Thema | Essstörungen

Schlanksein um jeden Preis

Rund zwei Prozent aller Jugendlichen erkranken an einer Essstörung. Es handelt sich dabei zwar um eine seltene, jedoch sehr schwerwiegende Erkrankung.

Essstörungen sind zwar vergleichsweise seltene, aber schwere seelis- che Krankheiten, die auch dem Körper massiv schaden.

Foto: fotolia/ staras

Laut einer Untersuchung des Robert Koch-Institutes zeigen 22 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren erste Auffälligkeiten im Hinblick auf Essstörungen. Unter den Elfjährigen sind etwa gleich viele Mädchen wie Jun- gen betroffen, doch mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der gefährdeten Mädchen, während sie bei den Burschen sinkt. Anders formuliert bedeuten diese Zahlen, dass fast jeder vierte Jugendliche ein höheres Risiko mit sich trägt, eine Essstörung zu entwickeln. Tatsächlich erkranken in etwa zwei Prozent der Jugendlichen an einer Essstörung, was bedeu- tet, dass Essstörungen zwar eine seltene, jedoch sehr schwerwiegende Erkrankung sind.


Ursachen und Formen

Essstörungen können in drei Hauptformen unterteilt werden: Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Bulimia nervosa) und Binge-Eating-Störung. Diagnostisch ist wichtig zu wissen, dass die „vierte Restkategorie“, die „nicht näher bezeichne- ten Essstörungen“, also Erscheinungsformen ohne die komplette Erfüllung aller diagnostischen Kriterien, den größten An- teil ausmacht. Zudem ist auch wichtig zu bedenken, dass alle Essstörungen auch ineinander übergehen oder sich ab- wechseln können.

Es wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung einer Essstörung multifaktoriell bedingt ist, das heißt, entgegen vielen Laienmeinungen gibt es nicht „den einen Grund“ oder „den einen Auslöser“, warum Jugendliche schließlich an einer Ess- störung erkranken. Vieles deutet darauf hin, dass eine genetische Komponente beteiligt ist: Angehörige von Menschen mit einer Essstörung tragen ein erhöhtes Risiko mit sich, auch selbst zu erkranken. Hinzu kommen auch individuelle Tempera- ments- und Persönlichkeitsfaktoren. Beispielsweise lässt sich vermehrt beobachten, dass Anorexie-Betroffene oftmals ehr- geiziger, perfektionistischer und leistungsorientierter beschrieben werden als andere Jugendliche ihres Alters.

In sozialen Medien „befeuern“ sich betroffene Mädchen gegenseitig, „Fortschritte“ der Community zu zeigen, noch magerere Fotos zu posten und erneut von unzähligen „pos- itiven“ Kommentaren auch positiv im Magerwahn verstärkt zu werden.

Soziale Medien fördern Wettbewerb

Natürlich spielen auch gesellschaftliche Faktoren, die Meinung der Gleichaltrigen und von Medien vorgegebene Schlank- heitsideale eine große Rolle. Durch Soziale Medien haben meiner Erfahrung nach essstörungsbegünstigende Ideale exor- bitant an Verfügbarkeit und Intensität zugenommen. Nicht selten „befeuern“ sich betroffene Mädchen gegenseitig, „Fort- schritte“ der Community zu zeigen, noch magerere Fotos zu posten und erneut von unzähligen „positiven“ Kommentaren auch positiv im Magerwahn verstärkt zu werden.

Ein großer Therapiebaustein ist auch, die zugrundeliegende Psychodynamik und die Rolle der Familie zu verstehen. Oft- mals herrscht in betroffenen Familien ein starkes Bedürfnis nach Harmonie. Persönliche Gefühle und Wünsche werden eher unterdrückt. Es kann auch immer wieder ein Erziehungsstil gefunden werden, der die Ängstlichkeit des Kindes fördert und andere Eigenschaften wie Eigenständigkeit oder Neugier auf Neues eher hemmt. Manche Jugendliche drücken mit ei- ner Essstörung unbewusst die Abgrenzung von der Familie aus, die sie nicht offen fordern können. Andere bekommen über die Essstörung Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sie vermissen.


Verhalten ändert sich

Erste Anzeichen können sowohl von Eltern, Freunden, Lehrern, Ärzten als auch von den Betroffenen selbst erkannt werden. Auffällig ist etwa, wenn verstärkt Diät- oder Lightprodukte konsumiert werden oder bestimmte „dickmachende“ Lebensmit- tel wie Kartoffeln, Nudeln, Butter oder Süßes ganz vom Speisezettel gestrichen werden, wenn nur mehr „Healthy Food“ in- frage kommt oder wenn die Auswahl insgesamt stark eingeschränkt wird. Besorgnis ist auch geboten, wenn Mahlzeiten weggelassen werden, zunehmend unregelmäßiger oder plötzlich sehr langsam gegessen wird, wenn aus merkwürdigen Ernährungs-gewohnheiten ein Dauerzustand wird, die Einstellung zum Essen anhaltend verändert oder nicht mehr lustvoll gespeist wird, wenn sich der Jugendliche stark mit Gewicht oder Figur beschäftigt bzw. sein sonstiges Verhalten und We- sen verändert oder wenn der Betroffene in letzter Zeit stark an Gewicht verloren hat.


Einfach aufhören?

Essstörungen sind zwar vergleichsweise seltene, aber schwere seelische Krankheiten, die auch dem Körper massiv scha- den. Man spricht auch von einer psychosomatischen Erkrankung mit Suchtcharakter, was bedeutet, dass Betroffene nicht einfach wieder damit „aufhören“ können. Es ist wichtig, sowohl als Elternteil als auch als Freund oder Lehrer aufmerksam zu sein und beobachtete Veränderungen nicht zu bagatellisieren oder zu verschweigen. Betroffene brauchen dringend professionelle Hilfe. Je früher eine Behandlung beginnt, desto günstiger sind die Chancen auf Heilung. Da bei den Ju- gendlichen selbst, die von einer Essstörung beeinflusst sind, zu Beginn oftmals wenig Krankheitseinsicht vorhanden ist, spielen Eltern und Vertrauenspersonen eine sehr wichtige therapieinduzierende und -motivierende Rolle. Den Verdacht auf eine Essstörung offen anzusprechen, kann ein wesentlicher Beitrag zur Prävention bzw. zum weiteren Verlauf der Erkran- kung sein. Wichtig dabei ist, nicht wertend, anklagend oder „drohend“ vorzugehen. Von den Betroffenen wird rückblickend immer wieder hilfreich geschildert, dass zum Beispiel der Hausarzt wertschätzend, aber auch klar und wenn nötig beharr- lich seine Sorge formuliert und eine Überweisung zu Spezialisten forciert.


Essen als Therapie

Jugendliche kommen auf Zuweisung vom Haus-, Kinder- oder Schularzt oder auch aufgrund der Anregung oder Besorgnis der Eltern. Im Kinder- und Jugendspital des Kardinal Schwarzenberg Klinikums wird zum Beispiel die stationäre Behand- lung von Essstörungen angeboten. Vor allem bei der Anorexie stehen zunächst die somatische Rehabilitation und der Kost- aufbau im Vordergrund. Je nach medizinischer Verfassung werden stark untergewichtige Patienten zunächst auf der Pädia- trie oder der Intensivstation behandelt. In dieser Phase ist Essen der wichtigste Therapiebaustein. In enger Zusammenar- beit mit Medizin, Pflege und Diätologie wird die Gewichtsrehabilitation kontrolliert unterstützt. Im weiteren Behandlungsver- lauf spielen Psychologie und Psychotherapie, aber auch weitere Angebote wie Ergotherapie, Musiktherapie oder Aroma- pflege eine große Rolle. Hier zielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf die Behandlung der Gewichtsphobie, Gedan- ken um Figur und Gewicht, der Körperschemastörung, Störung des Selbstwertgefühls, akute oder dauerhafte Konflikte, Kri- sen im Erwachsenwerden, Körperschemastörung ab. Dabei kann die multiprofessionelle Stärkung der Widerstandsfähig- keit gegen die Essstörung oft Monate dauern, bis erfolgreich zu niedergelassenen Therapeuten weitervermittelt werden kann. Die medizinische Fallführung mit ambulanten Gewichtskontrollen wird weiterhin von der ärztlichen Ambulanz über- nommen.