KUR & GESUNDHEITSVORSORGE | Faszien

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Faszien lassen sich mit  geeigneten Übungen gut trainieren

Faszinierende Faszien

Schmerzen im Stütz- und Bewegungsapparat machen vielen Menschen zu schaffen und sind ein häufiger Grund für Krankenstände. Die Ursachen und damit der Weg zur richtigen Behandlung sind oft schwierig. Neue Erkenntnisse rund um „Faszien“ schaffen eine Reihe von Ansatzpunkten für mehr Fitness und Gesundheit.

Zu den „üblichen Verdächtigen“ für Schmerzen im Rücken, Nacken oder bei Bewegungen zählen zum Beispiel Bandschei- benprobleme, Wirbelblockaden, eingeklemmte Nerven, eine verkrampfte, schwache oder einseitig belastete Muskulatur, psychosomatische Störungen oder chronischer Stress. Seit Kurzem ist ein neuer Faktor in den Blickpunkt der Experten ge- rückt: die Faszien.


Hochsensibles Organ

Zu den Faszien zählen alle kollagenen faserigen Bindegewebe des Körpers, die dem Körper seine innere Struktur und sei- ne äußere Form verleihen. Sie umhüllen, stützen und verbinden alle Teile, auch so feine Strukturen wie die Nerven, die Blut- gefäße, das Gehirn, die Augen, jede Körperzelle und jeden Bestandteil der Körperzellen. Die Faszien könnte man fast als eigenständiges „Organ“ mit zahlreichen Nervenenden, Schmerz- und Bewegungssensoren bezeichnen. Sie sind überaus strapazierfähig und reagieren – anders als unsere Muskeln – auf Anspannung oder Entspannung viel reduzierter. Zudem haben sie nicht nur eine physiologische Aufgabe, sondern bilden auch eine Brücke zwischen Sensorik und Bewegungsap- parat, denn: Feinfühlig registrieren sie Bewegungsabläufe oder die Körperhaltung, sei es beim stundenlangen Arbeiten am Computer mit angespannt hochgezogenen Schultern, beim Sport mit Ehrgeiz und Anstrengung oder bei geschmeidigen Be- wegungen wie dem Tanzen.


Wo Faszien zu Hause sind

Vereinfacht betrachtet ist die Struktur des menschlichen Körpers ein dreidimensionales Netzwerk von Faszien, das wie ein Kleid um knöcherne Elemente drapiert ist. Die Faszien übernehmen in diesem Netzwerk die Kraftübertragung zwischen den Muskeln und sorgen so dafür, dass diese gut zusammenarbeiten. Die auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basie- rende Sichtweise besteht nun darin, dass das kollagene Bindegewebe die Spannung des Körpers mitbestimmt, die Musku- latur beeinflussen kann und ein eigenes Wahrnehmungssystem des Körpers darstellt. Je ausgeglichener die Spannungsver- hältnisse innerhalb des Fasziennetzwerks sind, desto ausbalancierter fühlt sich der Körper an. Die Rezeptoren des Binde- gewebes sind bisher in der großen Rückenfaszie (Fascia thoracolumbalis) und in der Fußsohlenfaszie (Plantarfaszie) nach- gewiesen worden. In der Rückenfaszie ist die Anzahl größer als in der Fußsohle. Das zahlenmäßige Vorkommen ist jedoch individuell unterschiedlich. So kann bei aktiven, gut trainierten Menschen durchaus eine höhere Anzahl an Rezeptoren vor- handen sein.


Training hält fit

Eine große Rolle in der Leistungsfähigkeit der Faszien spielen ihre Festigkeit, Elastizität und Flexibilität. Die Faszien verfil- zen durch den natürlichen Alterungsprozess, denn die Bindegewebszellen produzieren mit den Jahren immer weniger vom Strukturprotein Kollagen. Durch Fehlhaltungen, Verletzungen, Bewegungsmangel und Stress können sie zudem ge- schwächt werden, ebenso aber lassen sie sich mit den geeigneten Übungen gut trainieren. Die Basis ist einfach: Wer sich regelmäßig bewegt, hält seine Faszien jung und lebendig. Bewegungsmangel dagegen lässt die Faszien verkleben und ver- filzen. Dann ist die muskuläre Kraftübertragung blockiert, denn die Muskelfaserbündel können nicht mehr geschmeidig an- einander vorbeigleiten. Die zunehmende Starre und daraus folgende Schmerzen, Schwächen und Blockaden mindern wie- derum die Lust auf Bewegung – ein Teufelskreis beginnt. Yoga, Qigong, Taiji oder Pilates sind nur einige der Bewegungsfor- men, die bestens geeignet sind, die Faszien wirkungsvoll zu trainieren. Das Bindegewebe wird besonders durch den Wech- sel von Belastung und Entlastung angesprochen und dadurch elastischer. Zudem wird die Durchblutung verbessert. Auf die- se Weise wird der ganze Stoffwechsel gestärkt. Gezieltes Faszientraining reguliert auch die Feinabstimmung unserer Bewe- gungsabläufe und ist damit die beste Prävention von Verletzungen, Stürzen oder Unfällen. Nicht nur auf der Trainingsmatte, sondern auch im Alltag und in der Freizeit können Sie sich aus der Starre lösen und etwas für die Faszien tun: beim Trep- pensteigen, beim Schwimmen und ganz besonders beim Klettern. Finden Sie Möglichkeiten, mehr Beuge- und Streckbewe- gungen, Halte- und Zugbewegungen mit anschließender Entspannung in den Alltag einzu

bauen.

Nachgefragt bei ...


... Dr. Hans Malus, Facharzt für physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation, www.drmalus.at

Warum ist die Faszientherapie derzeit in aller Munde?

In anderen Ländern gibt es hier schon eine viel längere Tradition und auch entsprechende Forschung. Das Thema beginnt sich in Österreich langsam zu etablieren. Oft wird aber immer noch eine bestimmte Technik verstanden, die sehr schmerzhaft ist. Doch es geht um mehr – zuerst muss man das Konstrukt verstehen, dann kann gezielt thera- peutisch reagiert werden. Und das muss keinesfalls schmerzhaft sein!


Welche Eckpunkte gilt es im Wesentlichen zu verstehen?

Es geht um eine völlige neue Denkweise. Was wir früher im Sezierkurs weggeschnitten haben, um an die Muskeln zu kommen, das muss jetzt unter dem Faszienaspekt völlig neu untersucht werden. Es stellt die bisherigen Erkennt- nisse nicht auf den Kopf, bringt aber eine erweiterte Sicht auf den Stütz- und Bewegungsapparat. Das ist aber noch nicht in die medizinische Ausbildung integriert und sollte aus meiner Sicht nicht nur in der Orthopädie oder der phy- sikalischen Medizin Eingang finden. Die unterschiedlichen Strukturen im Bindegewebe ziehen sich vom Scheitel bis zur Sohle.


Woraus bestehen Faszien?

Hauptsächlich aus Proteinen und Wasser. Die Funktion der Körperstelle, die sie umgeben, entscheidet dabei über die genaue Zusammensetzung. So vielseitig wie die Funktionen der Organe, Knochen, Muskeln und Nerven unse- res Körpers sind, variiert auch die Zusammensetzung der Faszien. Mal ist das Netz straffer, mal lockerer geknüpft, enthält mehr oder weniger Flüssigkeit. Im Grunde setzt sich das Bindegewebe jedoch immer aus vier Bausteinen zusammen: Zellen wie Fibroplasten, Wasser, Fasern wie Kollagen und Elastin und verschiedenen Polysacchariden, die als eine Art Klebstoff und Schmiermittel dienen. Sinn dieser Struktur ist es, eine innere Verbundenheit bei gleich- zeitiger Verschiebbarkeit zu gewährleisten, also ein vernetztes System aufzubauen.


Verändern sich die Faszien im Alterungsprozess?

Ja, sie verfilzen zunehmend. Die bewegliche Textur ist weniger mit Wasser gefüllt, daher werden wir immobiler und die Spannung im Körper reduziert sich. Ziel der Therapie ist es, die Gleitfähigkeit zu verbessern und die Fibrosie- rung möglichst zu verzögern.


Welche Aufgaben haben Faszien?

Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Kraftübertragung. So würde Muskelkraft allein nicht ausreichen, um Lasten zu heben. Das Fasziensystem schafft die erforderliche Stabilität und eine Verteilung der Kräfte. Wir wissen auch, dass im Bindegewebe mehr sensorische Rezeptoren sind als in den Muskeln und oft handelt es sich bei Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparates um Faszienschmerzen. Bei chronischen Rückenschmerzen oder chronischem Cervicalsyndrom könnten Faszienschmerzen und verdickte fibrosierte Faszien die Ursache sein. Das haben neue Studien gezeigt. Wir haben rund 600 Muskeln, die in diesem Fasziensystem eingebettet sind, daher braucht es ei- nen ganzheitlichen Zugang, um die Zusammenhänge zu verstehen.


Bei welchen Indikationen ist die Faszientherapie zu empfehlen?

Sie ist eine gute Ergänzung zu sehr vielen anderen Therapiemethoden, wird aber praktisch nie allein angewandt und erfordert so wie alle manuellen Techniken eine Anamnese und Diagnose. Sie wirkt jedenfalls sehr schnell und effektiv, darum ist sie in der Sportmedizin eher verbreitet. Bei Entzündungen sowie bei Fieber ist sie kontraindiziert.