einen Serviceteil mit Adressen für Interessierte.

Mainaus Ausführungen erheben nie den Anspruch, den Schlüssel zum Wohlbefinden von Krebskranken gefunden zu ha- ben. Sie betont stets die unterstützende Funktion und untermauert sie mit Forschungsdaten und medizinischem Wis- sen. Als Ärztin, Betroffene und Yogalehrerin kommen Informationen und Empfehlungen aus allererster Hand und sind dadurch glaubwürdig und praxisnahe. ÄRZTE EXKLUSIV hat nachgefragt, inwiefern ihre Erkenntnisse auch anderen Ärz- ten von Nutzen sein können.


Frau Mainau, wie reagieren Leser auf Ihr Buch, im Speziellen Ärzte?

Ich habe bisher nur positive Reaktionen erhalten. Auch Menschen, die mit Yoga nichts am Hut haben – meist Krebspati- enten –, waren beeindruckt und das hat mich überrascht.


Was sind die häufigsten Missverständnisse in Bezug auf Yoga?

Yoga wird oft in die Esoterik-Kiste gesteckt, aber dort gehört es nicht hin. Daher habe ich meine Ausführungen bewusst mit evidenzbasierten Daten und klinischen Studien belegt. Dadurch sind die Fakten auch für Leute vom Fach, also für Ärzte, nicht an den Haaren herbeigezogen, denn sie sprechen eine eindeutige Sprache.


Ist Yoga für jeden geeignet?

Absolut! Das ist eine der wichtigsten Botschaften. Ich habe Yoga sogar im Krankenhaus während der Chemotherapie praktiziert – wenn man nicht aufstehen kann, funktioniert es auch im Bett. Wir bieten Kurse für Menschen nach einer Krebserkrankung an – nach dem Motto „Wenn Sie es in den ersten Stock schaffen, dann schaffen Sie auch Yoga“. Im al- lerschlimmsten Fall findet Yoga nur im Kopf statt – auch das kann sehr hilfreich sein, denn Yoga ist eine Form des Men- taltrainings, wie es auch Spitzensportler benötigen. Es gibt also absolut keine Einschränkungen dafür, wer Yoga prakti- zieren kann.


An welchen Maßstäben orientiert man sich dann beim Yoga?

Nicht an den Maßstäben anderer – man ist selbst der Maßstab. Das ist auch der Grund, warum wir keine Spiegel im Yo- garaum haben. Yoga muss man spüren, nicht sehen. Was andere tun, ist irrelevant.


Es gibt unzählige Formen von Yoga. Welches Yoga ist das richtige für Krebskranke?

Welches das „richtige“ Yoga ist, ist schwer zu sagen, denn relevant ist eigentlich, ob der Lehrer passt und ob man selbst will. Ich empfehle daher, Yogakurse in der Nähe zu suchen, damit die Schwelle niedrig ist, und es auszuprobieren. Pro- bestunden gibt es eigentlich überall.


Greift man nicht eher zu Ihrem Buch, wenn man sich für östliche Lehren interessiert? Wie bringt man jene dazu, es zu lesen, die noch nicht auf die Idee gekommen sind?

Man sieht nicht sofort, dass ich Krebs hatte. Ich denke, dadurch dass ich zweimal Krebs hatte, Yogalehrerin und Ärztin bin, habe ich mehr Glaubwürdigkeit und Authentizität. Ich habe viele persönliche Erfahrungen gemacht, die auch letzt- lich der Anlass für das Schreiben des Buches waren. Durch wissenschaftliche und praktische Arbeit wird untermauert, was ich zu sagen habe.

Ich finde, dass Yoga längst zur Breitenbewegung geworden und aus der Esoterik-Ecke heraußen ist, auch wenn es die skurrilsten Yoga-Varianten gibt. Yoga hat große Auswirkungen auf uns, es funktioniert sogar ohne Matte, man braucht im Grunde nichts dafür. Man muss lediglich wollen. Mein Buch soll Menschen ansprechen, die eine Krebserkrankung haben oder hatten und etwas für ihr Wohlbefinden tun wollen. Die östlichen Lehren sind nicht Thema des Buches, sie stören aber auch nicht.


Könnte es sein, dass Menschen Ihr Buch missverstehen und denken, Yoga heilt Krebs?

Ich habe noch nicht gehört, dass das Buch dahingehend missverstanden worden wäre. Ich lege sehr großen Wert darauf, dass mein Ansatz kein kurativer ist. Es geht darum, die Begleitumstände von Krankheit und Therapie positiv zu beein- flussen und das kann Yoga sehr gut. Es wirkt ganzheitlich und nutzt die positiven Effekte von Bewegung im Allgemeinen. Die Ergebnisse einer Reha werden durch den ganzheitlichen Effekt von Yoga übertroffen. Atemarbeit ist immer ein Teil von Yoga und das bildet wiederum die Schnittstelle zwischen dem vegetativen Nervensystem und dem denkenden Ge- hirn. Dadurch entspannen wir mittels Atmung. Dazu kommt noch ein mentaler Aspekt, die völlige Konzentration auf Be- wegung und Achtsamkeit. Das sind stärkere mentale Prozesse als bei normalem Sport und wird auch von Spitzensport- lern genutzt – sogar im Fußball. Das Fokussieren, die Arbeit von Körper und Geist, ist unschlagbar in seiner Effizienz.


Kann Yoga auch präventiv gegen Krebs helfen?

Wenn etwas präventiv wirkt, dann ist es eine gesunde Lebensweise. Sich wohlzufühlen ist wahrscheinlich die beste Krebsprävention. Ob man damit verhindern kann, dass man erkrankt, sei dahingestellt. Yoga unterstützt eine gesunde Lebensweise und hat einen sehr hohen gesundheitlichen Wert, wobei nichts überbeansprucht wird. Und es hilft bei der Bewältigung von Hindernissen.


Wie sehr half Ihnen Yoga?

Ich habe bei meiner ersten Krebserkrankung wenig Yoga praktiziert, bei der zweiten dann sehr viel – diese Phase habe ich dann auch viel besser überstanden. Es gibt viele, individuell sehr unterschiedliche Faktoren, die entscheidend dafür sind, wie man eine Krebserkrankung übersteht. Daten und Fakten sagen über den Verlauf wenig aus. Für mich hat Yoga einen entscheidenden Unterschied ausgemacht. Patienten, die den Krebs überlebt haben, die sogenannten Survivors, haben danach keinen Ansprechpartner mehr in der Medizin. Mit Yoga haben sie einen Anker, der ihnen hilft, mit der Angst vor einer neuerlichen Erkrankung zurechtzukommen.


Hat die europäische Medizin keine Tipps bezüglich Ernährung oder Lebensstil, die Ähnliches bewirken?

Meines Wissens gibt es in der europäischen Medizin nichts, das mit Yoga vergleichbar wäre – am ehesten vielleicht das Kneippen oder damals die isometrischen Übungen der Ilse Buck. Man muss Yoga nicht neu erfinden, es ist ein funktio- nierendes Bewegungsmodell und kann überall praktiziert werden.


Was würden Sie sich für Yoga und die Onkologie wünschen?

Die onkologische Reha ist sehr gut und wichtig, doch das Problem ist der Leistungskatalog der Krankenkassen – da kommt Yoga nicht vor. Ich finde aber, weil Yoga eine sekundärpräventive Wirkung hat, gehört es unbedingt in einen Reha-Prozess und sollte daher auch erstattet werden. Hervorragende Daten belegen die Effizienz bei der Behandlung von Befindlichkeitsstörungen. Die medizinische Betreuung von Patienten nach Abschluss der Nachsorge ist nur sehr grobmaschig, dabei sind gerade nach Krebserkrankungen die Befindlichkeitsstörungen ein großes Problem. Patienten haben dann eine fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken, als nicht Krebskranke. Jede dritte Frau nach Brustkrebs entwickelt ein Fatigue Syndrom. In beiden Fällen hilft Yoga sehr. Hausärzte sind mit Krebsdiagno- sen ihrer Patienten oft überfordert, aber auch Onkologen haben leider oft wenig Awareness für Befindlichkeitsstörun- gen. Ich würde mir wünschen, dass Yoga in die Reha integriert und in der Fachfortbildung von Onkologen und Allge- meinmedizinern etabliert wird.


Was bieten Sie onkologischen und post-onkologischen Patienten an?

Mein Mann und ich bieten in unserer Yogapraxis „yogamed“ wöchentliche Yoga-Kurse „Zurück ins Leben“ für Men- schen nach ihrer Krebserkrankung an, sowie Workshops in der onkologischen Reha Bad Erlach, die allerdings dort von den Teilnehmern privat bezahlt werden müssen. Wir haben sehr gute Ergebnisse bei postonkologischen, aber auch akut betroffenen Patienten. Mittelfristig möchten wir gerne Yogalehrer dazu motivieren und dabei unterstützen, sich auf On- kologiepatienten zu spezialisieren. Wir laden gerne zu entsprechender Kontaktaufnahme ein.