FORSCHUNG I Junge Forscher

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Medizinische Forschung

Österreichs Mediziner sind durchaus aktiv, wenn es um das Thema Forschung geht. Wir haben drei junge Forscher stellvertretend vor den Vorhang geholt, die zeigen, welch beeindruckende Wege mit jeder Menge Fachwissen, einer Portion Organisationstalent und viel Hartnäckigkeit möglich sind. Sie erzählen aber auch, was es so schwierig macht, Arbeit, Forschung und Privatleben unter einen Hut zu bekommen.

Priv.-Doz. Dr. Bianca Gerendas, MSc


Universitätsklinik für Augenheilkunde und

Optometrie, Medizinische Universität Wien,

Vienna Reading Center


Researcher of the Month 09/2018

?Woran forschen Sie gerade?

Wir beschäftigen uns mit der Auswertung von ophthalmologischem Bildmaterial, vor allem Netzhautschnittbildern, der so- genannten optischen Kohärenztomografie. Hierbei geht es vor allem darum, die einzelnen pathologischen Veränderungen bei jedem individuellen Patienten zu beurteilen, um für ihn angepasste Therapieintervalle zu bestimmen. Hierzu suchen wir nach bestimmten Imaging-Biomarkern, die eine Vorhersage über den Krankheitsverlauf treffen können. Diese Biomarker können manuell oder aber mittels artifizieller Intelligenz und insbesondere maschinellen Lernens automatisch ausgewertet werden.


?Wer oder welche Institution war im Laufe Ihrer Forschungstätigkeit besonders hilfreich für Sie?

Ich habe mir bereits während meines Studiums in Heidelberg die Augenklinik der Medizinischen Universität Wien aufgrund ihrer langjährigen Expertise im Netzhautbereich unter der Leitung von Prof. Dr. Schmidt-Erfurth ausgesucht. Im Laufe mei- ner Facharztausbildung und meines PhD-Studiums wurde mir hier unter anderem die einzigartige Möglichkeit geboten, die Netzhaut von den häufigsten bis hin zu sehr seltenen Erkrankungen kennenzulernen. Mir wurde beigebracht, Forschung strukturiert und vorausplanend anzugehen und praxisnah zu denken. Es war mir immer wichtig, in einem Bereich zu for- schen, der Einfluss auf das alltägliche Handeln von Ärzten haben kann.

Meine Mentorin war und ist Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth. Sie hat mich stets stark gefordert, gleichzeitig aber auch ge- nauso stark unterstützt, damit ich jedes mir gesetzte Ziel auch umsetzen konnte. Unabhängig von ihrer gesamten fachli- chen Expertise, die weltweit herausragend ist und keine Fragen offenließ, hat sie mich auch insbesondere menschlich un- terstützt. Sei es, dass Sie selbst als Mutter mit einer großen Selbstverständlichkeit meine eigene Mutterrolle respektiert und mich vor allem kontinuierlich weiter gefördert hat oder dass sie aus ihren eigenen Erfahrungen und den Höhen und Tiefen ihres Lebens offen gesprochen hat, damit ich daraus eigene Schlüsse ziehen konnte. Ich habe sehr viel von ihr gelernt und habe bis heute in jeder Situation einen äußerst kompetenten und empathischen Ansprechpartner, weit über die Au- genheilkunde oder Medizin hinaus.


?Was fehlt Ihrer Meinung nach in der heimischen Ausbildung, damit mehr Mediziner den Forschungsweg einschla- gen?

Zeit. Als Universitätsarzt lebt man den sogenannten Triple Track aus Klinik, Forschung und Lehre. Die Klinik ist in vielen Be- reichen gerade in Zeiten ständiger Budgetkürzungen und Ärztemangels mehr als ein Vollzeitjob alleine, sodass vielen die Motivation fehlt, in ihrer Freizeit überhaupt mit Forschung anzufangen. Ist man einmal vertieft in ein Forschungsthema, hat man vielleicht das Glück wie ich, dass man viele Forschungstätigkeiten als sein geliebtes Hobby sehen kann und auf die- se Weise nicht als unvergütete Mehrarbeit empfindet. Wenn man jedoch ganz am Anfang seiner Karriere steht, muss man bereit sein, einen Großteil seiner Freizeit zu opfern, um wissenschaftliche Erfolge zu leisten. Dies besser zu strukturieren und zum Beispiel durch mehr Ärzte in alltäglichen Routinetätigkeiten oder auch reine Klinikärzte die immer wiederkehren- den Aufgaben zu entlasten, würde wissenschaftlich Interessierten bessere Startchancen verschaffen.


?Welche Thematik halten Sie für besonders unterschätzt?

Ich denke ein Hauptproblem an vielen Universitätskliniken und Tertiärversorgungszentren liegt darin, den richtigen Mittel- weg zu finden zwischen Spitzenmedizin und guter Ausbildung. Ein Jungmediziner muss nicht nur Spezialwissen über sel- tene oder schwierig zu behandelnde Erkrankungen sammeln, sondern selbstverständlich auch ganz normale alltägliche Erkrankungen kennen und behandeln. Den Mittelweg zu finden zwischen „genug Alltagsmedizin für die Ausbildung“, aber gleichzeitig nicht so viel, dass die Alltagsroutine kaum mehr bewältigbar wird, halte ich für ein stark unterschätztes Thema.


?Welche besonderen Errungenschaften erwarten Sie in Ihrem Fachgebiet in den nächsten zehn bis 15 Jahren?

Wie überall in der Medizin spielt die Digitalisierung eine sehr große Rolle. Hierbei hat die Augenheilkunde den großen Vor- teil, dass sie eines der technischsten Fächer ist, das die Medizin zu bieten hat. Es gibt etliche diagnostische Geräte, die gar nicht mehr aus der Augenmedizin dieses Jahrtausends wegzudenken sind. Und genau solche Geräte sind oft nicht in- vasiv und wie gemacht für die automatische Auswertung durch Algorithmen des maschinellen Lernens. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich IT-Giganten wie Google oder IBM gerade intensiv zum Beispiel mit der Netzhautdiagnostik ausein- andersetzen.

In zehn Jahren wird ein Großteil der Patienten bei Routinekontrollen ohne konkreten Krankheitsverdacht meiner Meinung nach von nicht-ärztlichem Personal mit Geräten untersucht werden, das Gerät wird Algorithmen haben, welche der augen- ärztlichen Auswertung sehr nahekommen und nur die behandlungsbedürftigen oder fraglichen Patienten werden beim Au- genarzt selbst vorstellig werden. Wenn man bedenkt, dass allein Patienten mit Diabetes mindestens einmal im Jahr eine Netzhautkontrolle bekommen sollten und bis 2050 eine Verdreifachung der Patientenzahl mit diabetischen Netzhautverän- derungen zu erwarten ist, so mache ich mir als Augenarzt gar keine Sorgen, wenn ein Teil dieser Patienten – vor allem der unauffällige Teil der Routinekontrollen – von Maschinen übernommen wird. Ich konzentriere mich als Arzt gern auf Patien- ten, die tatsächlich ein behandlungsbedürftiges Problem haben.


?Was würden Sie sich für die heimische Forschungslandschaft wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die Forschung für Jungmediziner interessanter gestaltet wird. Es sollte möglich sein, auch während der regulären Arbeitszeit Forschung zu betreiben und man sollte auch als Frau bzw. als Elternteil die Möglichkeit haben, sein Kind vom Kindergarten oder der Schule abzuholen, ohne dass Kollegen es als Desinteresse oder gar unkolle- gial empfinden oder man sich Zukunftsmöglichkeiten verbaut. Ich habe zwar selbst immer viel und lange gearbeitet, aber ich finde, dass das die Entscheidung jedes Einzelnen bleiben muss und Forschung nicht zwangsweise eine Freizeitaufga- be sein darf. Die Mehrarbeit im Forschungsbereich muss intrinsisch im Rahmen der individuellen Möglichkeiten entstehen und nicht extrinsisch vom System erwartet werden, denn nur im ersten Fall entsteht daraus ein wirklich guter Wissenschaft- ler.


?Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Fachgebietes?

Ich wünsche mir Offenheit von Kollegen außerhalb der Universität, insbesondere von Kollegen der älteren Generation, of- fen gegenüber neuen technologischen Möglichkeiten zu sein und die Digitalisierung nicht zwangsweise als Bedrohung zu empfinden. Viele Kollegen machen sich Sorgen, dass Ärzte irgendwann nicht mehr gebraucht werden – ich halte das für großen Unsinn. Das Tätigkeitsfeld von Ärzten wird sich vielleicht ändern und die Aufgaben teilweise verschieben, aber Ärz- te gibt es und braucht man, seit es Menschen gibt, und daran wird sich niemals etwas ändern.

Priv.-Doz. Dr. Reinhold Ortmaier


Ordensklinikum Linz, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern


Paracelsus Wissenschaftspreis in Gold


?Woran forschen Sie derzeit?

Mein Spezialgebiet ist die Schulterchirurgie und Endoprothetik. Meine klinische Forschung aus dem Fachgebiet Orthopä- die und Unfallchirurgie dreht sich rund um das Thema Schulter- und Hüftchirurgie.


?Wer oder welche Institution war im Laufe Ihrer Forschungstätigkeit besonders hilfreich für Sie? Hatten Sie einen Mentor?

Ich habe die Facharztausbildung an der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie Salzburg absolviert. Derzeit pendle ich an das Ordensklinikum Barmherzige Schwestern in Linz. Mein Mentor – chirurgisch wie auch wissenschaftlich – war Prof. Dr. Herbert Resch, der ehemalige Primarius der Uniklinik für Unfallchirurgie in Salzburg und jetziger Rektor der Paracelsus Medizinischen Universität Salzburg.


?Was fehlt Ihrer Meinung nach in der heimischen Ausbildung, damit mehr Mediziner den Forschungsweg einschla- gen?

Oft fehlt die Unterstützung im Sinne eines Mentors. Es braucht am Anfang ein „Zugpferd“, an dem man sich orientieren kann. Forschung passiert großteils in der Freizeit. Es bedarf einer harten Einstellung sich selbst gegenüber, den Beruf, For- schung und Privatleben unter einen Hut zu bekommen ist nicht einfach.


?Welche besonderen Errungenschaften erwarten Sie in Ihrem Fachgebiet in den nächsten zehn bis 15 Jahren?

Ich nehme an, dass es im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie noch bessere Implantate, bessere Planungsmöglichkei- ten und biologische Substanzen, die Heilung generieren, geben wird – Stichwort: Stammzelltherapie in der Rotatorenman- schettenchirurgie.


?Was würden Sie sich für die heimische Forschungslandschaft wünschen?

Mehr Geld. Das lässt sich leider nicht anders zusammenfassen.


?Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Fachgebietes?

Karrieremodelle, die es wissenschaftlich und akademisch interessierten Kollegen ermöglichen, am Krankenhaus zu blei- ben und nicht in die Privatmedizin getrieben zu werden, wären wirklich erstrebenswert. Mit anderen Worten: Es muss für „gute“ Leute, sogenannte High-Potentials, wie sie gerne genannt werden, attraktiv sein, an öffentlichen Krankenhäusern zu arbeiten.

Dr. Raimund Pechlaner, PhD


Medizinische Universität Innsbruck ,

Universitätsklinik für Neurologie

Sanofi Preis zur Förderung der medizinischen

Forschung 2017, Award of Excellence des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung 2015


? Woran forschen Sie konkret?

Wir haben mittels Massenspektrometrie die im menschlichen Blut zirkulierenden Fette genauer untersuchen können, als das zuvor möglich war. Dabei konnten wir zeigen, dass bestimmte Bestandteile der Lipoproteine sowie ausgewählte mole- kulare Lipidspezies und Apolipoproteine stärker mit dem späteren Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen- hängen und diese besser vorhersagen können als etablierte Lipidmarker wie beispielsweise das LDL-Cholesterin. Unsere Ergebnisse zeigen auch klar die Bedeutsamkeit von triglyzeridreichen Lipoproteinen für das kardiovaskuläre Risiko. Das ist besonders spannend, da es auf bisher nicht ausgeschöpfte therapeutische Möglichkeiten hindeutet.


?Welche Institution war im Laufe Ihrer Forschungstätigkeit besonders hilfreich für Sie?

Hier muss an erster Stelle die Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck genannt werden, an der auf einzigartige Weise Weltklasseforschung in einem sehr kollegialen, warmherzigen Arbeitsumfeld stattfindet. Am meisten gelernt habe ich von Prof. Dr. Stefan Kiechl, besonders durch seine Vorbildwirkung.


?Was fehlt Ihrer Meinung nach in der heimischen Ausbildung, damit mehr Mediziner den Forschungsweg einschla- gen?

Schon im Studium sollte mehr vermittelt werden, dass Wissenschaft auch Spaß machen kann, dass man mit ihr der erste Mensch sein kann, der etwas herausfindet; auch dass sie Kreativität und Originalität erlaubt – Qualitäten, die in der Klinik vergleichsweise weniger gefordert sind. Aktuell beschränkt sich das wissenschaftliche Arbeiten im Studium auf eine Di- plomarbeit, bei der sich manchmal die Tätigkeit auf Datenerhebung oder repetitive Laborarbeiten beschränkt. Einblicke in die Bedeutung des Forschungsthemas bietet das nicht und es befähigt auch weniger zum eigenständigen wissenschaftli- chen Arbeiten. Diese Lücke zu schließen würde zur Forschung motivieren.


?Welche Thematik halten Sie für besonders unterschätzt?

Ich weiß natürlich nicht genau, wie andere Menschen die Dinge einschätzen. Der Bereich, in dem ich den größten Nach- besserungsbedarf sehe, betrifft unser Publikationssystem, das einfach viel zu langsam ist und nicht immer treffsicher gute Arbeiten ins Rampenlicht bringt, was zu einer ineffizienten Verteilung von Ressourcen führt und den Fortschritt bremst.


?Welche besonderen Errungenschaften erwarten Sie in Ihrem Fachgebiet in den nächsten zehn bis15 Jahren?

Ich erwarte mir einen weiteren deutlichen Rückgang der Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein größeres Bewusst- sein für den starken Zusammenhang zwischen Risikofaktoren und dem Auftreten dieser Volkskrankheiten hat in der Ver- gangenheit bereits zu einem Rückgang beigetragen, ebenso wie die Statine. Zuletzt sind mit den PCSK9-Hemmern effekti- ve neue Therapeutika verfügbar geworden, die ausgewählten Patientengruppen zugutekommen. Für das durch triglyzerid- reiche Lipoproteine bedingte kardiovaskuläre Risiko könnten in den nächsten Jahren Medikamente verfügbar werden. Ich bin also optimistisch gestimmt.


?Was würden Sie sich für die heimische Forschungslandschaft wünschen?

Wissenschaft kann sehr kompetitiv sein: Das gleiche Fördergeld kann nur einmal vergeben werden, es kann nur ein Autor am Anfang oder am Ende stehen. Dabei ist klar, dass wirklich gute Arbeiten nur durch enge Kooperation verschiedener Menschen mit verschiedener Expertise möglich sind. Ich würde mir ein noch größeres Bewusstsein dafür wünschen, dass exzellente Arbeiten nur als Teil eines Teams möglich sind.


?Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Fachgebietes?

In der kardiovaskulären Epidemiologie sind die Studien immer größer geworden, umfassen heute bis zu hundert Millionen Menschen, gleichzeitig werden teils viele Tausend Analyten gleichzeitig gemessen. Aber die angewendeten statistischen Methoden haben noch nicht ganz mitgezogen. Die benutzten Modelle stammen im Allgemeinen aus einer Zeit, in der Da- tensätze um ein Vielfaches kleiner waren, und sind deshalb unnötig starr. Schön wäre es, wenn vielleicht durch Einsatz mo- dernerer statistischer oder Machine-Learning-Methoden die Kluft zwischen der Datenmenge und deren gewinnbringender Interpretation verringert werden könnte.



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