THEMA | Substanzungebundene Abhängigkeit

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Spiel- und Medien- sucht:

Wie Psychotherapie hilft

Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass die Spielsucht ein Fehlverhalten ist und als solches auch durchaus wieder verlernt werden kann. In der psychotherapeutischen Behandlung kann mit einer kognitiven Umstrukturierung diese verzerrte Informationsverarbeitung des Patienten verdeutlicht werden.

Heinz K. suchte regelmäßig Spielkasinos in einer nahen Großstadt auf. In seinem Wohnort bekleidete er eine bedeutsame berufliche Position in einer öffentlichen Institution. Seiner Familie erzählte er nur, dass er in der Großstadt regelmäßig Klubabende eines Vereines besuche. Bei ei- nem neuerlichen Kasinobesuch wurde er von der Einlasskontrolle zu ei- nem Gespräch gebeten und ersucht, im Rahmen von Spielerschutzmaßnahmen einen Einkommensnachweis beizubringen. Er besuchte dieses Kasino künftig nicht mehr und nahm in der Folge re-

gelmäßige Fahrten in ein Nachbarland auf sich. Zu Hause erklärte er die immer häufiger werdenden Abwesenheiten mit dienstlichen Terminen. Die eingesetzten Geldmittel zur Abdeckung immer größer werdender Spielverluste entnahm er vor- erst seinem Gehaltskonto. Er wurde von seinem Bankbetreuer darauf hingewiesen, dass dieses immer mehr ins Minus rutscht und eine Kreditaufnahme wesentlich kostengünstiger sei als die laufenden Überziehungszinsen des Gehaltskontos. Heinz K. war alleiniger Besitzer des Wohnhauses der Familie, das er von seinen Eltern geerbt hat. Der Kredit wurde daher von ihm mit dem Haus abgesichert. Als Heinz K.s Gattin zufällig einen seiner Bankkontoauszüge sah, wurde sie wegen der laufenden Kreditrückzahlung stutzig. Heinz K. erklärte ihr, dass es eine Querfinanzierung für ein interessantes Geldanlage- projekt sei, geriet aber in eine regelrechte Panik. Als er bei einem kurz darauf erfolgten neuerlichen Kasinobesuch wieder eine größere Geldsumme verlor, sah er seine Situation als ziemlich ausweglos. Obwohl bisher absolut unbescholten, reifte in ihm der Plan, eine Bank zu überfallen und damit alle Geldprobleme vom Hals zu haben. Gedacht, getan, tatsächlich fand dieser Überfall bereits eine Woche später im Nachbarort statt. Schon am nächsten Tag wurde er von der Polizei ausfindig gemacht und verhaftet. Bei Gericht erklärte er auf die Frage, was ihn überhaupt zum Spielen getrieben habe, dass ihm in der Familie und auch am Arbeitsplatz jeglicher Kick gefehlt habe. Aktivitäten im familiären Bekanntenkreis hätten ihn schon regelrecht gelangweilt. Er habe sich gefragt, ob denn das alles sei. Die Welt des Spieles habe er dann als aufregendes Abenteuer empfunden. Er habe das gebraucht und wenn er sich aus irgendwelchen Gründen nicht von zu Hause losreißen konnte, sei er ziemlich unerträglich geworden. Im Rahmen einer mehrjährigen Freiheitsstrafe und aufgrund der Bewäh- rungsauflage bei der vorzeitigen Entlassung machte Heinz K. eine Psychotherapie in einem Einzel- und im Gruppensetting.


Wenn alles am Spiel steht

Wie aus dieser Geschichte ersichtlich, ist die sogenannte Spielsucht alles andere als ein harmloses Freizeitvergnügen. Der finanzielle Gewinn scheint dem Betroffenen nur vordergründig bedeutungsvoll zu sein. Es wird sprichwörtlich alles aufs Spiel gesetzt, eine gute berufliche Position, die familiäre Situation, alles was existenziell von Bedeutung ist, tritt in den Hintergrund. Die wahre Situation des Betroffenen wird, wenn auch mit immer mehr Anstrengung, gekonnt überspielt. Um alles zuzudecken, wird eine beachtliche Kreativität entwickelt. Dass inzwischen das ganze Leben sozusagen nur mehr auf Risiko läuft, wird gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Meist sind es wie in der Geschichte von Heinz K. zufälli- ge Wahrnehmungen von Familienangehörigen oder Freunden, die das komplexe Lügengebilde löchrig machen. Um die Situation noch irgendwie zu retten, kommt es nicht selten zu fast grotesk anmutenden letzten eigenen Rettungsversu- chen, die bis zu schwersten kriminellen Handlungen reichen.

Grundsätzlich weisen alle Formen des pathologischen Spielens viele Parallelen mit einem üblichen Suchtverhalten auf. Der sogenannte Toleranzverlust ist ein typisches Merkmal. Waltet anfänglich noch eine gewisse Vorsicht, vielleicht sogar Zögerlichkeit, steigen die Einsätze meist schnell. Mit der Einsatzhöhe verdichtet sich auch die Spielhäufigkeit. Ist es in dieser Phase aus irgendwelchen Umständen nicht möglich zu spielen, treten Gereiztheit und auch Ruhelosigkeit ein. Wie auch aus der Geschichte von Heinz K. ersichtlich ist, sind präventive Maßnahmen, wie klare Bestimmungen zur Ausweis- pflicht im Rahmen des Spielerschutzes nur ein bedingt probates Mittel, die Betroffenen vom Spielen abzuhalten. Gesetzli- che Maßnahmen, die Spielhallen und bestimmte Automaten verhindern wollen, hinken meist nur hinter der technischen Entwicklung her. Die virtuelle Welt tut ihr Übriges.  Gerade junge Menschen glauben, dort alles suchen und finden zu kön- nen. Und so kann die Glücksspielindustrie über das Internet sowie über das Smartphone barrierefrei jeden erreichen. Spielverluste werden – vorerst – problemlos mit der Kreditkarte abgedeckt. Manchmal ist es auch die der unwissenden Eltern.


Krise infolge von Spielverlusten

In der psychotherapeutischen Behandlung wird dann von den Betroffenen oft die monetäre Problematik in den Mittelpunkt gestellt. Dies ist auch verständlich, sitzen doch die meisten pathologischen Spieler auf einem Schuldenberg. Der Umgang mit den Banken und den Inkassobüros ist aber von der Behandlung klar zu trennen. Institutionen wie die Schuldnerbera- tung haben hier die erforderliche Kompetenz und sind auch hilfreich, wenn es dem Betroffenen ernst ist, reinen Tisch zu machen. Im psychotherapeutischen Prozess hingegen werden die ganz persönlichen Auslöser und mögliche Impulse aus der familiären und beruflichen Umwelt bearbeitet. Spielverluste führen nicht selten zu einer persönlichen Krise. Die Bewäl- tigungsstrategie für eine solche Krise ist dann oft neuerliches Spielen. Das mag zwar vordergründig vom Problem ablen- ken, verstärkt es letztlich aber nur. Ein Kreislauf, der zunehmend eine Eigendynamik entwickelt.

Oftmals geht auch eine depressive Problematik mit der Spielsucht einher. Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass die Spielsucht ein Fehlverhalten ist und als solches auch durchaus wieder verlernt werden kann. In der psychotherapeuti- schen Behandlung kann mit einer kognitiven Umstrukturierung diese verzerrte Informationsverarbeitung des Patienten verdeutlicht werden. Da es die Betroffenen oft durch die Vertuschung ihres Spielerdoppellebens gewohnt sind, sich hinter einem Lügenberg zu verstecken und dabei auch ein höchst manipulatives Verhalten zu entwickeln, neigen sie auch in der Gruppenpsychotherapie dazu, ähnlich zu agieren. Hier hilft nur eine klare Haltung des Psychotherapeuten, feste Regeln und Vereinbarungen. Das Erkennen und Leben von Verhaltensfreiräumen kann dann im Gruppensetting gut geübt wer- den. Die Erarbeitung eines persönlichen „Notfallkoffers“ ist eine wirkungsvolle Rückfallprophylaxe.

Diese Liste von Tipps für den Umgang mit aufkommender Erregung und eine Auflistung alternativer Möglichkeiten, organi- sierte Hilfe durch Freunde sowie die Telefonnummer einer nahen Suchtambulanz können mit einem Gruppensetting gut erarbeitet werden. Für viele Patienten ist auch die regelmäßige Teilnahme an Selbsthilfegruppen eine sehr tragfähige und wirkungsvolle Nachsorge. Die Selbsthilfegruppen Gambling Anonymous, die im Aufbau des Programmes den Anonymen Alkoholikern nachempfunden sind, werden von vielen Gruppenteilnehmern als sehr hilfreich empfunden. Das psychothe- rapeutische Angebot wurde im Einzel- und im Gruppensetting immer wieder weiterentwickelt und zeigt Erfolge: Die lang- fristigen Therapieerfolge haben sich immerhin seit Jahren von 30 auf 40 Prozent erhöht. Wir sprechen allerdings noch im- mer von einer sehr hohen Rückfallsrate.


Krankhafter Medienkonsum

Wie schon bei der Spielabhängigkeit erwähnt, befinden sich mit Computer, Tablet und Smartphone mögliche Suchtmittel nicht nur an jedem Ort, sondern sind auch zu jeder Zeit verfügbar. Die kritische Schwelle zur Abhängigkeit klingt mit vier Stunden täglich relativ hoch, doch schon mehr als jeder zehnte Jugendliche ist davon betroffen oder zumindest in diesem Gefährdungsbereich.

Die Süddeutsche Zeitung befasste sich in einem Fachartikel unter dem Titel „Elektronisch gefesselt“ (22. 11. 2013) mit diesem Thema. Die Betroffenen sind in ihrem Abhängigkeitsverhältnis oft täglich 14 Stunden und mehr vor dem Display regelrecht gefesselt. Depressiv Verstimmte und sogenannte Vermeider, Menschen, die sich Problemen nicht stellen wol- len, sind besonders gefährdet. Noch bestehende soziale Kontakte flachen zu diesem Zeitpunkt ab und zerbrechen voll- ends. Die Betroffenen verharren so viele Stunden bewegungslos vor dem Bildschirm, dass sich sogar physische Proble- me einstellen. Eine Kernfrage bei Jugendlichen ist die Motivation zur Behandlung. In 90 Prozent der Fälle (Petersen et al. 2010) waren es die Eltern, die eine Behandlungsaufnahme zustande brachten. In der Einstiegsphase muss daher die Mo- tivation mit entsprechenden psychoedukativen Elementen im Vordergrund stehen. Die jungen Patienten müssen mit an- sprechenden Ersatzprogrammen, die im realen Leben an die Stelle des krankhaften Medienkonsums treten können, ver- traut gemacht werden. Eine Gruppenpsychotherapie wird daher passende erlebnispädagogische Elemente miteinbezie- hen. Der künftig gewünschte selektive Medienkonsum kann nur erreicht werden, wenn er auch geübt wird. Diesem Medi- entraining ist daher breiter Raum zu widmen. Ein solches Behandlungsprogramm erfordert einen hohen Aufwand. Beden- ken wir aber, dass jeder Euro, der in die psychische Gesundheit junger Menschen investiert wird, nicht nur schweres Leid über ein langes Erwachsenenleben hinweg vermeiden kann, sondern auch den gut therapierten Betroffenen ein erfolgrei- ches Berufsleben ermöglicht.

Nachgefragt bei ...


… Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverban- des für Psychotherapie (ÖBVP)

Welche Bedeutung hat die Psychotherapie bei Spiel- und Mediensucht?

Bei sogenannten Verhaltenssüchten ist die Psychotherapie meist das Mittel erster Wahl. Die einzelnen Therapiemethoden haben sich zu diesen Diagnosen ständig weiterentwickelt und können auf beachtliche Heilungsraten verweisen.


Kann sich die Suchttherapie jeder leisten?

Sie sprechen ein Problem an, das für die gesamte Psychotherapie gilt. Die Gebietskran- kenkassen kontingentieren die Psychotherapie. Die bezahlten Stunden sind so knapp be- messen, dass es zu Wartezeiten bis zu einem dreiviertel Jahr kommt. Wie bei anderen psy- chischen Erkrankungen verschlechtern und manifestieren sich auch Suchterkrankungen und eine mögliche Heilung wird immer schwieriger und langwieriger.


Suchttherapien dauern lange, die Rückfallsraten sind hoch.

Nach dem humanistischen Menschenbild, zu dem sich die Psychotherapie bekennt, kann sich die Heilbehandlung bei einer Erkrankung nicht an Kosten und Nutzen orientieren. Wenn am Beispiel der Spielsucht die Hälfte der behandelten Betroffenen nach zehn Jahren noch immer abhängigkeitsfrei ist, haben die gesundeten Patienten gewonnen und auch die Gesellschaft.

Nachgefragt bei ...


… Dr. Christa Pölzlbauer, Vizepräsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP)

Wie können Psychotherapeuten Spiel- und Mediensüchtigen helfen?

Vorerst geht es um die Motivation, sich auf den psychotherapeutischen Prozess einzulas- sen. In der Behandlung lernen Patienten Zusammenhänge, Hintergründe, Auslöser und Auswirkungen ihrer Erkrankung und insbesondere des temporären Suchtdruckes kennen. Im Gruppensetting kommt viel Feedback hinzu. Schließlich muss auch eine selbstkontrol- lierte Rückfallprophylaxe geübt werden.


Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit den Ärzten?

In der Regel ist die erfolgreiche Behandlung von Suchterkrankungen nur im multiprofessio- nellen Kontext möglich. Gerade Suchterkrankungen gehen oft mit weiteren psychischen Er- krankungen einher, die einer medikamentösen Behandlung durch Ärzte bedürfen.


Wo sind der Psychotherapie Grenzen gesetzt?

Die Motivation zur Behandlung und das Einlassen auf den psychotherapeutischen Behand- lungsprozess liegen in der Entscheidung der Patienten.