Rheumatologie | Im Gespräch

Rheuma kennt kein Alter

Ao. Univ.-Prof. DDr. Manfred Herold, Leiter des Rheumalabors an der Medizinischen Universität Innsbruck, Universitätsklinik für Innere Medizin II, im Wordrap

Foto: Manfred Herold

Für die Innere Medizin und im Speziellen für die Rheumatologie habe ich mich entschieden, weil … sich mir durch einen Zufall die Chance geboten hat. Ich habe nach meinem Chemiestudium eine Stelle im Forschungslabor der Abteilung für Rheumatologie und Physikalische Medizin unserer Klinik angetreten und damit von Beginn an engen Kontakt mit Rheumapatienten gehabt. Schnell wurde mir klar, dass die naturwis- senschaftliche Ausbildung nicht ausreicht, um medizinische und klinische Forschung adäquat ausführen zu können. Ich habe daher das Medizinstudium begonnen und glücklicherweise gut beenden können. In der Folge wurde mir von der Klinikleitung eine Stelle an der Universitätsklinik für Innere Medizin zur Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin angeboten, was ich gerne angenommen habe. Im Rahmen der Ausbildung wie auch später habe ich die meisten Gebiete der Inneren Medizin zum Teil mit großer Intensität und als lei- tender Oberarzt kennengelernt, habe aber nie meinen Kontakt zur Rheumatologie verloren. Nach meiner Ha- bilitation wurde ich von der Klinikleitung gebeten, die Rheumaambulanz zu übernehmen, die ich mit Freude fast 20 Jahre lang geleitet habe.


Die Rheumatologie ist ein Zukunftsthema, weil … sehr viele Patienten betroffen sind und wir mit der Ein- führung neuer Medikamente wie Coxibe und Biologika um die Jahrtausendwende einen Erdrutschsieg in der Therapie der rheumatischen Erkrankungen erzielt haben.


Mehr Aufmerksamkeit in der Rheumatologie verdient … die Tatsache, dass es in der Allgemeinbevölke- rung noch immer nicht bekannt ist, dass es das Spezialgebiet Rheumatologie und auch dafür speziell aus- gebildete Ärzte gibt. Mit dafür verantwortlich ist, dass es in den allgemeinen Krankenkassen noch immer kei- ne Position gibt, über die eine rheumatologische Fachuntersuchung verrechnet werden könnte. Die Folge ist, dass sich die Patienten mit Krankenschein in Rheumaambulanzen betreuen lassen müssen, die dann ent- sprechend überfüllt sind. Auch hat der Krankenhausbetreiber nach wie vor kein großes Interesse, die Rheu- matologie zu forcieren, weil auch im System der Krankenhausfinanzierung die Rheumatologie nicht adäquat honoriert wird. Den niedergelassenen Ärzten bleibt nur die Möglichkeit, eine rheumatologische Beratung auf der Wahlarztbasis auszuführen, was in der Bevölkerung noch weitgehend unbekannt ist.


Für einen unterschätzten Faktor in der Rheumatologie halte ich … das noch immer anhaltende Fehlwis- sen, dass Rheuma eine Erkrankung alter Menschen sei. Schwer verlaufende rheumatische Erkrankungen können bereits in der frühen Kindheit und im frühen Erwachsenenalter beginnen. Wichtig ist eine frühe Dia- gnose. Mit den heutigen Therapiemöglichkeiten sind wir in vielen Fällen in der Lage, die Krankheit so weit einzudämmen, dass sich der Betroffene gesund fühlt.


Einer der wichtigsten Durchbrüche in der Rheumaforschung der letzten Jahre war … die Einführung von neuen Therapieoptionen, die uns seit der Jahrtausendwende zur Verfügung stehen. Zuerst waren es die selektiven nichtsteroidalen Antirheumatika (Coxibe), die durch eine bedauerliche Hassaktion wieder weitge- hend vom Markt verschwunden sind und dadurch zu einer allgemeinen Fehleinschätzung über die Wichtig- keit und zu einem Verlust von außerordentlich wirksamen und weitgehend nebenwirkungsfreien Medikamen- ten geführt haben. Die zweite Innovation war die Einführung der Biologika, mit denen wir Patienten mit chro- nisch entzündlich rheumatischen Erkrankungen in die Remission oder zumindest in die niedere Krankheits- aktivität bringen können. Die Entwicklung der Medikamente ist aber nicht stehengeblieben. In den letzten Jahren sind zusätzlich noch Medikamente vom Typ der kleinen Moleküle  („small molecules“) eingeführt wor- den, die ihren Wirkungsmechanismus durch intrazelluläre Signalblockade entfalten und eine ebenso große Erfolgsquote zeigen wie die Biologika.


Für die nächsten zehn Jahre erwarte ich in der Forschung … ein weiteres Angebot an Medikamenten mit den bereits bisher bekannten Wirkmechanismen und sehe eine große Chance in der Entwicklung der Biosi- milars, wodurch der bisher zu Recht hoch gehaltene Preis der Medikamente deutlich gesenkt und es damit leichter werden wird, noch mehr Patienten diese hochwirksamen Medikamente zur Verfügung zu stellen.


Der Tiroler Rheumatag ist … eine inzwischen gut eingeführte und einmal im Jahr stattfindende Veranstal- tung in Innsbruck, bei der die Bevölkerung darüber informiert werden soll, dass es viele rheumatische Er- krankungen gibt und diese nicht nur auf alte Leute beschränkt sind. Es ist uns in den letzten Jahren gut ge- lungen, diesen Rheumatag publik zu machen. 2016 waren über 400 Interessierte bei unserer Veranstaltung. Der heurige Rheumatag findet am Mittwoch, 21.02.2018 ab 12.30 Uhr, wie in den letzten vier Jahren im gro- ßen Veranstaltungssaal im Landhaus statt.


Für die medizinische Ausbildung in Österreich würde ich mir wünschen, … dass im Studienplan die Rheumatologie besser zur Geltung kommt.


Für Therapien des rheumatologischen Formenkreises wünsche ich mir … weiterhin den in Österreich gepflegten und für uns Ärzte außerordentlich fruchtbringenden Umstand, dass die allgemeinen Kassen un- sere Therapieempfehlungen akzeptieren, auch wenn die Therapie teuer ist. Es wäre ein Rückschritt in der Therapie, wenn man aus Kostengründen die Restriktion hätte, nur bestimmte Medikamente zu verordnen, wie es in einzelnen Ländern Europas immer noch üblich ist.


Bei der Behandlung von Rheumapatienten würde ich mir wünschen, dass … die Behandlung weiterhin auf Fachärzte konzentriert bleibt, die nach internationalen Regeln den Therapieerfolg ebenso wie den Krank- heitsverlauf dokumentieren. Eine solche Verlaufskontrolle ist zeitintensiv und sollte auch entsprechend hono- riert werden.


Was ich in meinem Berufsleben gerne noch erreichen/erleben möchte, ist … die Akzeptanz, dass man auch im fortgeschrittenen Alter ein wertvolles Mitglied der ärztlichen Gesellschaft ist und mit seinen Rat- schlägen akzeptiert wird.


Ausgleich zu meinem Beruf finde ich … in erster Linie in meiner Familie, durch die in Tirol üblichen Frei- zeitaktivitäten und durch das Lesen von anderen erfreulichen Dingen außer den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Medizin.


Manfred Herold studierte zunächst Chemie an der Universität Innsbruck, wo er 1975 am Institut für Physikalische Medizin promovierte. Dann begann er ein Medi- zinstudium an der Universität Innsbruck und schloss es 1981 mit der Promotion ab. Nach dem Facharzt für Innere Medizin (1987) und dem Facharzt für Medizini- sche und Chemische Labordiagnostik folgte 1993 die Habilitation in Innerer Medi- zin und 1999 der Facharzt für Innere Medizin mit Spezialisierung in Rheumatolo- gie. Seit 1989 leitet Herold das Rheumalabor der Universitätsklinik für Innere Me- dizin, bis 2006 war er medizinisch-wissenschaftlicher Leiter der Akademie für La- boratoriumsdienst, bis 2014 leitender Oberarzt der Rheumaambulanz der Klinik. Herold kann zudem auf viele Jahre Lehrtätigkeit in Chemie wie auch Innerer Medi- zin bzw. Rheumatologie und auf eine große Zahl wissenschaftlicher Publikationen verweisen.