Thema | Alkoholabhängigkeit

Therapie der Alkoholabhängigkeit:

Ein Entscheidungsleitfaden

für Behandelnde

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Die Alkoholabhängigkeit von einem Alkoholmissbrauch zu unterscheiden, ist ein erster wichtiger Schritt zu Diagnose und Therapie. Im Vorliegen ersteren Falles kann anhand eines einfachen Entscheidungsbaumes die geeignete Behandlung in die Wege geleitet werden.



Autor: MMag. Dr. Aron Kampusch

Klinischer Psychologe, Psychotherapeut und Kommunikationswissen- schaftler; Referent für den Berufsverband der Österreichischen Psycho- logen (BÖP) im Curriculum „Klinische Psychologie“; Lehrtherapeut bei der österreichischen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (ÖGVT)

www.meintherapeut.at

Im diagnostischen Bereich wird die Alkoholabhängigkeit im ICD-10 im Bereich F10 (psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen – Störungen durch Alkohol) codiert. Als erster Schritt bietet es sich an, zwischen quantitati- vem und qualitativem Missbrauch des Alkohols zu unterscheiden. Ein quantitativer Missbrauch liegt bei einem täglichen Konsum von gesundheitsschädlichen Mengen vor, hierbei gilt für Frauen 40 g reiner Alkohol (0,5 Liter Wein bzw. 1 Liter Bier oder 6 Schnäpse à 2 cl), für Männer 60 g (1 Flasche Wein bzw. 1,5 Liter Bier oder 9 Schnäpse). Von qualitativem Missbrauch spricht man, wenn Alkohol bewusst als psychotrop wirksame Substanz eingesetzt wird, um eine Verbesserung der psychischen oder körperlichen Befindlichkeit zu erwirken. Dabei handelt es sich des Öfteren um die Themenbereiche Entspannung von Stress, Angstreduktion, Abbau von Hemmungen, Belastungen durchzuhalten und chronische Schmer- zen ertragen zu können. Gesundheitsschädliches Trinken ist nicht automatisch mit einer Abhängigkeit gleichzusetzen.

Als abhängig gilt eine Person, die gesundheitsschädliche Mengen konsumiert, erst dann, wenn sie dem Konsum Vorrang gegenüber allen anderen Verhaltensweisen gibt und von den folgenden ICD-10 Kriterien in den letzten drei Jahren drei oder mehrere zugetroffen haben:

• eine Art von Zwang, Alkohol zu konsumieren,

• verminderte Kontrollfähigkeit betreffend den Beginn, die Beendigung und die Menge,

• Konsum, um Entzugssymptome zu vermeiden,

• Auftreten von psychischen und körperlichen Entzugssymptomen,

• Toleranzentwicklung – die Menge muss ansteigen, um die Wirkung aufrechtzuerhalten,

• Einengung des Denkens und Verhaltens auf die Beschaffung, den Konsum und die Entsorgung,

• anhaltender Konsum trotz des deutlichen Auftretens von schädlichen Folgen in einem oder mehreren Bereichen wie Ge- sundheit, Familie, Beruf etc.


Typologien von Alkoholabhängigen

Für die Zuweisung zu einer passenden Therapie zeigt es sich als hilfreich, den Patienten in einer der beiden gängigen Ty- pologien, jener von Jellinek oder jener von Lesch, zu verorten. Jellinek konzentriert sich auf den beobachtbaren Konsum und unterscheidet den Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- und Epsilon-Trinker, wobei Alpha- und Beta-Trinker sogenannte Vor- stufentrinker sind, sich also noch nicht im pathologischen Bereich befinden. Der Alpha- wird auch Konflikttrinker genannt, es herrscht hier ein qualitativer Missbrauch, um mit Stress oder Konflikten besser umgehen zu können. Der Betatrinker trinkt so gut wie täglich und nutzt alle „unauffälligen“ Trinkgelegenheiten wie Geburtstage, Weinverkostungen oder Zeltfes- te, wobei noch keine Entzugserscheinungen auftreten, eine Weiterentwicklung in den Delta-Typ ist jedoch möglich. Der Gamma- oder Rauschtrinker ist bereits psychisch abhängig und hat die Kontrolle über den Konsum verloren. Es gibt noch keine körperlichen Probleme, im sozialen Bereich treten diese jedoch bereits auf. Der Deltatrinker, der Spiegeltrinker, muss über den ganzen Tag hindurch einen im Laufe der Abhängigkeit ansteigenden Promillegehalt aufrechterhalten, um die mit- unter sehr starken Entzugserscheinungen zu vermeiden. Bei ihm treten zumeist die typischen körperlichen Alkohol-Folge- erkrankungen auf.

Der Epsilontrinker wird auch Quartalstrinker genannt, weil er tage-, wochen- oder monatelange Phasen der Abstinenz auf- rechterhalten kann, dann aber ohne markante Auslöser und in regelmäßigen, sich verkürzenden Zeitperioden, für einen an- steigenden Zeitraum von mehreren Tagen bis Wochen völlig in die Abhängigkeit abgleitet und aus dem sozialen und beruf- lichen Umfeld herausfällt. Die Typologie von Lesch orientiert sich mehr an den Ursachen der Abhängigkeit, er definiert die Typen I bis IV. Der Typ I (20 %) leidet unter einem biologisch fundierten Verlangen, das auf einer Alkoholstoffwechselstö- rung beruht. Der Typ II (25 %) leidet unter Angst und Konflikten, während der Typ III (30 %) unter einer dysphorischen bis depressiven Stimmung leidet und den Alkohol als Stimmungsaufheller nutzt. Patienten des Typs IV (25 %) leiden unter ei- ner frühkindlichen Vorschädigung und an Entwicklungsstörungen.


Behandlungsmöglichkeiten in Wien

Sollte sich nun die Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung anhand der bisherigen Informationen ergeben haben, so ist es sinnvoll, den Patienten an das Projekt „Alkohol 2020“ der Wiener Sucht- und Drogenkoordination (SDW) anzubinden. Aufgenommen und kostenfrei behandelt werden können laut Website (https://sdw.wien/de/behandlung-und-betreuung- 2/rkomz/alkohol-2020/) derzeit Menschen, die bei WGKK, SVA, SVB, VAEB, BVA, KFA oder einer Betriebskrankenkasse versichert sind und keine Alterspension beziehen. Dies wird im regionalen Kompetenzzentrum in der Gumpendorferstraße 157 geprüft. Dem Ersttermin dort muss eine telefonische Voranmeldung vorausgehen, eine e-card ist mitzubringen. Im re- gionalen Kompetenzzentrum wird von einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern ge- meinsam mit den Patienten ein individuelles Behandlungskonzept erstellt und eine entsprechende Betreuungseinrichtung ausgewählt.

Patienten, die nicht die genannten Voraussetzungen erfüllen, können sich trotzdem bei den folgenden Partnern der SDW direkt melden, auch hier stehen Angebote bereit. Es handelt sich dabei um das Wiener Anton Proksch Institut, die Vereine des Grünen Kreises, p.a.s.s., Dialog und das Schweizer Haus Hadersdorf. In diesen Einrichtungen werden sowohl ambu- lante als auch stationäre Aufenthalte angeboten, wobei die stationären Aufenthalte (Dauer: ca. 5-8 Wochen) letztlich in die ambulante Nachsorge übergehen sollten.

Für Patienten mit einigermaßen aufrechten Organisationsstrukturen bietet sich die ambulante Betreuung an, die, wie am Beispiel des Anton Proksch Institutes (Ambulatorium Wiedner Hauptstraße), aus verbindlichen ärztlichen Kontrollterminen, Einzel- und Gruppentherapien besteht. Ziel dort ist es, den Entzug zu begleiten und durch die therapeutischen Einzel- und Gruppenmaßnahmen die Reflektionsfähigkeit zu erhöhen, um letztlich an die Auslöser der Suchterkrankung zu gelangen. Weniger strukturierte Patienten sind besser im stationären Setting aufgehoben, dort wird diesen eine Tagesstruktur gege- ben, Ergo-, Einzel- und Gruppentherapie sollen ineinandergreifen und die Patienten auf die ambulante Nachbetreuung vor- bereiten. Die Abschirmung vom oftmals invalidierenden sozialen Umfeld ist ein zusätzlich wichtiger Faktor.


Auf der Suche nach einer Lösung

Psychotherapeutisch gesehen ist die Sucht ein Symptom dafür, dass der Patient versucht, ein Problem in maladaptivem Sinne zu lösen. Die Suche nach diesem Problem gestaltet sich, je nach dem Paradigma der psychotherapeutischen Schu- le, anders. Im verhaltenstherapeutischen Bereich wird versucht, das Geschehen in einem bio-psychosozialen Bedingungs- modell zu verstehen und aufzulösen. Dies ist notwendig, um eine Suchtverschiebung zu vermeiden. Folgendes Beispiel zum besseren Verständnis: Eine Frau wächst in einer Familie mit einem cholerischen Vater auf. Wenn dieser aggressiv nach Hause kommt, misshandelt er alle flüchtenden Familienmitglieder. Die Patientin lernt, dass es sinnvoll ist, bei wahrge- nommener Aggression zu erstarren. Jahre später arbeitet sie in einem Büro mit einem gereizten Abteilungsleiter zusam- men, vor dem sie sich fürchtet, permanent seine Stimmung scannt und in einem unerträglichen Zustand des „hyper arou- sals“ gefangen ist. Wenn er sie anspricht, erstarrt sie, wofür sie sich danach schämt. Um den Weg in die Arbeit zu schaf- fen, konsumiert sie zwei Gläser Wein, um den Druck dort auszuhalten, trinkt sie über den Tag verteilt zwei kleine Fläsch- chen Schnaps, am Abend wieder Wein gegen die Scham. Wenn diese Patientin lediglich vom Alkohol entzogen wird, ohne dass ihr Grundproblem gelöst wird, könnte sie sich Medikamente oder Drogen besorgen, um die Wirkung des Alkohols zu imitieren oder beispielsweise eine U-Bahn-Phobie entwickeln, um nicht mehr dorthin zu müssen und das Problem damit wiederum maladaptiv zu lösen.

Obwohl alle therapeutischen Interventionen darauf abzielen, den Patienten die Wichtigkeit dieser Vorgehensweise – zuerst Entzug, dann Lösung der Ursache der Sucht – nahe zu bringen, gehen viele von ihnen im Transfer von der stationären zur ambulanten Nachsorge bzw. in der ambulanten Behandlung verloren, da der körperliche Entzug leichter zu schaffen ist als die aufwendige Verhaltensumstellung, die für eine dauerhafte Abstinenz jedoch notwendig ist. Deshalb sind es auch oft- mals mehrere Entzugsversuche, die letztendlich die Abstinenz mit sich bringen. Eine Abhängigkeitserkrankung ist ein chronifiziertes Geschehen, eine mitunter auch langjährige Abstinenz ändert nichts daran. Ein kontrolliertes Trinken für pa- thologisch Alkoholabhängige ist nicht möglich.


Literatur beim Verfasser