KLINIK & KARRIERE

Medizinische Gutachten:

eine große Verantwortung

In zivil- und verwaltungsrechtlichen Verfahren stellen Gutachten nicht nur das Zünglein an der Waage dar – sie entscheiden meist den Prozess.


Autor: Univ.-Prof. DDr. Thomas Ratka, LL.M.

Vizerektor für Lehre/Wissenschaftliche Weiterbildung

Leiter des Departments für Rechtswissenschaften und

Internationale Beziehungen

Donau Universität Krems

thomas.ratka@donau-uni.ac.at

www.donau-uni.ac.at/recht

FOTO: ISTOCKPHOTO / Nico El Nino, DUK/WALTER Skokanitsch

Grund dafür ist, dass den Richtern und Verwaltungsbehörden zumeist das erforderliche fachliche Know-how zur Beurtei- lung eines medizinischen Sachverhalts fehlt. Das Entscheidungsorgan muss sich daher oft – sieht man von einer allgemei- nen Plausibilitätsprüfung ab – gänzlich auf das ihm vorgelegte medizinische Gutachten verlassen. Dieser Umstand führt dazu, dass den Gutachtern letztendlich die große Verantwortung der Entscheidungsfindung über Einzelschicksale über- tragen wird. Dabei stellt sich natürlich die Frage, was ein medizinisches Gutachten beinhalten soll, damit es all diese An- forderungen erfüllt.


Klare und verständliche Aussagen

Ein medizinisches Gutachten hat sich auf gesicherte medizinische Erkenntnisse zu beschränken und muss objektiv und somit wissenschaftlich belegbar sein; korrekte Quellenangaben und, wenn nötig, auch Quellenkritik sind daher unerläss- lich. Oftmals wird aber übersehen, dass Gutachter „auch nur Menschen sind“, sprich: Fehler machen und scheinbar nicht ausreichend kontrolliert werden. Richter und Verwaltungsbehörden wollen daher im Gutachten meist klare und verständ- liche Aussagen; oft liegen die Sachverhalte aber nicht so einfach und lassen mehrere Deutungen offen. Wenn das so ist, müssen Gutachter dies offenlegen und begründen, warum sie einer von mehreren Möglichkeiten folgen. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass die Gutachtenerstellung selbst klaren und nachvollziehbaren, inhaltlichen und for- malen Qualitätskriterien folgt, mit anderen Worten: dass die Gutachter auch „ein bisschen Juristen werden“ und auf For- malkriterien achten, denn formale Fehler machen ein Gutachten – auch wenn es im Ergebnis richtig liegt – immer an- fechtbar.


Grundlagenwissen erforderlich

Damit Gutachten diesen oftmals schwierig zu erfüllenden Kriterien entsprechen, gibt es ab Oktober 2017 erstmals die Möglichkeit, ein in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Ärztekammer entwickeltes Zertifikatsprogramm „Rechts- kompetenz für Medizinische Gutachter“ an der Donau-Universität Krems zu belegen, dessen Besuch vollständig als DFP- Fortbildung anrechenbar ist. Das Zertifikatsprogramm stattet Gutachter nicht nur mit einem essenziellen materiellen und verfahrensrechtlichen Grundlagenwissen aus, sondern führt auch an die spezifischen Erfordernisse in den wichtigsten Be- reichen der Gutachtenserstellung praxisnah und aus erster Hand heran. In vier Modulen, die berufsbegleitend innerhalb eines Semesters absolviert werden, werden neben einer Einführung in die relevanten Rechtsgebiete, die Begutachtung im Strafrecht und im Verwaltungsrecht, wobei auch Einblicke in die Forensik und in den Maßnahmenvollzug gewährt wer- den, die Begutachtung im Zivil- und Sozialversicherungsrecht, die Pflegegeld-Begutachtung sowie das Schmerzengeld grundlegend nähergebracht. Außerdem wird auf spezielle medizinische Bereiche im Zusammenhang mit Begutachtungen wie Orthopädie und Traumatologie, Geriatrie und Psychiatrie näher eingegangen.