SUCHTMEDIZIN|  Im Gespräch

Klick und weg

Prim. Dr. Kurosch Yazdi, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Leiter der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum in Linz sowie Autor des Buches „Klick und weg – das Facebook- Aufhörbuch“, im Wordrap

Foto: apa

Für ein Medizinstudium und im Speziellen die Psychiatrie habe ich mich entschieden, weil … ich in der siebten Klasse Gymnasium im Englischunterricht das Theaterstück von Peter Shaffer „Equus“ kennenlernte und naiverweise dachte, die Tätigkeit als Psychiater wäre so wie beim Protagonisten im Stück. Obwohl die Realität des Arbeitsalltags überraschenderweise nicht so ist wie in diesem Theaterstück, finde ich Psychiatrie und Psychotherapie dennoch faszinierend und bin froh über meine Wahl. In keinem anderen Bereich der Me- dizin kümmert man sich so ganzheitlich um die psychischen, körperlichen und sozialen Belange von Men- schen.


Suchtmedizin ist für mich ein faszinierendes Fach, weil … ich einerseits das Thema Kontrolle über das eigene Verhalten bzw. Verlangen versus Kontrollverlust spannend finde. Auf der anderen Seite umfasst die Suchtmedizin die gesamte Psychiatrie. Denn wenn wir uns nicht um die Begleiterkrankungen wie Depression, Ängste, Schmerzen, Psychosen und vieles mehr annehmen, wird der Betroffene nie langfristig seine Suchter- krankung in den Griff bekommen.


Ich habe mich dazu entschlossen, dieses Buch zu schreiben, weil … ich nach meinem vorletzten Buch, „Die Cannabis-Lüge“, einen gewaltigen Shitstorm erntete. Nein, Scherz beiseite – manchmal habe ich ein starkes Bedürfnis, bestimmte Themen, die aus meiner Sicht zu wenig Beachtung finden, publik zu machen, wie eben die Gefahren von Cannabis oder Internetsucht. Das heißt natürlich nicht, dass die Menschen meine Bücher lesen. Aber zumindest habe ich gesagt, was ich zu sagen hatte und damit meinen Teil beigetragen.


Der wichtigste Schritt, um aus den sozialen Medien auszusteigen, ist … eine realistische Einschätzung, ob das eigene Verhalten in Bezug auf das Internet noch passend ist bzw. mit dem gewünschten Lebensweg vereinbar ist. Man könnte das auch Krankheitseinsicht nennen, sofern das Verhalten krankhafte Ausmaße er- reicht hat.


Das wichtigste Echo auf mein Buch war für mich, … dass viele meinten, das Thema sei aktuell und der Inhalt, dank meinem Co-Autor Ben Springer, verständlich und kurzweilig.


Facebook und andere Social-Media-Kanäle sind … eigentlich nicht das, was sie vorgeben zu sein. Sie nennen sich „social media“, sind aber nicht sozial – so wie die „friends“ auf Facebook keine Freunde sind. Ganz im Gegenteil: Jene Menschen, die extrem viel Zeit in diesen sogenannten sozialen Medien verbringen, haben meist kein Sozialleben mehr. Und jene, die extrem viele „friends“ auf Facebook haben, haben kaum Freunde. Mir ist natürlich klar, dass sehr viele Menschen diese Anwendungen in einem geringen und sinnvol- len Maß nutzen. Aber meine Sorge gilt den Kindern und Jugendlichen, die mit dieser Technologie aufwach- sen. Vielen von ihnen sind die 800 Online-Freunde wichtiger als die fünf Freunde im echten Leben.


Die größte Gefahr der sozialen Medien ist, … dass sie unsere Fähigkeiten im realen Leben einschränken. Nicht nur unsere Zeit wird eingeschränkt, sondern auch unsere realen Beziehungen, Konfliktfähigkeit, Kon- zentration, Motivation usw. Bei der Motivation meine ich jene, die sich auf langfristige Ziele bezieht. Wenn das Internet scheinbar im Hier und Jetzt alle unsere Bedürfnisse abdecken kann, wozu dann noch die Motivation aufbringen, Entbehrungen auf sich zu nehmen, um in ferner Zukunft Ziele wie zum Beispiel den Abschluss ei- ner Ausbildung zu erreichen?


Die unterschätztesten Süchte sind … Cannabis-Abhängigkeit, weil diese Droge derzeit massiv verharmlost und geradezu als Wundermittel gepriesen wird, und die Abhängigkeit vom Internet, weil die Industrie uns vor- gaukelt, dass wir etwas verpassen, wenn wir nicht ständig online sind.


Die größte (Sucht-)Gefahr für Kinder ist heute … erwachsen zu werden, ohne bindungs- und später bezie- hungsfähig zu sein. Dazu gehören Fähigkeiten wie Konfliktfähigkeit, wertschätzender Umgang mit sich und anderen, Einfühlungsvermögen – wieder bei sich und bei anderen –, Impulskontrolle, gelegentlicher Verzicht auf kurzfristige Belohnung zugunsten eines fernen Zieles usw.


Für die Suchtmedizin würde ich mir wünschen, dass … wir auch in Zukunft genügend interessierte und engagierte Ärzte finden, die sich auf diesem Gebiet spezialisieren wollen.


BUCHTIPP

Prim. Dr. Kurosch Yazdi, geboren 1976, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut. Er hat Zusatzdiplo- me in Psychosozialer, Psychosomati- scher und Psychotherapeutischer Me- dizin. Der gebürtige Iraner studierte in Wien Medizin und absolvierte in Salz- burg seine Facharztausbildung. Seit 2012 leitet er die Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin des Kepler Universitätsklinikums Linz inklu- sive der Außenstelle in Bad Hall. Yazdi verfasste außer „Klick und weg“ auch die Bücher „Die Cannabis-Lüge. War- um Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient“ und „Junkies wie wir. Spielen. Shoppen. Internet. Was uns und unsere Kinder süchtig macht“.

Ben Springer und Kurosch Yazdi, Klick und weg – Das Facebook-Aufhörbuch. edition a. 978-3990012710

Mark Zuckerberg hat die Bibel neu erfunden und sie auf den Namen Facebook getauft. Statt zwölf Apostel hat er mehr als zwei Milliarden, und die schreiben die Bibel tages- aktuell. Wissen Sie noch, wie sich die Welt ohne Facebook und die anderen sozialen Medien angefühlt hat? Nein? Facebook entstand 2004 und wir haben uns daran ge- wöhnt, in dieser Fake-Welt zu leben. Zeit, damit aufzuhören und wieder ins echte Leben zurückzukehren.