MEDIZIN |  Medizinprodukte in der Diabetestherapie

Trendbarometer „Insulinpumpen“

Medizintechnik ist einem raschen Wandel unterzogen. Wie dieser bei Insulinpumpen aussieht, erklären Dr. Ingrid Schütz-Fuhrmann und Prim. Univ.-Prof. Dr. Raimund Weitgasser.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Raimund Weitgasser, stellvertretender Ärzt- licher Direktor der Pri- vatklinik Wehrle-Dia- konissen und Leiter des Kompetenzzen- trums Diabetes, Standort Andräviertel

Wo sind derzeit die größten Herausforderungen bei der Versorgung von Dia- betespatienten?

Weitgasser: Die größte Herausforderung für die Mediziner und die Anwender ist sicherlich die rasche Entwicklung der Devices. Laufend neue Features, die eine Therapie verbessern können, müssen sowohl von den betreuenden Ärzten als auch von den Patienten erlernt werden. Immerhin hängt der richtige Umgang mit den Messgeräten, den Sensoren und den Pumpen unmittelbar mit dem Therapieer- folg zusammen.

Schütz-Fuhrmann: Es ist wichtig, dass die Forschungsergebnisse und die Pro- duktinnovationen zum Patienten kommen. Gerade beim Typ-1-Diabetes gibt es vie- le unterschiedliche Varianten und es ist wichtig, für jeden Patienten individuelle Lö- sungen bieten zu können. Oft ist die Bürokratie hier ein großes Hindernis. Nach- dem die Gruppe der Betroffenen hier klein ist, fehlt die entsprechende Lobby.


Welche Fortschritte gab es in jüngster Zeit?

Weitgasser: Der größte Fortschritt ist wohl, dass bei Typ-1-Diabetes bei Basis-Bolus-Therapie heute die Mehrfach- messungen von bis zu sechsmal am Tag bei Verwendung von Glucosesensoren nicht mehr erforderlich sind. Au- ßerdem gibt es mittlerweile Pumpensysteme, die automatisch abschalten und Patienten vor schweren Hypogly- kämien bewahren. Hypoglykämien sind die häufigste Komplikation der Insulinbehandlung. Im Schnitt haben Typ-1- Diabetiker zwei symptomatische Hypoglykämien pro Woche und mindestens eine schwere Hypoglykämie pro Jahr. Eine automatische Hypoglykämieabschaltung löst einen Alarm aus und unterbricht die Insulinzufuhr bis zum An- stieg des Blutzuckers über 100mg/dl. Anschließend schaltet sich die Pumpe automatisch wieder an oder der Patient kann manuell wieder starten. Diese Funktion erhöht die Therapiesicherheit insbesondere nachts, wenn der Patient tief schläft und unbemerkt in eine Hypoglykämie rutschen kann.


Welche Vorteile bringt die Insulinpumpentherapie?

Schütz-Fuhrmann: Im Wesentlichen die kontinuierliche und damit physiologische Insulinsubstitution sowie eine bessere Trennung von Basal- und Prandialbedarf. Es sind weniger Injektionen erforderlich und auch sehr kleine Mengen können abgegeben werden. Die Basalrate kann zum Beispiel beim Sport reduziert oder bei Erkrankung er- höht werden. Integrierte Softwareprogramme geben insgesamt einen besseren Überblick über die Insulindosierung. Die Hürde für Betreuungspersonen, Insulin zu verabreichen, zum Beispiel im Kindergarten, sinkt.


Gibt es besondere Voraussetzungen, die vorliegen müssen, um für eine Pumpentherapie in Frage zu kom- men?

Weitgasser: Das Wichtige ist, dass der Patient die Basis-Bolus-Therapie sehr gut kennt, also gute Schulungsvor- aussetzung und gute Schulbarkeit.


Gibt es neue Features, die den Trend zur Pumpe unterstützen?

Schütz-Fuhrmann: Es gibt viele Gruppen, die an „Hands off“-Lösungen arbeiten, wo der Patient gar nichts mehr tun muss. Was aber vielleicht noch zukunftsweisender ist, ist dass es zu diesen Closed-Loop-Systemen Gruppen gibt, die sich aus Patienten selbst rekrutieren. Sie hacken einfach vorhandene Produkte und programmieren selbst oder bauen sich, was sie brauchen. Diese Entwicklung ist sehr interessant, denn sie geht in Richtung einer stärke- ren Eigenverantwortung. Darauf aufbauend gibt es auch eine „Open Protocol Initiative“ von JDRF, einer globalen Organisation zur Unterstützung von Typ-1-Diabetespatienten, die mit Herstellern und Juristen daran arbeitet, den Anwendern mehr Freiheiten in der Kontrolle ihrer Geräte zu geben.

Oberärztin Dr. Ingrid Schütz-Fuhrmann, 3. Med. Abteilung am Kranken- haus Hietzing