HEALTHCARE | Im Gespräch

Ohne Ellbogen, mit Wertschätzung

Univ.-Prof. Dr.  Dorothee von Laer, Sektion für Virologie, Department für Hygiene, Mikrobiologie und Sozialmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, hat ihr Unternehmen ViraTherapeutics erfolgreich an ein großes Pharmaunternehmen verkauft. Im Wordrap erzählt sie, was es braucht, um als Ärztin und Wissenschaftlerin erfolgreiche Unternehmerin zu werden.

Foto: Dorothee von Laer

Für ein Medizinstudium habe ich mich entschieden, weil … ich Psychiaterin werden wollte – für die mole- kulare Welt bin ich erst richtig während meiner Doktorarbeit entflammt.


Der Themenbereich Hygiene, Mikrobiologie und Sozialmedizin und im Speziellen die Virologie faszi- niert mich, weil … für wissenschaftlich interessierte Ärzte insbesondere die Virologie eine wunderbar geord- nete molekulare Welt mit hoher medizinischer Relevanz ist.


In der Forschung bin ich „hängen geblieben“, weil … ich nicht alles im Leben mit vollem Einsatz machen konnte: forschen, drei Kinder großziehen und am Krankenbett stehen.


Das Unternehmertum ist … ein Mittel, um eigene medizinische Entwicklungen in die Anwendung zu über- führen.


An der Universität Innsbruck bin ich gelandet, weil … zum richtigen Zeitpunkt eine Professur für Virologie auf dem schönsten Flecken der Erde ausgeschrieben war.


Wissenschaftspreise bedeuten für mich ...  die Möglichkeit, Aufmerksamkeit für unsere Ideen zu erwecken, was deren Finanzierung erleichtert.


Die medizinische Forschung in Österreich braucht … mehr Förderung, insbesondere für frühe angewand- te Forschung an Hochschulen, also insbesondere solche, die nicht schon einen Unternehmenspartner haben.


In den nächsten zehn, fünfzehn Jahren erwarte ich in der medizinischen Forschung …, dass die Im- muntherapie die zentrale Säule der Krebstherapie wird und damit bisher als unheilbar geltende Tumorerkran- kungen geheilt werden können. Aber besiegt haben wir den Krebs damit wohl immer noch nicht.


Für einen unterschätzten Aspekt der Medizin/Forschung halte ich … die freie angewandte Forschung, ohne direkten Industriepartner an Hochschulen.


Für ViraTherapeutics erwarte ich, dass … sie jetzt als ein Teil der großen Boehringer-Ingelheim-Familie wesentlich zur Etablierung von onkolytischen Viren in der Immuntherapie von Tumoren beiträgt.


Für die Zukunft der medizinischen Forschung wünsche ich mir … weniger Druck, weniger Ellbogen, mehr Kreativität, mehr gegenseitig Wertschätzung, mehr Geld und dadurch deutlich mehr ehrliche Erfolge.


Was ich in meinem Berufsleben gerne noch erreichen möchte, ist … zu verstehen, wie onkolytische Vi- ren wirken und dass das von uns entwickelte onkolytische Virus dem Patienten dann wirklich hilft. Ich habe noch knapp fünf Jahre zu arbeiten und möchte auf jeden Fall noch die jungen Wissenschaftler an meinem In- stitut alle auf einem sicheren beruflichen Weg wissen, bevor ich dann deutlich kürzertrete.


Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit finde ich … beim Arbeiten mit Pferden, in der Natur Tirols, mit meiner Familie, Kindern und Enkeln.



bw

Univ.-Prof. Dr. Dorothee von Laer absolvierte das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg und stu- dierte anschließend Medizin an der Universität Hamburg. Nach dem Staatsexamen 1985 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an verschiedenen mikro- und molekularbiologischen Instituten in Hamburg, schloss ihre Facharztausbildung für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie 1994 ab und habilitierte 1996 an der Universität Freiburg. Im Jahr 2000 gründete sie mit fünf weiteren Wissen- schaftlern die Vision7 GmbH, bevor sie Koordinatorin für Infektionsbiologie am Georg-Speyer-Haus in Frankfurt wurde. 2003 folgte von Laer dem Ruf an die Goethe Universität Frankfurt als Professorin für Angewandte Virologie und Gentherapie. Seit 2010 ist sie Professorin und Leiterin der Sektion für Vi- rologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. Zahlreiche Mitgliedschaften und Preise, Gutach- tertätigkeiten und erteilte Patent-Familien zeugen von den wissenschaftlichen Erfolgen von Laers. 2018 konnte ViraTherapeutics, ein Spin-off der MedUni Innsbruck, das 2013 von von Laer gegründet worden war, um 210 Millionen Euro an Boehringer Ingelheim verkauft werden.

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