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Unrichtige Bilder von psychisch kranken Menschen können die

Therapie erschweren und den

Therapieerfolg negativ beeinflussen. Mag. Alexandra Stockinger, klinische


Was ist schon normal?

Foto: pro mente, Istockphoto/ Malombra76

Unrichtige Bilder von psychisch kranken Menschen können die Therapie erschweren und den Therapieerfolg negativ beeinflussen. Mag. Alexandra Stockinger, klinische Psychologin und Fachbereichsleiterin von pro mente Wien, gibt Tipps zum Abbau von Vorurteilen gegenüber psychisch Erkrankten.


Mag. Alexandra Stockinger,

klinische Psychologin und Fachbereichsleiterin Wohnen, pro mente Wien


Woher kommen diese „falschen“ Bilder im Kopf von Betroffenen, Angehörigen oder der Umwelt?

Psychische Erkrankungen sind so individuell wie die Menschen selbst. Es gibt nicht den Patienten mit Depression, Angst- erkrankung oder Psychose. Jeder Betroffene hat mehr oder weniger ähnliche Symptome, die dann zu einer Diagnose füh- ren. Wir verwenden Symptomgruppen, um Phänomene zu beschreiben und zu katalogisieren, das führt natürlich dazu, dass wir diese individuelle Krankheitssymptomatik bis zu einem gewissen Grad negieren. Das ist aber auch zutiefst men- schlich, denn wir kategorisieren ständig unsere Umwelt, um sie besser zu verstehen. Menschen haben ein Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit, deshalb streben wir nach Gewissheit und wollen uns gerade bei Unbekanntem oder Unsicher- heiten rasch eine klare Meinung bilden, die unserem Handeln dann zugrunde liegt. So entstehen Vorurteile oder falsche Bilder.


Wer trägt im Besonderen dazu bei, wenn es um Erkrankungen geht?

Wer selbst oder im eigenen Umfeld nicht betroffen ist, kann sich oft nur schwer vorstellen, in welcher Situation sich ein psy- chisch Kranker befindet. Dann setzen diese Bilder ein, die uns über Medien, über Fernsehen sowie Filme oder den zwi- schenmenschlichen Austausch übermittelt werden. Psychische Erkrankungen gab es schon immer, darum wurden Mythen und Geschichten erzählt, die wir aus Filmen, der Literatur oder Zeitungen kennen. Alles, was wir nicht aus erster Hand er- fahren oder erleben, ist zusätzlich mit Unschärfen behaftet. Bei einer Depression zum Beispiel ist es leicht, sich ein Bild zu malen, denn manche Symptome kennen wir, wie etwa Niedergeschlagenheit, Rückzug oder Hoffnungslosigkeit. Aus die- sem Wissen und Informationen von außen interpretieren wir dann weitere Bilder und konstruieren Situationen, wie es psy- chisch kranken Menschen „gehen könnte“. Je schwerwiegender eine Erkrankung ist und je weniger Vorerfahrung wir damit haben, umso mehr greifen wir auf fertige Bilder, die ungefähr passen könnten, zurück.


Betrifft das auch die Erkrankten selbst und welche Rolle spielen Vorurteile in der Therapie?

Ja, diese Bilder tragen auch Menschen mit sich herum, die direkt betroffen sind. Wichtig ist immer eine fachliche Abklä- rung, denn auch falsche Selbstdiagnosen wie „ich habe Burnout“ oder „ich habe eine Depression“ – ohne dass diese Er- krankungen von einem Experten diagnostiziert wurden – verstärken die Vorurteile. Nicht jede vorübergehende Antriebslo- sigkeit ist eine Depression, hier gilt es, auf Basis fachlicher Expertise zu differenzieren, ob wirklich eine Erkrankung vor- liegt.

Psychische Leiden sind noch häufig mit Scham besetzt, sodass dies den Zugang zu den Erkrankten erschwert. Sie su- chen seltener Hilfe auf, wenn sie sich für ihr Leiden auch noch schämen und existierende Vorurteile auf sich projizieren. In den letzten Jahren hat sich die Situation aber deutlich gebessert. Viele bekannte und öffentliche Persönlichkeiten haben sich zu ihrer Erkrankung geoutet, das hat viel zur Enttabuisierung beigetragen. Psychische Erkrankungen sind weniger ein Tabuthema , das erleichtert die Therapie wesentlich.


Wie arbeiten Sie mit den Betroffenen? Kommt das Thema auch zur Sprache?

Ja, das Bild der Erkrankung im eigenen Umfeld ist ein sehr wesentliches Thema in der Betreuung. Eine psychische Erkran- kung verunsichert oft sehr tief und daher ist es ein zentraler Prozess, Betroffene aus dieser Unsicherheit zu holen und zu zeigen, dass manche Reaktionen einfach ganz „normal“ und gesund sind. Es gilt, wieder differenzieren zu lernen, dass Freude, Trauer, Scham oder Angst auch einfach zum Alltag gehören dürfen und nicht immer ein Symptom sein müssen.


Wie lässt sich das Problem in der Praxis lösen?

Durch Aufklärung und Bewusstseinsbildung, bei Betroffenen, bei ihrem Umfeld, den Angehörigen, aber auch bei Medien. Je mehr echte Bilder aus dem Leben von Betroffenen zu sehen sind, desto weniger müssen wir uns selbst falsche Bilder zur Erklärung basteln. Wir müssen auch lernen, neben der Erkrankung das „normale Individuum“ in seiner Individualität zu sehen, diese Begegnung macht dann auch Verständnis leichter möglich und eröffnet neue Ebenen der Kommunikation. Angehörige sind oft ein sehr guter Multiplikator für diese Verständigung. rh