FORSCHUNG I e-Service

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Gemeinsam in die

e-Zukunft

„Es nützt nichts, Produkte zu

entwickeln, die dann am Markt nicht ankommen. Der Schüssel dazu ist die Ärzteschaft.“


Dr. Alexander Biach, Verbandsvorsitzender, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

ELGA steht für eine moderne und sichere Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) im österreichischen Gesundheitswesen. Ein verbesserter Informationsfluss unterstützt die medizinische, therapeutische und pflegerische Betreuung von Patienten.

?Zu ELGA gab es aus der Ärzteschaft immer wieder kritische Stimmen. Wie steht es aktuell um die Zusammenarbeit?

Durch die elektronische Vernetzung soll orts- und zeitunabhängiger Zugang zu den Gesundheitsdaten möglich werden. Das heißt, dass in Österreich stationäre Einrichtungen wie zum Beispiel Spitäler, niedergelassene Vertragsärzte sowie Apo- theken und Pflegeeinrichtungen flächendeckend vernetzt werden. Es ist richtig, dass ELGA sehr negativ besetzt war. Es gab große Ängste im Hinblick auf die Datensicherheit und den Aufwand bei der Bedienung. Es nützt nichts, Produkte zu entwickeln, die dann am Markt nicht ankommen. Der Schüssel dazu ist die Ärzteschaft. In Gesprächen mit der Ärztekam- mer haben wir schließlich im Sommer 2017 zwei elektronische Anwendungen definiert, die vorrangig umgesetzt werden sollen: die e-Medikation und das elektronische Kommunikationsservice.


?Warum ist diese Vernetzung der Gesundheitsdienstleister so wichtig?

Das Recht von Patienten auf einen raschen und komfortablen Zugang zu ihren eigenen Gesundheitsdaten wird mit ELGA erstmals umgesetzt. Damit wird auch den Anforderungen aus Artikel 19 der Patientencharta hinsichtlich des Rechts der Patienten auf Einsichtnahme in die über sie geführte Dokumentation der diagnostischen, therapeutischen und pflegeri- schen Maßnahmen Rechnung getragen.


?Wie ist der Stand der e-Medikation aktuell?

Wir wissen, dass die mangelnde Information über den Medikamentenstatus von Patienten zu Mehrfachverordnungen, un- erwünschten Wechselwirkungen durch die Inhaltsstoffe oder zur Überdosierung von Wirkstoffen führen kann. Mit der e-Me- dikation werden in der sogenannten „ e-Medikationsliste“ alle verordneten und abgegebenen Medikamente gespeichert. Und zwar nicht nur rezeptpflichtige Arzneimittel, sondern auch wechselwirkungsrelevante rezeptfreie Arzneimittel. Ärzte können auf die e-Medikationsliste nach Freigabe durch den Patienten zugreifen und sehen sofort, was andere Ärzte be- reits verordnet haben oder welche Medikamente sich die Patienten sonst noch in der Apotheke abgeholt haben. Das sorgt auch für einen großen Schritt in der Patientensicherheit.


?Kommt die e-Medikation bereits in ganz Österreich zum Einsatz?

Derzeit ist das System in den Bundesländern Vorarlberg, Steiermark, Kärnten und Tirol umgesetzt. Zur Halbzeit haben die positiven Erfahrungen unsere Erwartungen übertroffen und wir können bis Mitte des kommenden Jahres das Projekt auf Gesamtösterreich ausrollen.


?Wo liegen die Vorteile für den behandelnden Arzt?

Die Datenqualität wird durch die Standardisierung der Medikationsdaten verbessert und die Qualität der Therapie kann gesteigert werden. Die Verordnungsentscheidung kann jetzt aufgrund einer gesamtheitlichen Informationsbasis getroffen werden und unerwünschte Arzneimittelwirkungen werden vermieden. Auch können Übertragungsfehler, etwa beim Ab- schreiben, einfach vermieden werden. Außerdem kommt es zu einer Optimierung des Zusammenspiels im Medikations- prozess und die Information steht zeitnah zur Verfügung.


?Welche konkreten Rückmeldungen gibt es dazu aus den Bundesländern, die schon damit arbeiten?

Die Herausforderung war es, die Ärzte überall gleichzeitig mit der notwendigen Software auszustatten. Das hat in allen vier Bundesländern reibungslos geklappt. Ebenfalls herausfordernd war die Abstimmung mit den Apotheken, die aber erfor- derlich ist, um eine komplette Liste, also auch der verschreibungsfreien Produkte, zu erhalten. Hier haben wir schon bald festgestellt, dass die Einbindung der OTC-Produkte einen wesentlichen Mehrwert bringt. Wir haben die Rückmeldung er- halten, dass der Arzt viele Wechselwirkungen gar nicht feststellen könnte, wenn er diese Information nicht hätte.


?eKOS ist das zweite Projekt, das bereits in der Umsetzung läuft. Was genau steckt dahinter?

eKOS ist ein elektronisches Kommunikationsservice der Sozialversicherung. Es bindet drei Personengruppen ein: die Pati- enten, die Verordner und die Leistungserbringer. Unter dem Motto „es läuft das Formular und nicht der Patient“ sollen alle Geschäftsprozesse digital und ohne Medienbruch abgewickelt werden. Das bezieht sich auf Therapien oder Untersuchun- gen, die vom Arzt verordnet werden müssen. Zur Überprüfung der Bewilligung wird diese Verordnung automatisch an den Krankenversicherungsträger und das Ergebnis dann weiter zum Patienten geschickt. Der Patient erhält die Bewilligungsin- formation per Mail oder per SMS. Falls er über keine elektronischen Medien verfügt, kann er sich natürlich nach wie vor ei- nen Ausdruck von seinem Arzt geben lassen.


?Welche Leistungen umfasst eKOS und ab wann ist das Service aktiv?

Der Plan für die Ausrollung ist Jänner 2019. Bis September soll es in Österreich flächendeckend eingesetzt werden. In der verpflichtenden Einführungsphase für Ärzte mit Kassenvertrag sind folgende Leistungsarten umfasst: Computertomogra- fie, Magnetresonanztomografie, Knochendichtemessungen sowie Untersuchungen im Bereich Nuklearmedizin, Humange- netik oder der klinisch-psychologischen Diagnostik. Ab 1.7.2019 kommen Röntgentherapie und -untersuchungen sowie Sonografien dazu. Für die Zukunft ist die Erweiterung um die Einweisung ins Spital oder zu einem Labor oder Facharzt geplant.


?Welche Vorteile hat der Arzt durch eKOS?

Es gibt nur mehr ein einheitliches „Informationsblatt zur e-Zuweisung“ für alle Sozialversicherungsträger. Nach Absenden der Zuweisung sieht der Arzt sofort, ob die jeweilige Leistung bewilligungspflichtig ist. Bei bewilligungspflichtigen Leistun- gen wird die e-Zuweisung automatisch dem zuständigen Krankenversicherungsträger übermittelt. Es müssen nur mehr die medizinischen Inhalte erfasst werden, Patienten- und Arzt-Stammdaten werden vom e-card-System geliefert. Die Ausstel- lung einer papierschriftlichen Zuweisung ist nicht mehr zwingend notwendig. Jede selbst erfasste e-Zuweisung ist jeder- zeit wieder abrufbar.


?Wie sieht der Plan für die kommenden Jahre bzw. weitere Anwendungen aus?

Wir arbeiten als nächstes an der Umsetzung eines elektronischen Transportscheins, einem e-Rezept, dem elektronischen Impfpass und dem elektronischen Mutter-Kind-Pass. Das Kernstück von ELGA, die elektronische Patientenakte, läuft auf Hochtouren. Hier steht vor allem die Anwenderfreundlichkeit im Mittelpunkt, denn ein Befundsystem, das dem Arzt nicht auf einen Blick die wichtigen Informationen übermittelt und schwer leserlich ist, hat in der Praxis keinen Nutzen. Das heißt konkret, dass wir an sogenannten Management Summaries arbeiten, die rasch und sicher einen Blick auf das Wesentliche liefern werden. Die Inhalte werden ohne Rechtsunsicherheit vollelektronisch abrufbar sein.


rh