LEBENSSTILMEDIZIN |  Im Gespräch

Lebensstilmedizin 2.0

Prof. Dr. Jens Reimer, MBA, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg und Geschäftsführender Direktor des Zentrums für

Psychosoziale Medizin bei der Gesundheit Nord, Klinikverbund Bremen, im Wordrap

Foto: ZVG

Für ein Medizinstudium und für Psychiatrie und Psychotherapie habe ich mich entschieden, weil … das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist – wenn diese überhaupt zu trennen sind – extrem spannend und an vielen Stellen noch wenig verstanden ist.


Den Master of Business Administration habe ich später absolviert, weil … wir uns oft ökonomisch, ande- rerseits nach ökonomischen Kriterien auch irrational verhalten.


Als Volkskrankheiten würde ich bezeichnen … Bewegungsmangel, Überernährung und Substanzge- brauch. Viele der eigentlichen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder psychische Störungen hängen damit zusammen.


Lebensstilmedizin ist heute im Gespräch, weil … zunehmend klar wird, dass die Vorstellung vom einfa- chen Reparieren von Fehlfunktionen im Körper nicht funktioniert. Der Lebensstil beeinflusst Gesundheit und Krankheit maßgeblich. Dies wird die Medizin in Zukunft deutlich stärker berücksichtigen müssen.


Interdisziplinarität in der Medizin kann … das Spezialwissen der Experten zum Wohle des Patienten zu- sammenführen.


Suchterkrankungen faszinieren mich, weil … Menschen auf der Suche nach einem kleinen Stück des Glücks dann doch oftmals beim Gegenteil landen. Warum? Ist das „ökonomisch“ im Sinne der eigenen Le- bensqualität?


Die Deutsche Gesellschaft für Lebensstilmedizin habe ich gegründet, weil … wir zusammen über die verschiedenen Disziplinen die Möglichkeit haben, Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen deutlich zu verbessern – und das sogar ohne viele Medizingeräte oder Medikamente.


Als Herausforderungen der Zukunft für die Medizin halte ich … die Zurverfügungstellung von Ressour- cen, die einen gesunden Lebensstil fördern. Ich nenne ein Beispiel, das im Eigentlichen nicht viel kostet: Ich muss in die vierte Etage. Der Aufzug bietet mir einen bequemen Zugang. Das Treppenhaus erlaubt mir, mich fit zu halten. Die Umbewertung im Kopf ist, dann wegzugehen von der Vorstellung, das Treppenhaus sei eine reine Qual, sondern aufzunehmen, dass mir das Treppenhaus eine Möglichkeit für die Gesundheit bietet.


Für die Zukunft der Lebensstilmedizin wünsche ich mir … die Umsetzung in den medizinischen Alltag. Der Arzt spielt dann eine Rolle im Team von vielen (Bewegungstherapeuten, Ernährungsberater etc.), die dem Patienten auf dem Weg zu einem gesünderen Lebensstil helfen.


Für die Ausbildung der Mediziner wünsche ich mir … eine stärkere Berücksichtigung von Verhaltensas- pekten, die zu Gesundheit und Krankheit beitragen.

Prof. Dr. med. Jens Reimer, MBA

ist seit 2016 Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medi- zin bei der Gesundheit Nord, Klinikverbund Bremen. Zugleich ist er am Universi- tätsklinikum Hamburg-Eppendorf und im Vorstand des Zentrums für Interdiszipli- näre Suchtforschung der Universität Hamburg tätig. Er bekleidet weitere Funktio- nen als Vorstand der Deutschen Suchtstiftung, Gründungsvorsitzender der Deut- schen Gesellschaft für Lebensstilmedizin und Mitglied des Beirats der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Sein Studium absolvierte er an den Universitäten Es- sen, Antalya, West Indies und in Zimbabwe. Die Promotion zum Thema psychi- scher Auswirkungen des Aderhautmelanoms wurde mit ‚summa cum laude‘ und dem Promotionspreis der Universität Essen ausgezeichnet. Professor Reimer be- gann seine Weiterbildungszeit zunächst in der Inneren Medizin am Universitätskli- nikum Essen, bevor er seine Ausbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten fortführte. Am UKE fungierte er über mehrere Jahre als Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung sowie als Mitglied des Vorstands des center for healthcare research. Das Studium zum Master of Business Administration absol- vierte Prof. Reimer an der Universität Hamburg.

http://lebensstilmedizin.org,

www.uke.de, www.zis-hamburg.de, www.gesundheitnord.de