Gesundheitspolitik:  | Ländervergleich

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Leistungskraft regionaler Gesundheitssysteme

Österreichs Gesundheitssystem ist fragmentiert und dadurch wenig transparent. Eine aktuelle Studie versucht erstmals, Input und Outcome auf Bundesländerebene systematisch zu erfassen

Das österreichische Zielsteuerungsmodell aus der Gesundheitsreform 2013 ist eine Methode, um die Transparenz und Evidenz im Gesundheitssystem zu verbessern. Parallel dazu gibt es Bemühungen auf Ebene der sozialen Krankenversiche- rung, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems zu beschreiben. Bislang liegen jedoch keine umfassenden Darstel- lungen von Schlüsselindikatoren vor, die ein gesamtes Gesundheitssystem auf regionaler Ebene umfassend beschreiben, insbesondere im Hinblick auf Effizienz. Um die Transparenz in diesem Bereich zu verbessern und aussagekräftige Daten auf Landesebene zu erhalten, hat MMag. Maria M. Hofmarcher-Holzhacker, Direktorin von HS&I HealthSystemIntelli- gence und Research Associate am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien, im Auftrag von Phi- lips Österreich ein Forschungsprojekt durchgeführt und Daten aus unterschiedlichen Quellen – wie etwa den Krankenkas- sen, der Statistik Austria oder der OECD – zusammengetragen. Die vorläufigen Zwischenergebnisse wurden kürzlich im Rahmen der Alpbacher Gesundheitsgespräche präsentiert, der Endbericht wird im Oktober vorliegen. Ziel war es, eine Übersicht über die Leistungskraft der Gesundheits- und Pflegeversorgung auf Ebene der einzelnen Bundesländer zu be- kommen.


Warum Regionalvergleiche?

Bundesländer haben erhebliche Planungs- und Entscheidungsbefugnisse, denn mehr als ein Viertel der öffentlichen Ge- sundheitsausgaben werden von den Bundesländern finanziert. Da die Verantwortung über Ausgaben und Einnahmen auseinanderfällt, gibt es wenig Anreiz für die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems. „Die Ausgaben der Bundesländer sind nur im stationären Sektor nachzuvollziehen, für andere Bereiche müssen sie aus unterschiedlichen Datenquellen erfasst bzw. geschätzt werden. Es fehlt eine überschaubare Anzahl von Schlüsselindikatoren, obwohl die Zielsteuerung in Öster- reich eine neue, fortschrittliche Methode ist, die Performance vergleichend zu überblicken“, fasst Hofmarcher-Holzha- cker die Herausforderung ihrer Forschungsarbeit zusammen. Fehlende Schlüsselindikatoren machen es derzeit unmög- lich, die Leistungskraft der heimischen Gesundheitssysteme auf einen Blick und aussagekräftig zu beschreiben. Viele Da- ten sind nicht robust und nicht über fünf Jahre verfügbar. „Die Verfügbarkeit und die Überprüfung der Tauglichkeit sol- cher Indikatoren auf Ebene der Bundesländer ist ein innovativer Schritt zur Verbesserung der Transparenz und des Wis- sensaustausches“, ist Hofmarcher-Holzhacker überzeugt.


Unterschiede sind beträchtlich

Da in Österreich die Gesundheitsausgaben auf Ebene der Bundesländer nicht ermittelt werden, wurden Daten aus frag- mentierten Quellen zusammengetragen und Schätzungen gemacht, zum Beispiel bei den privaten Ausgaben, wo es mög- lich war, Daten aus der Konsumerhebung und Ausgaben der privaten Krankenversicherung heranzuziehen. „Unseren ers- ten Schätzungen zufolge betrugen die gesamten Gesundheitsausgaben in Wien 2015 4.400 Euro pro Kopf, während sie im Burgenland 3.508 Euro waren. Öffentliche Ausgaben pro Kopf sind am höchsten in Wien, gefolgt von Salzburg. Die durch- schnittliche Person im Burgenland gibt pro Jahr etwas mehr als 900 Euro privat für Gesundheit aus, in Vorarlberg betrug der Wert 1.029 Euro“, gibt die Expertin Einblick. Die absoluten Zahlen der Gesundheitsausgaben sind jedoch nur eine Sei- te der Medaille: „Es muss berücksichtigt werden, dass auch die Einkommen der Bevölkerung und andere Parameter von Bundesland zu Bundesland variieren. Berücksichtigt man die unterschiedliche Wirtschaftskraft der einzelnen Bundeslän- der, zeigt sich, dass im Burgenland sowohl die öffentlichen als auch die privaten Ausgaben gemessen in Prozent des Brut- toregionalprodukts am höchsten sind“, erklärt die Studienautorin.

Unterschiede in der Wirtschaftskraft der Bundesländer führen dazu, dass anteilig am Bruttoregionalprodukt das Burgen- land am meisten für Gesundheit ausgibt (12,7 %), gefolgt von Kärnten (12 %). In Tirol und Wien (9,2 %) sind die anteiligen Ausgaben deutlich geringer. Dieses Bild wird ergänzt durch private Ausgaben anteilig an der Wirtschaftsleistung. Wäh- rend im Burgenland 3,3 % der regionalen Wirtschaftsleistung von privaten Haushalten für Gesundheit aufgebracht wer- den, sind es in Wien und Oberösterreich etwa 2 %.

Diese Unterschiede finden sich auch auf Ebene der Gesundheitsergebnisse. So können Frauen in Tirol erwarten, dass sie etwa zehn Jahre länger gesund leben  als Frauen im Burgenland. In Wien, im Burgenland und in der Steiermark leben Männer länger gesund als Frauen. Jedoch ist die Lebenserwartung in allen Bundesländern deutlich höher für Frauen als für Männer, im Durchschnitt 4,8 Jahre. Dies zeigt den bestehenden und wachsenden Gesundheits- und Pflegebedarf von Frauen.


Gründe noch wenig analysiert

„Bislang gab es keine aufbereitete Datenbasis, die es erlaubte, diese Unterschiede in Bezug auf soziodemografische Fakto- ren, Wirtschafts- und Systemfaktoren, aber auch Umweltbedingungen zu untersuchen. Um Aussagen über kausale Zu- sammenhänge zwischen Kosten, also Inputs, und den Outcomes als Gesundheitsergebnissen zu machen, ist die Berück- sichtigung solcher Faktoren zentral“, weiß Hofmarcher-Holzhacker. Ebenso bislang nicht aufbereitet und zugänglich sind entsprechende Datenreihen, um Trends zu beobachten. Solche Trendanalysen sind wichtig und können fehlende Aussa- gekraft durch fehlende soziodemografische Indikatoren mildern. „Das Erfassen von Leistungskraft im Gesundheitswesen braucht Wissen, Geduld und Mut“, bestätigt die Ökonomin, denn: „In allen Gesundheitssystemen sind Zugang, Gerechtig- keit, Effizienz und Qualität Bereiche, an denen sich die Leistungskraft erfassen lässt. Die Sicherstellung verlässlicher Da- tengrundlagen und Datenverfügbarkeit leistet hierzu einen entscheidenden Beitrag und zielt darauf ab, das Erreichen uni- verseller Zielsetzungen vergleichend zu messen.“

Aussagekraft von Indikatoren über Bundesländer


Gesundheitszustand: Das Ost-Westgefälle ist sehr stark in allen Indikatoren, zum Beispiel bei der Lebenserwartung, beim Zahnstatus, bei Lebensqualität chronisch Kranker und bei depressiver Symptomatik. So geben beispielsweise in Wien 6 % und im Burgenland 5,5 % der Menschen an, depressiv zu sein, während es in Tirol nur etwa 3 % sind (altersstandardisiert).


Zugang: Selbstberichtete Wartezeiten sind in einigen Bundesländern signifikant geringer als in anderen, zum Beispiel in Kärnten und in Salzburg im Vergleich zu Wien. So ist beispielsweise die erwartete Zeit nach Überweisung bis zur Operati- on in Kärnten (18 Tage) geringer als in Wien (28 Tage).


Qualität: Auch hier gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern, zum Beispiel ist die vermeidbare Sterb- lichkeit vor 75 deutlich höher in Wien als in Tirol, Vorarlberg und Salzburg. Salzburg hat sehr gute Werte etwa bei medizi- nisch begründeten, vermeidbaren Aufenthalten in Krankenanstalten (ambulatory care sensitive conditions). Die Kaiser- schnittraten sind in allen Bundesländern durchwegs doppelt so hoch wie der von der WHO empfohlene Wert (10–15 % der Geburten).


Effizienz: Im Allgemeinen gibt es erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Pro-Kopf-Ausgaben und vermeidbare Sterb- lichkeit. In Tirol sind die Pro-Kopf-Ausgaben durchschnittlich, und die Wahrscheinlichkeit, an vermeidbaren Krankheits- ursachen zu sterben, ist sehr gering. Im Krankenanstaltensektor zeigen sich ebenso deutliche Unterschiede. Während bei- spielsweise die Aktivität, gemessen als LKF-Punkte (leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung) pro Euro, in Wien am höchsten ist, zeigt sich dies nicht in Outcome-Indikatoren wie zum Beispiel vermeidbare Sterblichkeit. Auch die Per- sonalintensität ist in Wien deutlich höher als beispielsweise in Tirol. Im Bereich der Altenpflege bestehen ebenso gravie- rende Unterschiede. Gemäß aktuellen Berechnungen des Fiskalrates sind die Ausgaben pro Pflegetag in Wien fast doppelt so hoch (238 Euro pro Pflegetag) wie im Österreichdurchschnitt (127 Euro pro Pflegetag). Im Gegensatz dazu sind diese Ausgaben in Salzburg sehr gering (91 Euro pro Pflegetag).


Determinanten der Gesundheit: Wenige Unterschiede bestehen im Bereich der privaten Ausgaben als Anteil der gesam- ten Haushaltsausgaben, allerdings gibt es erhebliche Unterschiede in der Verfügbarkeit sozialer Unterstützungen (Sozial- kapital, selbstberichtet), aber auch im Bereich Vorsorge ist die jährliche Teilnahmehäufigkeit sehr unterschiedlich, zum Beispiel etwa 18 % der Bevölkerung im Burgenland und in Kärnten, aber nur etwa 5 % in Niederösterreich nehmen Vor- sorgeuntersuchungen in Anspruch. Diese Daten sind nicht um Wanderbewegungen zwischen den Bundes-ländern berei- nigt.


Verteilung (der Gesundheitschancen): Es gibt bedeutende Unterschiede bei Selbstzahlungen in Prozent der Gesund- heitsausgaben. So ist dieser Wert beispielsweise in Wien (16,8 %) und Oberösterreich (16,3 %) deutlich geringer als in Nie- derösterreich (21,0 %) und im Burgenland (22,1 %).


Quelle: Maria M. Hofmarcher-Holzhacker, Zuzana Molnárová, HS&I, Leistungskraft regionaler Gesundheitssysteme, Wien 2017