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Primärversorgung:

Wie viel „interdisziplinär“ braucht der Patient?

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Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Gesundheitsweisen wird künftig mehr sein müssen als nur ein Lippenbekenntnis. Die Kooperation in Sachen Primärversorgung soll bald per Gesetz fixiert sein und eine wichtige Weichenstellung für die Gesundheitsversorgung darstellen.

Geht es nach den Wünschen der Gesundheitsministerin Dr. Pamela Rendi-Wagner, soll das Gesetz zur Primärversorgung noch vor der Wahl beschlossen werden. 365 Begutachtungsstellungnahmen wurden mittlerweile analysiert und sollen noch in die Vorlage eingebaut werden. Neuerliche Gespräche mit Koalitionspartnern, der Sozialversicherung und der Ärz- tekammer sollen die letzten Vorbehalte aus dem Weg räumen, denn einmal mehr hat sich die Ärztekammer aufgrund von Fragen zu den Verträgen und der Honorierung gegen den aktuellen Entwurf des Primärversorgungsgesetzes ausgespro- chen. Kein Wunder, denn die Probleme im Gesundheitswesen heißen nur vordergründig volle Ambulanzen, Kostenexplo- sionen oder Zwei-Klassen-Medizin. Am Ende geht es schließlich immer um die „Finanzierung aus einer Hand“, die uns fehlt. Sehr treffend hat der Rechnungshof erst kürzlich die Finanzströme im Gesundheitswesen als „unübersichtlich, ver- zweigt und aufgesplittert“ bezeichnet. Mehr als 60 Akteure hat der Rechnungshof identifiziert, die ihre Hand im Spiel ha- ben, wenn es um die höchstpersönliche Dienstleistung zwischen Arzt und Patienten geht.


Verordnete Teamarbeit

Viel wichtiger als das Gesetz wären aktuell ein verbindliches Aufgabenprofil, verbindliche Wege der Zusammenarbeit und ein neuer Leistungskatalog, in dem die Honorierung der ärztlichen Leistung im niedergelassenen Bereich endlich kosten- deckend und österreichweit einheitlich bewertet wird. Das würde viele beteiligte Parteien zufriedener stellen als ein Ge- setz, das eine Form der Zusammenarbeit regelt, die auch jetzt schon möglich wäre. Der Entwurf sieht jedenfalls vor, dass eine Primärversorgungseinheit jedenfalls aus einem Kernteam aus Allgemeinmedizinern und Pflegekräften zu bestehen hat. Angehörige von Sozial- und Gesundheitsberufen wie zum Beispiel Therapeuten oder Ernährungsberater können ver- bindlich und strukturiert eingebunden werden.

In der Praxis ist es aber nicht damit getan, die Zusammenarbeit im Team zu verordnen und darauf zu hoffen, dass sich die passende Organisation von selbst ergibt. „Eine Gruppenpraxis ist wie eine Ehe. Man muss sich auf gemeinsame Spielre- geln einigen und sich über das Geld Gedanken machen. Nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten gilt es dann, gemeinsam an einem Strang zu ziehen“, weiß zum Beispiel Dr. Friedrich Weiser, Gründer und Miteigentümer der kassenärztlichen Gruppenpraxis Medico Chirurgium aus seiner praktischen Erfahrung. Auch wenn er nicht in der Primär- versorgung tätig ist, so hat er doch mit seinen Wochenend-Öffnungszeiten durchaus ungewöhnliche Wege beschritten und das zu einer Zeit, wo von Primärversorgungseinheiten noch lange keine Rede war.


Psychologen nicht berücksichtigt

Neben organisatorischen und finanziellen Fragen sind es aber auch die Angehörigen von Sozial- und Gesundheitsberufen, die sich in der aktuellen Planung der Primärversorgung benachteiligt fühlen. Der Berufsverband Österreichischer Psycho- logInnen (BÖP) begrüßt grundsätzlich die Schaffung von Primärversorgungszentren, fordert jedoch für die Versorgung der Bevölkerung die Berücksichtigung aller gesetzlichen Gesundheitsberufe in der Primärversorgung. „Klinische Psychologen und Gesundheitspsychologen, die seit vielen Jahren einen wesentlichen Teil der psychosozialen Versorgung für die Bevöl- kerung erbringen, werden im entsprechenden Gesetzesentwurf mit keinem Wort erwähnt. Das entspricht nicht unserer Vor- stellung der vielzitierten multiprofessionellen und interdisziplinären Zusammenarbeit in der Primärversorgung“, bringt es Mag. Michaela Langer, Generalsekretärin des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen auf den Punkt. Damit wird ein Berufsstand aus der künftigen Primärversorgung ausgeschlossen, der eigens dafür ausgebildet ist, Compliance herzustellen oder die Krankheitsverarbeitung und Lebensstilmodifikationen bei somatischen Erkrankungen zu begleiten so- wie im Bereich der Prävention aktiv mitzuwirken. Volkskrankheiten wie Adipositas, Rheuma, Diabetes oder Herz-Kreislauf- Erkrankungen könnten unter Mitwirkung von klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen weitaus besser und vermutlich auch kostengünstiger behandelt werden.  Doch die Tarifstruktur des ärztlichen Berufsstandes lässt jetzt schon eine psychosoziale Betreuung der Bevölkerung praktisch nicht zu. Während die klinisch-psychologische Diagnostik noch auf Krankenschein möglich ist, ist die Behandlung nur mehr eine Privatleistung. „Es wird somit schlichtweg unmöglich sein, den Bereich der psychosozialen Leistungen sowie die im Entwurf ebenfalls vorgesehenen Maßnahmen der Gesund- heitsförderung und Prävention mit dieser Form von Primärversorgungszentren zu gewährleisten“, so Langer.

Darüber hinaus wird durch die Änderung des § 342 b ASVG die Situation noch weiter verschärft. Durch die Streichung der Personalkosten für nicht-ärztliche Leistungen aus der Grundpauschale wird im negativen Sinne sichergestellt, dass aus- schließlich bereits jetzt von den Krankenversicherungsträgern bezahlte Leistungen auch im Rahmen der zu schaffenden Primärversorgungszentren erbracht werden können. Da die Leistungen im Bereich der Prävention, Gesundheitsförderung und der psychosozialen Versorgung bis dato kaum bis gar nicht von den Krankenversicherungsträgern bezahlt werden, wird durch die Neufassung der vorzitierten Gesetzesstelle bewirkt, dass auch zukünftig diese Leistungen im Rahmen der Primärversorgungszentren nicht erbracht werden können.

Gerade die Berufsgruppe der klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen ist als gesetzlich geregelter Gesund- heitsberuf zur Förderung von Gesundheit und zur Prävention vor Krankheiten in besonderem Maß geeignet, um wichtige Leistungen für die Bevölkerung zu erbringen. Der BÖP fordert daher die Berücksichtigung aller gesetzlich geregelten Ge- sundheitsberufe in der Primärversorgung entsprechend ihrer Tätigkeitsschwerpunkte und Kompetenzen.


Mangelhafte Einbindung aller nicht-ärztlichen Berufe

MTD-Austria als überbetriebliche Interessensvertretung und Dachverband der sieben gehobenen medizinisch-techni- schen Dienste Österreichs – Biomedizinische Analytik, Diätologie, Ergotherapie, Logopädie, Orthoptik, Physiotherapie, Ra- diologietechnologie – stellen mit 25.000 Berufsangehörigen die drittgrößte Gruppe aller Gesundheitsdienste-Anbieter in Österreich dar. Laborbefunde sind die Grundlage für über 70 % aller Diagnosen und Therapieentscheidungen. Nur biome- dizinische Analytiker sind aufgrund ihres Berufsbildes dazu berechtigt, alle dafür benötigten Notfall- Routine- und Spezial- parameter zu bestimmen, doch auch diese Leistung kommt derzeit in den Primärversorgungseinheiten nicht vor, ebenso wie Diätologen, Ergotherapeuten oder Physiotherpaueten. „Um multiprofessionelle und interdisziplinäre Versorgung der Patienten zu verwirklichen, sind alle sieben genannten Berufe der gehobenen medizinisch-technischen Dienste entspre- chend im Gesetz abzubilden“, fordert Mag. Gabriele Jaksch, Präsidentin von MTD-Austria.

Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) schließt sich dieser Forderung an und betont, dass im vor- liegenden Gesetzesentwurf eine grobe Benachteiligung der Psychotherapeuten sowie die übrigen nicht-ärztlichen Ge- sundheitsberufe vorliegt. „Der Primärversorgungsgesamtvertrag umfasst nur die ärztliche Hilfe. Es ist keine gesamtvertrag- liche Regelung zwecks einer bundesweit einheitlichen Bereitstellung aller notwendigen Primärversorgungsleistungen durch nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe vorgesehen. Es sind auch keine gesetzlichen Grundlagen vorgesehen, um ver- bindliche, bundesweit einheitliche Grundsätze der Vergütung und Mindestentlohnung der nicht-ärztlichen Gesundheitsbe- rufe zu sichern“, betont Dr. Peter Stippl, Präsident des ÖBVP.

Demzufolge werden die Gesundheitsberufe auf Landesebene im einzelnen Primärversorgungsvertrag individuell und will- kürlich geregelt. Das hat zur Folge, dass Ärzte die eine Primärversorgungseinheit betreiben wollen, für die nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe die Tarife verhandeln müssten. „Mangelhafte Einbindung, unklare Beschäftigungsverhältnisse, Dum- ping-Entlohnung und Qualitätsverlust sind drohende Folgen. Nichts weniger als das Gelingen der neuen Versorgungssäule Primärversorgung steht auf dem Spiel. Daher ist es unerlässlich, einen Primärversorgungs-Gesamtvertrag mit inhärentem Leistungskatalog über alle Primärversorgungsleistungen abzuschließen“, sagt Stippl.


Patient im Mittelpunkt?

Die Versorgung der österreichischen Bevölkerung mit Gesundheitsleistungen und Krankenbehandlung muss schon auf- grund der demografischen Entwicklungen, der steigenden Multimorbidität und der Zunahme ökonomischer Zwänge auf neue Beine gestellt werden. Die multiprofessionelle Primärversorgung könnte hier nachhaltig Abhilfe schaffen. Allerdings macht es im Hinblick auf die Hebelwirkung dieser multiprofessionellen Ausrichtung keinen Sinn, wenn die neue Primärver- sorgung nur rund um den ärztlichen Gesundheitsberuf angesiedelt wird. Liegt doch der entscheidende Mehrwert dieses Konzepts eben darin, eine maximale Kompetenzvielfalt rund um den Patienten zu etablieren und diese in einem Team zu kombinieren, in dem alle Gesundheits- und Sozialberufe auf „Augenhöhe“ kooperieren. Gemeinsames Ziel einer Neurege- lung sollte es doch sein, den unmittelbaren medizinischen Bedürfnissen des Patienten optimal zu begegnen. rh