Medizin | Schmerztherapie

Das neue Schmerzzentrum in der Privatklinik Rudolfinerhaus schafft eine wichtige Erweiterung in der Versorgung von Betroffenen.

Interdisziplinäre

Kompetenz in Sachen Schmerz

Foto: Rudolfinerhaus

Chronische Schmerzen rangieren unter den häufigsten gesundheitlichen

Beschwerden der Österreicher – etwa jeder Fünfte ist hierzulande betroffen.

Das biopsychosoziale Modell das in der Rudolfinerhaus Privatklinik praktiziert wird, ist auf dem aktuellsten Stand der Schmerzmedizin und bedient sich der neuesten Methoden in diesem Bereich.

Foto: Artner


Autor:

Dr. Rudolf Hanslik, MSc

MSc für Schmerzmedizin, FA für Innere Medizin und Allgemeinmedizin, ÖÄK- Diplome für Schmerzmedizin, Geriatrie, Palliativmedizin, schmerz@rudolfinerhaus.at


Kürzlich wurde ein interdisziplinäres Schmerzzentrum an der Rudolfinerhaus Privatklinik eröffnet. Durch die Zusammenar- beit von Experten aus verschiedenen Fachgebieten wie Schmerzmedizin, Innere Medizin, Orthopädie, Neurologie, Anäs- thesie, Psychiatrie, physikalische Therapie, aber auch Unfallchirurgie und Neurochi-rurgie mit Spezialisten aus den Berei- chen Psychologie, Psychotherapie sowie interventionelle Radiologie wird eine umfassende Betreuung von Menschen mit chronischen Schmerzen möglich. Auch akute Schmerzen werden versorgt, im Mittelpunkt stehen aber Patienten mit einem chronischen Schmerzsyndrom. Im Mittelpunkt steht das biopsychosoziale Modell, das den Menschen als körperlich-seeli- sches Wesen in seinem ökosozialen Lebensraum betrachtet. Biologische Faktoren und auch psychosoziale Faktoren wer- den als potenzielle Einflussgrößen verstanden und müssen gelöst werden. Ein lineares Entweder-Oder-Denken funktioniert bei Behandlung des chronischen Schmerzes nicht.


Rechtzeitig therapieren

Die Entstehung eines chronischen Schmerzsyndroms ist heute meist klar. Schmerz ist eine komplexe Sinnesempfindung, die von Nozirezeptoren des peripheren Nervensystems ausgelöst wird. Sie wird im zentralen Nervensystem verarbeitet und interpretiert. Dabei bestehen enge Wechselwirkungen zwischen Schmerzwahrnehmung und Psyche. Schmerz kann ledig- lich als Symptom auftreten, aber auch eigenen Krankheitswert besitzen – vor allem bei chronischen Schmerzen.

Schmerzzustände sind für den Körper erlernbar. Wiederholt auftretende Schmerzen führen dabei zu intensiverem und län- gerem Schmerzempfinden, da dabei die Schmerzschwelle herabgesetzt wird. Deshalb ist eine frühzeitige und ausreichen- de Schmerzbekämpfung mit Medikamenten wichtig. Leider werden sowohl in Deutschland als auch in Österreich gegen- über anderen Ländern Schmerzen oft unzureichend therapiert. Wahrscheinlich ist hier die tiefverwurzelte und unbegründe- te Angst vor Abhängigkeit von Schmerzmedikamenten als Ursache anzusehen. Vor allem sollte bei Schmerzpatienten ver- sucht werden, die Entstehung eines chronischen Schmerzsyndroms zu verhindern. Dazu ist es notwendig, rechtzeitig eine entsprechende Schmerztherapie durchzuführen, sodass starke Schmerzen so rasch wie möglich eine Stufe zwei bis drei auf der Numerischen Rating-Skala erreichen.


WHO-Stufenschema

Schmerzen werden in akute und chronische Schmerzen eingeteilt oder nach Schmerzqualität, Schmerzlokalisation, Schmerzursache, Schmerzumständen und Schmerz-auslösung. International gültig ist das WHO-Stufenschema:

Stufe 1: die sogenannten Nicht-Opioid-Analgetika, also die bekannten „Rheumaschmerzmittel“ wie Voltaren, Ibuprofen usw., weiters Metamizol (Novalgin) sowie Paracetamol (Mexalen).

Stufe 2: Tramadol und Dihydrocodein als niederpotente Opioide.

Stufe 3: Hier sind die hochpotenten Opioide vertreten, aus dieser Gruppe stammen die meisten Opioide in Tabletten- oder Kapselform sowie die Schmerzpflaster, welche Fentanyl oder Buprenorphin enthalten.

Stufe 4: sind die invasiven Therapien, hier gehören peridurale und spinale Injektionen, periphere Lokalanästhesien sowie Ganglienblockaden erwähnt.


Schmerz und Alter

Chronische Schmerzen haben auch im Arbeitsleben eine zentrale Bedeutung und sind keineswegs eine Erkrankung älterer Patientengruppen. Beispielsweise ist beim Spannungskopfschmerz bei etwa 25 Jahren der Gipfel der Erkrankung zu se- hen, bei Migräne um das 35. Lebensjahr, Schmerzen des Bewegungsapparates nach Bandscheibenoperationen um das 55. Lebensjahr, erst bei über 75-Jährigen sind Schmerzen durch Osteoporose und Arthrose mit dem größten Häufigkeits- gipfel verbunden. Krebserkrankungen wiederum sind zwischen dem 55. bis 65. Lebensjahr mit den häufigsten Vorkommen chronischer Schmerzen assoziiert.

In der Behandlung des chronischen Schmerzsyndroms spielen Medikamente eine große Rolle. Etwa die Hälfte aller Medi- kamente ist aus der Gruppe der Analgetika, doch ein ebenso hoher Anteil aus dem Gebiet der Psychopharmaka. Aufgabe von Schmerztherapeuten ist es, den Patienten klarzumachen, dass Psychopharmaka direkte und indirekte therapeutische Effekte haben. Der Abwehrgedanke vieler Patienten heißt fast reflexartig: „Ich bin ja kein Fall für den Psychiater.“ Chroni- scher Schmerz ist jedoch eindeutig mit einer hohen Rate an Depressionen verbunden, daher erklärt sich auch der hohe Stellenwert der Psychopharmaka.

Neben der medikamentösen Therapie, bei der auch noch Nerven- und Ganglienblockaden zu erwähnen sind, ist auch die nichtmedikamentöse Therapie bedeutend. Dazu gehören das große Feld der physikalischen Therapie, Möglichkeiten der Psychotherapie, Hypnose, Akupunktur, Verhaltenstherapie und Ergotherapie.

Entspannungsmethoden wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training und Selbsthypnose können erlernt wer- den und sind ein im täglichen Leben leicht anwendbares Modul in der Gesamtheit der Therapie. Die Gruppe der rücken- marksnahen Verfahren wird derzeit im Rudolfinerhaus nicht durchgeführt, hier besteht eine Kooperation mit spezialisierten Zentren.


Bedeutung der physikalischen Therapie

Schmerzpatienten, die sich entweder via Telefon oder via E-Mail an das interdisziplinäre Schmerzzentrum an der Rudolfi- nerhaus Privatklinik wenden, werden einzeln von einem koordinierenden Arzt rückgerufen und nach einer ersten telefoni- schen Analyse dann dem jeweiligen Facharzt für ein erstes Ordinationsgespräch zugeordnet.

Bei stationären Behandlungen in der Rudolfinerhaus Privatklinik ist eine ideale Zusammenarbeit zwischen Ärzten der ver- schiedenen Fachrichtungen und nichtmedikamentösen Therapien gewährleistet. Viel Wert wird auf die physikalische The- rapie gelegt. „Use it or lose it“ ist der Slogan, nach dem heute moderne Bewegungstherapie stattfindet. Manchmal muss man jedoch dem Patienten schnell-wirksame starke Schmerzmedikamente vor einer physikalischen Therapie geben, damit er diese auch überhaupt machen kann. Auch bei manchen schmerzhaften Handlungen wie Drehen im Bett oder kompli- zierte Verbände herunternehmen kann die vorherige Gabe eines stark und kurz wirksamen Schmerzmittels sehr wichtig ge- gen die Chronifizierung eines Schmerzes wirken.