THEMA | Arbeitspsychologie

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Krank zur Arbeit

Hohes Pflichtgefühl und unwissende Führungskräfte fördern, dass kranke Mitarbeiter weniger oft zu Hause bleiben und eher mit Beschwerden am Arbeitsplatz erscheinen. Das geht aber langfristig zu Lasten der Betroffenen, der Produktivität der Betriebe und der Volkswirtschaft.

Der Österreichische Arbeitsgesundheitsmonitor ist eine umfassende Erhebung der subjektiven gesundheitlichen Befindlich- keit von Arbeitnehmern. Neben klassischen Beeinträchtigungen und psychosomatischen Beschwerdebildern wie Herz- Kreislauf-Problemen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen oder Be- schwerden im Bewegungs- und Stützapparat werden auch psychische Beeinträchtigungen wie Gereiztheit, Depressivität oder Motivationsverlust sowie positive Indikatoren der Gesundheit wie Persönlichkeitsentwicklung, Selbstwirksamkeit, Wohl- befinden, Leistungsfähigkeit und Sinnwahrnehmung im Leben erhoben. Erhoben werden die Daten in Face-to-face-Inter- views im Rahmen der IFES-Mehrthemenumfrage. Das Sample beträgt 4.000 Interviews jährlich, somit ist der Gesundheits- monitor repräsentativ für alle unselbstständig Beschäftigten in Österreich. Die Grundgesamtheit bilden unselbstständig Be- schäftigte ab 15 Jahren in Österreich.


Angst vor Jobverlust

Der aktuelle Arbeitsgesundheitsmonitor zeigt, dass auch schlechte Chefs ihre Beschäftigten krank machen können. Am häufigsten sind die österreichischen Arbeitnehmer während der Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2010 krank zur Ar- beit gegangen. Damals gaben zwischen 37 und 45 Prozent der Beschäftigten an, innerhalb des vergangenen halben Jahres zumindest einmal krank zur Arbeit gegangen zu sein. Seit dem zweiten Halbjahr 2012 liegt dieser Wert ziemlich konstant bei rund einem Drittel der Beschäftigten.

Der häufigste Grund, krank zur Arbeit zu gehen, ist das Pflichtgefühl gegenüber den Kollegen. Sechs von zehn Befragten gaben an, deswegen nicht daheim zu bleiben, obwohl es vernünftiger wäre. Im öffentlichen Dienst sagen das sogar 72 Pro- zent. Gut ein Drittel aller Beschäftigten, die krank zur Arbeit gingen, klagten über mangelnde Vertretung oder dass niemand ihre Arbeit erledigen konnte. Besonders bei Angestellten ist das ein häufiger Grund. Arbeiter haben hingegen deutlich mehr Angst vor einem Jobverlust: Ein Viertel von ihnen ist aus Sorge vor beruflichen Konsequenzen krank zur Arbeit gegangen. Allerdings hatten nur wenige Beschäftigte Probleme aufgrund von Fehlzeiten wegen Krankheit. Auch hier sind jedoch die Arbeiter mit sieben Prozent stärker betroffen als die restlichen Bediensteten. 17 Prozent der Arbeiter berichteten darüber, dass Kollegen Probleme wegen krankheitsbedingten Abwesenheiten hatten. Bei den Angestellten und öffentlich Bedienste- ten waren es nur neun sowie sieben Prozent. Großen Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter haben die Vorgesetzten, denn von denen, die unzufrieden mit der Führung durch den Chef waren, waren 73 Prozent in den vergangenen sechs Mo- naten zumindest einmal krank. Beschäftigte mit guten Chefs waren im selben Zeitraum nur zu 61 Prozent zumindest einmal erkrankt.


Gesundheitsfördernde Maßnahmen ausbauen

In vielen Betrieben gibt es nach wie vor noch nicht ausreichend gesundheitsfördernde Maßnahmen, vorrangig oft in jenen Branchen, die ohnehin körperlich belastende Tätigkeiten aufweisen. So hat nur jeder fünfte Maschinenbauer ein Gesund- heitsangebot im Betrieb, bei Reinigungskräften, Gärtnern, Kfz-Mechanikern, Maurern, Tischlern sowie Installateuren nur je- der Vierte.

Nachgefragt bei ...


… Mag. Natascha Klinser, Leiterin der Fachsektion Arbeits-, Wirt- schafts- und Organisationspsychologie, Berufsverband Österreichi- scher PsychologInnen (BÖP), klinser@arbeitspsychologie- klinser.at, www.arbeitspsychologie-klinser.at

Steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz an?

Bis zum Jahr 2012 wurde ein starker Anstieg beobachtet, mittlerweile ist die Kurve flacher geworden. Ich denke, dieser starke Anstieg bis 2012 hat seine Ursache zum einen in ei- nem Bewusstseinswandel, der bewirkt, dass psychische Erkrankungen häufiger als solche diagnostiziert werden, und zum anderen in einer sich immer schneller verändernden Welt, die Stress mit all seinen negativen Konsequenzen erzeugt. Die Folgen der Fehlbeanspru- chung zeigen sich in einer Zunahme von Erkrankungen, insbesondere Depressionen und Angstzustände, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber unter anderen auch Demenz. Die Ver- änderung der Altersstruktur in unserer Gesellschaft geht mit einer  Zunahme von Erkran- kungen einher und mit zunehmendem Alter bewirken negative Arbeitsbedingungen eine stärkere Verschlechterung des Gesundheitszustandes.


Gibt es Branchen oder Berufe, die eher betroffen sind?

Branchen mit hoher Belastung sind vor allem im Humandienstleistungsbereich zu finden, wie etwa in Gesundheitsberufen, aber auch im Unterrichtswesen und im Sozialbereich. Dort, wo mit Menschen gearbeitet wird, in helfenden Berufen, gibt es statistisch gesehen mehr Krankenstände auf Grund arbeitsbedingter psychischer Belastungen.


Wohin wenden sich Betroffene im ersten Schritt?

Depressionen und Angststörungen werden vorrangig vom Hausarzt diagnostiziert und dann wird an Fachärzte sowie klinische Psychologen überwiesen. Mit Formen einer leich- ten Depression gehen viele Betroffene häufig zur Arbeit, bei der Diagnose „schwere De- pression“ wird dieses unmöglich.


Welche Rolle spielen Psychologen bei der Behandlung?

Sie helfen vor allem, Strategien zu entwickeln, positive Aktivitäten aufzubauen und jene Faktoren zu identifizieren und zu bewältigen, die zur Depression geführt bzw. diese be- günstigt haben.


Welche Entwicklungen am Arbeitsmarkt begünstigen Depressionen?

Durch die Industrialisierung und den technischen Fortschritt arbeiten mittlerweile mehr als 50 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor, Beschäftigungsverhältnisse in In- dustrie und Gewerbe sind hingegen zurückgegangen. Unsere Psyche wird in der heutigen Arbeitswelt viel stärker und intensiver beansprucht. Im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen begünstigen insbesondere hohe Arbeitsintensität, widersprüchliche Anforderungen, gerin- ger Tätigkeitsspielraum, wenig berufliche Anerkennung und geringe soziale Unterstützung Depressionen und Angsterkrankungen. Parallel dazu haben wir auch immer mehr Lang- zeitarbeitslose, die ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, insbesondere Angst- zustände und Depressionen, aufweisen.


Ist Prävention möglich?

Es gibt viele Weichen, die gestellt werden können: Jeder Einzelne muss mit dem

Raubbau an der eigenen Gesundheit aufhören und Pausen sowie ausreichend

Schlaf einplanen. Die Flexibilisierung der Arbeit im Hinblick auf Zeit und Raum sowie

die Beschleunigung durch neue Technologien verstärken den Druck auf die Menschen. Wir brauchen dringend Arbeitsbedingungen, die Gesundheit und Prävention berücksichtigen. Arbeitspsychologen und Arbeitsmediziner sind dringend gefordert, sich hier einzubringen, das betrifft die Arbeitsorganisation, menschengerechte Strukturen, gesundheitsförderliches Führungsverhalten, Mitsprache, aber auch die passenden Arbeitsmittel.