Medizin:  | Onkologie

Darmkrebs & Speiseröhrenkrebs

Vorsorge wirkt!

Darmkrebsvorsorge ist eine wesentliche Investition in die Gesundheit der zweiten Lebenshälfte. Nach wie vor scheuen Patienten jedoch die Untersuchung, die mitunter

Leben retten kann. Aufklärung und Bewusstseinsbildung wären dringend erforderlich.


"Werden in diesem Lebensalter Darmpolypen entdeckt und rechtzeitig entfernt, liegen die Chancen sehr gut, diese lebensgefährliche Er- krankung auch im höheren Alter niemals zu be- kommen."


Dr. Friedrich Anton Weiser, Facharzt für Chirurgie und Gründer

der Gruppenpraxis Medico Chirurgicum

Wie alle Krebsarten entsteht auch Darmkrebs nicht plötzlich, sondern entwickelt sich schleichend, tückischerweise oft weitgehend unbemerkt und vor allem lange genug schmerzfrei. Die Darmkrebs-Früherkennung im Rahmen einer Kolo- skopie wird ab dem 50. Lebensjahr empfohlen und ist seit Oktober 2005 in die Vorsorgeuntersuchung integriert. „Obwohl die Krankenkasse bereits seit mehr als zehn Jahren die Kosten für diese wichtige Vorsorgeuntersuchung übernimmt, neh- men noch viel zu wenige Österreicher das Angebot in Anspruch“, sagt Dr. Friedrich Anton Weiser, Facharzt für Chirurgie und Gründer der Gruppenpraxis Medico Chirurgicum. Derzeit liegt der Anteil jener, die zur Vorsorgeuntersuchung gehen, bei rund 12 %, Tendenz kaum steigend. Ein organisiertes Screening-Programm, vergleichbar mit dem 2014 eingeführten Mammografie-Screening, existiert derzeit nicht. Das Ziel der Vorsorgekoloskopie besteht darin, die Vorstufen des Darm- krebses, die Adenome, zu finden und zu entfernen, sodass sich aus diesen kein Darmkrebs entwickeln kann. Hier spre- chen die Zahlen für sich: Jeder dritte asymptomatische Österreicher ab dem 50. Lebensjahr hat Polypen, jeder fünfte Ade- nome und jeder neunzigste Darmkrebs. Auch wenn im Rahmen der Vorsorgekoloskopie Darmkrebs entdeckt wird, han- delt es sich meistens um ein frühes Stadium, in dem die Fünf-Jahres-Überlebenschance bei 95 % liegt.


Diagnose: Darmkrebs

Die Symptome, an denen man Darmkrebs überhaupt erkennen könnte, sind oft so unspezifisch, dass man bei ihnen zu- nächst an völlig andere Ursachen denken wird. Dazu gehören zum Beispiel starke Müdigkeit, Appetitlosigkeit, blasse Haut, Gewichtsverlust, häufige Blähungen, Übelkeit oder heftiger Nachtschweiß. Andere Anzeichen sind da mit Sicherheit schon eindeutiger, auch wenn sie in letzter Konsequenz auch noch viele andere Ursachen haben können: Blut im Stuhl, häufiger Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall, vermehrter Stuhldrang, der Stuhl riecht unangenehm faulig bis eitrig, häufige Bauchschmerzen.

Ist die Diagnose „Darmkrebs“ fix, so besteht die wichtigste Maßnahme der Therapie darin, den Tumor möglichst kom- plett chirurgisch aus dem Darm und allen Lymphknoten zu entfernen sowie den natürlichen Darmausgang zu erhalten. Ist der Tumor ohne Vorbehandlung dazu geeignet, wird operiert. In 30 % der Fälle ist der Tumor im Darm aber bereits so groß, dass vorab eine Chemotherapie erfolgen muss. Größe und Lage des Tumors bestimmen letztlich auch, welche Ope- rationstechnik zum Einsatz kommt.


Kontrolle auch ohne Beschwerden

Spätestens zum 50. Geburtstag sollte die erste Vorsorgeuntersuchung durchgeführt werden, bei Darmkrebs in der Familie rund zehn Jahre früher als der jüngste Verwandte erkrankt ist. „Neigt man zur Polypenbildung, empfiehlt sich eine Nach- kontrolle alle fünf Jahre, sonst alle zehn Jahre. Werden in diesem Lebensalter Darmpolypen entdeckt und rechtzeitig ent- fernt, liegen die Chancen sehr gut, diese lebensgefährliche Erkrankung auch im höheren Alter niemals zu bekommen“, er- gänzt Weiser. Jeder dritte Erwachsene hat Darmpolypen, die jahrelang keine Beschwerden wie Blutungen oder im Spät- stadium einen Darmverschluss verursachen. Wir wissen aber, dass 40 % dieser Polypen innerhalb von zehn Jahren bösar- tig werden, das führt zu 5.000 Darmkrebsneuerkrankungen und 2.700 Todesfällen jährlich, die absolut nicht notwendig sind. Der Darmkrebs ist der einzige Tumor, bei dem durch rechtzeitige Polypenentfernung sogar die Entstehung von Frühformen verhindert werden kann! „Zusätzlich kann man durch bewussteren Lebensstil zur Vorbeugung von Darm- krebs beitragen: Viel Bewegung und ausgewogene Ernährung sind wesentliche Eckpfeiler“, betont Weiser. Nicht mehr als 300 g rotes Fleisch pro Woche und dafür mehr Obst und Gemüse sind einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen zur Darmkrebsvorsorge.


Koloskopie und Alternativen

Um Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts aufzuspüren, werden endoskopische Untersuchungen durchgeführt, die längst besser sind als ihr Ruf. Zur weiteren Abklärung kann im Zuge der Koloskopie eine Gewebeprobe des Darms ent- nommen werden. Alternative zur Endoskopie ist die Irrigoskopie, eine bewährte Röntgenuntersuchung. Finden sich dabei allerdings Polypen, muss eine Koloskopie zur Abtragung dieser Polypen dennoch vorgenommen werden. „Obligat ist es, nach dem Darmröntgen eine zusätzliche Rektoskopie durchzuführen, um Polypen im Mastdarm nicht zu übersehen, die radiologisch nicht immer darstellbar sind. In der Praxis wird nicht die sonst übliche Luft zur Insufflation, sondern CO2 verwendet, das hat mehrere Vorteile: Keine Blähungen nach der Untersuchung und sollte die Koloskopie nicht vollständig möglich sein, kann eine ergänzende Irrigoskopie am selben Tag durchgeführt werden, da das CO2 150-mal schneller aus- geschieden wird als Luft und dadurch die üblichen Kontrastmittelmengen ausreichend sind. Bei Insufflation von Luft ist der Darm viele Stunden so massiv überbläht, dass eine sinnvolle Röntgenuntersuchung nicht möglich wäre“, beschreibt Weiser. Bei der virtuellen Koloskopie oder Computertomografie-Kolografie erfolgt bei ebenfalls gereinigtem Darm eine Computertomografie, die speziell für die Beurteilung des Darms eingerichtet ist und den Vorteil einer Beurteilung be- nachbarter Organe bei fortgeschrittenen Erkrankungen bietet. Die eigentliche Untersuchung ist innerhalb weniger Minu- ten erledigt, es sind weder Beruhigungsmittel noch eine Narkose notwendig. Aber wie bei der Koloskopie muss vor der Untersuchung eine Darmreinigung erfolgen. Die Methode gilt als gleichwertig zur Koloskopie, hat allerdings den Nachteil, dass eventuell entdeckte krankhafte Veränderungen nicht sofort entfernt werden können. Daher ist sie vor allem bei un- vollständigen bzw. abgebrochenen Koloskopien eine gute Alternative, aber auch die präoperative Abklärung oder Nach- sorge bei bereits diagnostiziertem Dickdarmkrebs kann mit der virtuellen Koloskopie erfolgen.


Komplikationen bei der Endoskopie

Bei oder nach Polypabtragungen können Blutungen auftreten, allerdings eher selten (0,8 %). Diese Blutungen sind in aller Regel endoskopisch leicht zu versorgen. „Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10.000 kommen auch Verletzungen der Darmwand vor, die operativ versorgt werden müssen.

Bei kleinen Verletzungen gelingt es, die Stelle mit einem speziellen Clip (OTSC) zu verschließen. Eine stationäre Aufnah- me zur Nachbeobachtung ist aber trotzdem nötig“, gibt Weiser Einblick. Risikopatienten für Perforationen sind Frauen nach Gebärmutterentfernungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und entzündete Divertikel sowie große, breitbasige Polypen. In diesen Fällen wird nach ausführlicher Aufklärung die Untersuchung sehr vorsichtig durchgeführt und im Zweifel rechtzeitig abgebrochen.


Okkultes Blut im Stuhl

Mit dem immunologischen Stuhltest (Fecal Immunochemical Test, FIT) liegt ein niederschwelliges Angebot vor allem für jene Patienten vor, die trotz sanfter Methoden eine Koloskopie scheuen. Da nur menschliches Hämoglobin nachgewiesen wird, ist vor dem Test keine Diät nötig. Dabei werden zwei Varianten unterschieden: „Der quantitative iFOBT bietet varia- ble Ergebnisse, die etwa auch die Blutmenge anzeigen. Die Auswertung erfolgt allerdings nur in spezialisierten Labors. Der qualitative iFOBT ist mit einem voreingestellten Grenzwert für die Konzentration des roten Blutfarbstoffs ausgestat- tet. Man kann dann ablesen, ab welcher Schwelle ein positives Testergebnis vorliegt. Der Test kann in einer Arztpraxis durchgeführt werden“, erklärt der Experte. Der immunologische Stuhltest ist aber nur ein erster Schritt in der Darmkrebs- vorsorge, ein positives Testergebnis muss dann jedenfalls zur Koloskopie führen. Zudem kann das nachgewiesene Blut auch aus dem Magen stammen, ebenso kann es durch Hämorrhoiden entstanden sein. Das Testergebnis ist also kein zweifelsfreier Nachweis für Darmkrebs. „Kleine Polypen im oder unter dem Schleimhautniveau, die durchaus relevant sind, werden mit der Methode nicht gefunden“, warnt Weiser.

Auch bei der Bestimmung des Biomarkers Tumor M2-PK handelt es sich um eine Stuhluntersuchung. M2-PK ist ein En- zym im Stoffwechsel von Polypen bzw. Tumoren. „Der Test hat allerdings den Nachteil, dass er einen Tumor nur zu 82 % ausschließen kann“, ergänzt Weiser. Relativ neu ist der Septin-9-Test, der sich die Tatsache zunutze macht, dass Tumore die DNA-Methylierung verändern und so die Genexpression beeinflussen. Septin-9 ist eines dieser Gene, das bei Vorlie- gen von Darmkrebs verstärkt methyliert wird. Der Test hat allerdings nur eine Wahrscheinlichkeit von 70 %, um einen Darmkrebs verlässlich nachweisen zu können.


Vorsorge bei Speiseröhrenkrebs

Während die Vorsorgeuntersuchung zu Darmkrebs langsam an Bekanntheit zunimmt, ist noch weitgehend weniger be- kannt, dass auch dem Barrett-Karzinom nach ähnlichem Prinzip präventiv vorgebeugt werden kann. Bei 20 bis 30 % der Patienten mit regelmäßigen Reflux-Beschwerden wie Sodbrennen, saurem Aufstoßen, ständiger Heiserkeit, Halskratzen und Husten bilden sich im Ausgang der Speiseröhre Schleimhautveränderungen, die als Vorstufe zum Barrett-Karzinom gelten.  Eine gründliche Vorsorgeuntersuchung der Speiseröhre ist daher ebenso wichtig wie die des Darms. „Das Krebsri- siko der veränderten Schleimhaut entspricht dem eines Dickdarm-Polypen: Eine von zehn Personen mit dieser Schleim- hautveränderung kann in 20 Jahren Speiseröhrenkrebs bekommen“, warnt Univ.-Doz. Dr. Martin Riegler, Ärztlicher Leiter des Reflux Medical-Diagnose- und Therapiezentrums in Wien

Patienten mit Dickdarm-Polypen haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, einen Barrett-Ösophagus zu bekommen. Auch vice versa ist das Risiko doppelt so hoch. Erschwerend kommt noch hinzu: Die Barrett-Schleimhaut ist als Krebsvor- stufe zehnmal gefährlicher als ein Dickdarmpolyp, denn Speiseröhrentumore wachsen besonders rasch. „Die Fünf-Jah- res-Überlebensrate beträgt nicht einmal 20 %“, so Riegler.

In spezialisierten Zentren wird im Rahmen einer Gastroskopie auch eine ausgedehnte Spiegelung der Speiseröhre mit Entnahme von Gewebeproben an allen „verdächtigen“ Stellen vorgenommen. So kann rechtzeitig die Krebsvorstufe Bar- rett-Ösophagus und deren Stadium entdeckt werden. Eine neue Klassifikationsmethode aus den USA (Chandrasoma- Klassifikation) erleichtert die exakte Beurteilung, ob und inwieweit das Schleimhautgewebe verändert ist. Danach richtet sich die weiterführende Behandlung. Die Vorsorgeuntersuchung der Speiseröhre sollte daher ebenso selbstverständlich sein wie jene der Brust oder des Dickdarms. Empfehlung der Experten: bei familiärer Belastung spätestens ab dem 40. Le- bensjahr.


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