Fortbildung & Karriere | Kooperation

Fotos: Sandner-Kiesling

Schmerzausbildung

interdisziplinär

Seit Kurzem können Mediziner und Physiotherapeuten gemeinsam die Schulbank drücken, wenn es um die Aus- und Weiterbildung in der Schmerztherapie geht. Die Zusammenarbeit bringt Vorteile für alle Beteiligten – bis hin zum Patienten – und

letztendlich auch für das Gesundheitssystem.

Seit 2003 bietet der von der Sektion Schmerz der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und In- tensivmedizin (ÖGARI) angebotene interdisziplinäre Schmerzkurs die Voraussetzung zur Erlangung des ÖÄK-Diploms „Spezielle Schmerztherapie“. Bisher war dieser Kurs ausschließlich Ärzten zugänglich. Einen Meilenstein in der Entwick- lung markiert nun die Öffnung auch für Physiotherapeuten. Univ.-Prof. Dr. Andreas Sandner-Kiesling von der Klinischen Ab- teilung für Allgemeine Anästhesiologie, Notfall- und Intensivmedizin der MedUni Graz und Leiter dieses Schmerz-Ausbil- dungskurses beschreibt die Vorteile der Kooperation der Berufsgruppen für die Behandlung und die Patienten.


Die Kooperation zwischen Berufsgruppen hat in der Medizin keine lange Tradition. Wie kommt dieser ungewöhnli- che Brückenschlag im ÖGARI-Kurs an?

Bei dem Kurs ist es uns vermutlich weltweit das erste Mal gelungen, dass Ärzte und Physiotherapeuten gemeinsam lernen, lehren und in sehr intensivem Austausch am Patienten arbeiten. Wir schaffen eine völlig neue Kommunikationsebene und die positiven Rückmeldungen geben uns recht, dass das der richtige Weg ist.

Welche Vorteile bringt diese Zusammenarbeit den Medizinern?

Das große Extra ist wohl, dass man so das eigene Wissens- und Anwendungsspektrum nachhaltig erweitern kann. Ich bin von meiner eigenen Grundausbildung her Allgemeinmediziner und habe zusätzlich zur Facharztausbildung eine Reihe von komplementären Therapierichtungen wie Massage, Akupunktur oder die Manualtherapie gelernt. Im Mittelpunkt der schul- medizinischen Ausbildung standen immer die Diagnose und Therapie, aber nie das funktionelle Denken. Dazu kommt, dass wir Ärzte gewöhnt sind, überwiegend als Einzelkämpfer anzutreten und Entscheidungen zu treffen. Teamarbeit wird nicht gelehrt, nicht gelernt und hat daher im Berufsalltag auch keinen hohen Stellenwert. Der dritte Aspekt, der sich durch diese Zusammenarbeit jetzt verändert, ist die Abkehr von der Hörigkeit gegenüber der Bildgebung. Wir favorisieren diese und vergessen oft die klinische Untersuchung. Es ist aber wichtig, gerade in der Schmerztherapie, den Patienten anzugrei- fen und so herauszufinden, ob die Hypothese, die wir uns in den ersten 15 Sekunden entworfen haben, auch dem ent- spricht, was es zu „be-greifen“ gibt. Und genau das lernen wir von den Physiotherapeuten. Ich muss dann als Arzt am Pati- enten auch nicht alles selbst machen, aber ich muss zumindest wissen, was therapeutisch möglich ist, und kann mich dann auf einen Partner verlassen, der mit mir gemeinsam die Diagnose und Therapieentscheidung trifft. Die Zukunft ist das Arbeiten auf Augenhöhe und nicht mehr hierarchisch.


Wann kommt dieses Team am besten zum Einsatz?

Nicht bei jedem Patienten ist die Abstimmung im Team erforderlich. Das ist individuell zu entscheiden. Ich wehre mich auch gegen den oft geäußerten Vorwurf, dass ich die Fachärzte für physikalische Medizin und Rehabilitation (PMR) damit aus- spare. Mein Zugang ist sehr pragmatisch: Es gibt in meinem Bundesland zu wenige Fachärzte für PMR, die Physiothera- peuten sind einfacher verfügbar. Ich arbeite auch mit Orthopäden zusammen, doch hier beobachte ich, dass das konser- vative Wissen schon sehr in Vergessenheit geraten ist und die operative Medizin dominiert. Das heißt, auch diese Kollegen sind nicht für jeden Patienten die passende Ergänzung zur multimodalen Schmerzmedizin.


Wie empfindet der Patient die Kooperation mit der Physiotherapie?

Ich wende viel Zeit für die Aufklärung auf, denn es genügt ja nicht, Symptome zu behandeln. Das primäre Behandlungsziel ist die kausale Behandlung, also die der primär auslösenden Ursache. Eine OP oder Schmerztabletten können, aber müs- sen nicht die Option der Wahl sein. Als Manualtherapeut konzentriere ich mich auf das betroffene Gelenk, jedoch das ge- samte Umfeld des Gelenkes, etwa die Haltung, die Bänder oder die Muskeln, behandelt dann der Physiotherapeut. Hier gibt es im Team eine enge Abstimmung, und das schätzen die Patienten. Als weitere entscheidende Berufsgruppe ist es ebenso wichtig, Psychologen, Psychiater oder Psychotherapeuten einzubeziehen.


Ist die multimodale Therapie eine Kassenleistung?

Es gibt die klassischen „Massagen“ auf Krankenschein, aber wir reden hier von einem Behandlungskonzept, das sich aus der Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen ergibt. Dazu gehören die Physiotherapie, psychologische Interven- tionen wie die Patientenedukation – alles zusammen unter ärztlicher Koordination. Dafür gibt es im niedergelassenen Sek- tor überhaupt keine Abrechnungsposten. Arbeit im Team ist also keine Kassenleistung.


Was kann der Patient tun, um das dennoch in Anspruch zu nehmen?

Manche gehen ins Krankenhaus, werden stationär aufgenommen und erhalten dort die gesamte Palette an medizinischer Leistung. Vom Labor bis zur Spritzenkur. Im niedergelassenen Bereich gibt es die zeitlich sehr begrenzten Kassenangebo- te. Wer es sich leisten kann, weicht auf Wahlärzte aus. Dass diese Lösungen für das Gesundheitssystem kurzsichtig sind, belegen die Zahlen: Wenn Patienten aufgrund von Schmerzen zwei Jahre berufsunfähig waren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den Job zurückkehren, etwa 20 %. Umgekehrt wissen wir aber auch, dass nach dem Durchlaufen von multi- modalen Programmen nach zwei Jahren 80 % in den Job zurückkehren können. rh

Nachgefragt bei ...


.... Bernhard Taxer, MSc, Physiotherapeut und Manualtherapeut (OMT), Lehrtherapeut an der FH JOANNEUM Graz, Leiter des Fachlichen Netz- werks Schmerz von physioaustria sowie Kursorganisation Fokus Medizin – Schmerzkurs Pöllauberg


Als Mitorganisator des interdisziplinären Schmerzkurses in Pöllauberg freue ich mich besonders über die entstandene Kooperation zwischen physioaustria, dem Bundesverband der PhysiotherapeutInnen Österreich, und der ÖGARI, zweier Organisationen, denen letztendlich eine optimale Versorgung Be- troffener am Herzen liegt. Auch wenn zu Beginn noch ganz leichte Skepsis zu spüren war, entwickelte sich mit der Zeit eine sehr positive Dynamik im Kurs, die sich hoffentlich im Sinne der Schmerzpatien- ten in die Praxis hinaus fortsetzt. Ziel der Ausbildung ist es, neben der Schaffung eines einheitlichen Wissensstandes, welcher sowohl praxis- als auch wissenschaftsorientiert ist, eine gemeinsame Sprache zu finden, wenn es um die Behandlung akuter oder chronischer Krankheitsbilder geht.

Jede Berufsgruppe im Kurs hat ihre Grundausbildung und dementsprechend ihre Kompetenzen basierend auf Curriculum und diversen Zusatzausbildungen. Es besteht nicht die Intention, Interventio- nen, Diagnostik oder fachliche Inhalte zu übernehmen oder zu kopieren, sondern es geht darum, sich im jeweiligen klinischen Denkvorgang und Handeln besser zu verstehen und Schritte im Rahmen der Behandlung nachzuvollziehen. Physiotherapeuten sind Experten in der klinischen Untersuchung und Behandlung des Bewegungsapparats und Profis im Erkennen von Bewegungsdysfunktionen bzw. funk- tioneller Beeinträchtigungen. Wesentlich ist dabei die Wiedererlangung eines Aktivitätsniveaus nach akutem oder chronischem Geschehen.

Um Patienten mit persistierenden Schmerzen adäquat zu behandeln, benötigt es neben dieser Fähigkeit und einer fundierten Patientenedukation allerdings auch das notwendige Wissen, wie im inter- disziplinären und multiprofessionellen Rahmen zu handeln ist. Nur so kann auf Dauer einer momentan bestehenden Unter-, Über- oder gar Fehlversorgung in der österreichischen Schmerzlandschaft entge- gengewirkt werden, sodass sowohl Patienten als auch das Gesundheitssystem insgesamt langfristig profitieren.