Länder fordern mehr Stu- dienplätze an MedUnis

Der drohende Ärztemangel müsse mit mehr Geld und zusätzlichen Ausbildungsmöglichkeiten bekämpft werden, meinen die Landesgesundheitsreferenten und fassten den einstimmigen Beschluss zur „Erhöhung der Zahl der Studienplätze

Derzeit stellen die staatlichen Universitäten jährlich 1.620 Studienplätze für Neueinsteiger in ein Medizinstudium zur Verfügung. Durch die Einrichtung einer Medizin-Fakultät an der Uni Linz wurde das Angebot zuletzt noch einmal aufgestockt. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen An- gebot und Nachfrage prekär. 12.160 Interessenten stellten sich 2016 einem Aufnahmeverfah- ren. Das heißt, sieben von acht Bewerbern scheitern, müssen sich von ihrem Traumjob verab- schieden, ihn verschieben oder ihr Glück gegen viel Geld bei einer der zahlreichen Privatunis versuchen.


Schon im Zuge der politischen Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Linzer Fakultät kam es zu heftigen Kontroversen bei der Frage, ob die bloße Aufstockung von Studienplätzen ein geeig- netes Mittel im Kampf gegen den von vielen Seiten befürchteten Ärztemangel sein könne oder ob es sich – wie in Linz – dabei eher um teure Prestigeprojekte für Landeskaiser handle.

Die in den Ländern zuständigen Gesundheitsreferenten glauben offenbar fest an die erstge- nannte Variante. Schon im Vorjahr hatten sie eine Erhöhung der Studienplätze ganz oben auf ihre Wunschliste an Vizekanzler und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner gesetzt. Nun legten sie noch einmal nach: Im Rahmen ihrer jährlichen Konferenz, die heuer in Graz stattfand, fassten sie den einstimmigen Beschluss, eine Erhöhung der Anzahl der Studienplätze an den heimischen MedUnis zu fordern.


„Wir suchen in allen Bereichen von den niedergelassenen Ärzten über das Spital bis zu den Reha-Einrichtungen. Gleichzeitig haben wir Zugangsbeschränkungen – es sitzen Tausende in der Grazer Stadthalle bei der Eignungsprüfung, dann werden nur ein paar Hundert aufgenom- men“, begründete der Vorsitzende der Konferenz, der Steirische Gesundheitslandesrat Christo- pher Drexler, die Forderung.

Mit der Aufstockung solle gleichzeitig eine inhaltliche Evaluierung des Aufnahmeverfahrens ein- hergehen, ergänzt Drexler. Vor allem müsse die soziale Kompetenz der zukünftigen Mediziner stärker als bisher mit einbezogen werden, weil sie für den Arztberuf von „entscheidender Be- deutung“ sei.


Kein „Doktor light“

Eine Absage erteilten die Länderverantwortlichen hingegen Überlegungen aus Tirol, zusätzlich zum etablierten Medizinstudium eine „vereinfachte Medizinerausbildung“ – unter dem Begriff „Mediziner light“ seit geraumer Zeit in der öffentlichen Diskussion – zu etablieren. Die dahinter liegende Idee ist es, Allgemeinmediziner vor allem für die ländliche Versorgung auszubilden, wobei das Hauptaugenmerk eher auf den praktischen, als auf den wissenschaftlichen Kompe- tenzen liegen sollte. „Ein Medizinstudium light will keiner. Das kommt überhaupt nicht infrage“, stellte der oberösterreichische Landeshauptmann und Gesundheitsreferent Josef Pühringer un- missverständlich klar: „Wir haben nicht die Pflegeausbildung auf Bachelorstufe gehoben, um dann den Arzt runterzustufen. Das wäre ja widersinnig.“

Erst im Frühjahr dieses Jahres hatte die Tiroler Landesregierung angekündigt, bis 2018 neben der MedUni Innsbruck eine zweite Ausbildungsstätte zu etablieren. Diese „Medical School“ soll- te 120 zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen.

Als einer der vehementesten Kritiker einer solchen „Ausbildung light“ outete sich unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorschlags der Rektor der MedUni Wien Markus Müller. Er befürchtet nicht nur einen „Substanzverlust“ für die bestehenden öffentlichen Universitäten, sondern auch eine „Zweiklassenausbildung zwischen Akademia und Berufsschulniveau“.

In der aktuellen Forderung der Landesgesundheitsreferenten nach zusätzlichen Ausbildungs- plätzen sieht Müller eine „provinzielle Versorgungsdebatte“. In einem Interview mit Der STAN- DARD sagte Müller: „Österreich hat kein Produktionsproblem, sondern das Problem, dass das Produkt eine Art Verkaufsschlager geworden ist. Jeder Versuch, die Produktion noch weiter zu erhöhen, wird nur diesen Exportschlager weiter fördern.“ Im internationalen Vergleich verfüge Österreich etwa über eine doppelt so hohe Pro-Kopf-Absolventenquote wie Schweden.

Der Gesundheitsökonom und Versorgungsforscher Ernest Pichlbauer schließt sich der Meinung Müllers an: „Ausbildungskapazitäten gibt es in Österreich schon genug. Viel wichtiger, als mehr Studienplätze zu schaffen, ist es, Medizinstudierende nach dem Studium in Österreich zu hal- ten.“ Immerhin koste jeder Medizin-Absolvent ca. 400.000 Euro an Steuergeld. vw ■

Prof. Dr. Markus Mül- ler, Rektor der Medizi- nischen Universität Wien, hält eine Erhö- hung der Studienplät- ze an den MedUnis für eine teure und zu- gleich unwirksame Maßnahme zur Erhö- hung der Versorgungssicher- heit.