THEMA | Raucherschutz

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Sackgasse der Emanzipation?

Die Zielgruppe wird immer jünger, Frauen sind auf dem Vormarsch.

Wie erfolgreich kann hier die Tabakprävention sein?

   Seit drei Jahren führen der Fonds Gesundes Österreich und das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen in Koope- ration mit der Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung eine Tabakpräventionsinitiative durch. Zielgruppe sind 10- bis 14- Jährige. Unter dem Motto „Leb’ dein Leben. Ohne Rauch. Yolo!“ soll dem frühen Raucheinstieg von Kindern und Jugendli- chen entgegengewirkt werden. „Nichtrauchen“ wird mit einem coolen Lebensstil, Spaß und Eigenverantwortung in Verbin- dung gebracht – doch das war nicht immer so. Im Fokus standen lange Zeit erwachsene Raucher. Die Zielgruppe ist jünger geworden, Frauen sind auf dem Vormarsch. Den gesellschaftlichen Wandel im Zugang zum Nichtrauchen erklärt Univ.-Prof. Dr. Rudolf Schoberberger, stellvertretender Leiter des Zentrums für Public Health an der Medizinischen Universität Wien.


Sie haben bereits in den Jahren 1977 bis 1991 in der Wiener Raucherberatungsstelle mitgearbeitet. Was war seither die aus Ihrer Sicht größte Veränderung rund um das Thema „Rauchen“?

Der Anteil der rauchenden Männer ist gesunken, jener der Frauen hat leider zugenommen. Rund 30 % der weiblichen Be- völkerung rauchen regelmäßig. Es ist daher auch wenig verwunderlich, dass kürzlich der Lungenkrebs den Brustkrebs als Todesursache Nummer eins bei Frauen überholt hat. Die Zahlen betreffen aber nicht nur Erwachsene. Die letzten Erhebun- gen zeigen deutlich, dass die jungen Mädchen bis 15 Jahre nachgezogen haben. Zurzeit scheint der Trend zu stagnieren, verlässliche Zahlen dazu haben wir aber noch nicht.


Was war der Hauptgrund, warum Frauen und junge Mädchen das Rauchen für sich entdeckt haben?

Frauen haben sich emanzipiert. Früher war es undenkbar, dass Frauen in der Öffentlichkeit rauchen. Heute findet man daran nichts Anstößi- ges. Und wo es erwachsene Vorbilder gibt, ziehen die Jungen nach. Wir wissen aus der Soziologie, dass Suchttrends bei den Männern aus höheren sozialen Schichten ihren Ausgang nehmen, dann ziehen die Frauen nach, schließlich kommt das Thema in benachteiligten sozialen Schichten an.


Das heißt, wirkungsvolle Prävention müsste bei Männern der A- Schicht beginnen?

Wenn Sie so wollen, ja! Nicht umsonst arbeitet man in der Prävention auch gerne mit bekannten Testimonials aus der Kunst- oder Musiksze- ne.


Hat das aktuelle Migrationsthema einen Einfluss auf das Rauchverhalten der Österreicher und Österreicherinnen?

Es gibt dazu keine Evidenz, aber die meisten Flüchtlingsbewegungen kommen aus Ländern, wo Rauchen kein prioritäres Gesundheitsthema ist.


Seit wann sind Kinder und Jugendliche in das Visier von Raucher-Präventionskampagnen gerückt?

Das Thema ist nicht neu. Schon als Herbert Salcher 1979 Gesundheitsminister war, haben wir gemeinsam mit der Gewerk- schaftsjugend ein Präventionsprojekt für Jugendliche gestartet. Unter dem Titel „Projekt Moosham“, weil es in Salzburg war, haben wir für Lehrlinge im Rahmen eines dreiwöchigen Kuraufenthaltes das Thema Drogenprävention angeboten. Im Mittelpunkt standen Alltagsdrogen und illegale Drogen und die Jugendlichen waren aufgerufen, sich in einer von ihnen ge- wählten Form – das waren zum Beispiel Gedichte, Musik oder Rollenspiele – damit auseinanderzusetzen. Wichtig war schon damals, dass das Thema von den Jugendlichen in ihrer „Sprache“ bearbeitet wurde.


Wie war das Ergebnis?

Wir konnten zwar das Verhalten in der kurzen Zeit nicht verändern, aber die Einstellung zum Thema. So haben viele Ju- gendliche akzeptiert, dass sie auch Freunde haben können, die nicht das gleiche Verhalten an den Tag legen. Das heißt, der Gruppendruck auf andere, ebenfalls mit dem Rauchen zu beginnen, hat deutlich abgenommen. Zudem war der Wunsch sichtbar, den eigenen Lebensstil in Zukunft zu verändern.


Wenn Kinder und Jugendliche mit dem Rauchen beginnen, was bringt sie am ehesten wieder davon weg?

Die internationale Literatur zeigt, dass der größte Hebel über Peergroups läuft. Wenn der Freundeskreis raucht, fangen jun- ge Menschen viel eher und unbekümmerter auch damit an. Das Tückische dabei ist, wie Dr. Joseph R. DiFranza, Mediziner und Public-Health-Experte an der Massachusetts Medical School in Worcester, festgestellt hat, dass gerade bei Jugendli- chen schon nach sehr kurzer Zeit eine stoffliche Abhängigkeit entstehen kann. Bei 15-jährigen Raucherinnen und Rau- chern sind bereits 20 % nach nur 14 Tagen Nikotinkonsum stofflich abhängig, nach zwei Jahren sind es etwa 70 bis 80 %.


Welche Rolle können Pädagoginnen und Pädagogen übernehmen?

Lassen Sie mich das wieder an einem Beispiel beschreiben, das die Erfahrung mit einer Tourismusschule gezeigt hat. Sehr engagierte Schülerinnen und Schüler, Pädagoginnen und Pädagogen und die Schuldirektion haben das Thema Nichtrau- chen in den Mittelpunkt gestellt und gemeinsam wurde eine Reihe von Aktivitäten gesetzt, wie etwa die Raucherplätze zu reduzieren oder Motive für das Nichtrauchen erhoben. Das beobachtete Hauptmotiv war, dass die jungen Menschen bei späterer Familiengründung ein Vorbild sein wollten.

Und jetzt komme ich zum Punkt: Die Direktion hat gewechselt und alle Maßnahmen wurden sofort eingestellt. Ich möchte damit zeigen, wie wichtig eine engagierte Gruppe von Pädagoginnen und Pädagogen ist, die dem Thema den nötigen Raum geben.


Gibt es Evidenz, dass Nichtrauchen bei jungen Leuten zu einem neuen Trend werden kann?

Evidenz gibt es nicht, aber eine Reihe von internationalen Berichten deutet darauf hin, dass Kinder und Jugendliche weni- ger rauchen, aber eine Trendumkehr hin zu E-Zigaretten und Shishas sichtbar ist. Das Problem dabei ist, dass dieses The- ma derzeit noch weitgehend verharmlost wird, sowohl was den Tabakkonsum betrifft als auch die Infektionsgefahr durch die Mundstücke und Schläuche.


Wie kann das Thema „Nichtrauchen“ erfolgreich bei Kindern und Jugendlichen ankommen?

Mit der Tabakpräventionsinitiative 2017/2018 „Leb’ dein Leben. Ohne Rauch. YOLO!“ wird ein sehr guter Weg beschritten. Dabei soll der Einstieg ins Rauchen so früh wie möglich verhindert werden. Zielpublikum sind daher 10- bis 14-Jährige. Wichtig ist, dass die Initiative die Sprache und die Medien der Jugendlichen aufgreift und auf Partizipation setzt. Nicht der erhobene Zeigefinger soll unsere Kinder vom Rauchen abhalten, sondern die Kommunikation auf Augenhöhe – und genau das setzt die Initiative sehr gut um.