THEMA | Lebensstil-Erkrankungen

Foto: istockphoto/ Katarzyna Bialasiewicz; inge prader

Adipositas, Dia- betes & Co:

Psychologen leisten

Entscheidendes

Seit Jahren steigen sie kontinuierlich an und trotz massiver Anstrengungen scheint ein Ende noch längst nicht in Sicht: Die Rede ist von den Lebensstil-Erkrankungen.

Laut dem aktuellen Österreichischen Gesundheitsbericht sind der- zeit 32 Prozent der österreichischen Bevölkerung übergewichtig, 14 Prozent adipös und haben damit einen Body-Mass-Index von mehr als 30 Kilogramm pro Quadratmeter Körpergröße. Rund 600.000 Österreicher sind zuckerkrank und jährlich erkranken rund 33.000 weitere Personen an Typ-2-Diabetes. Gleichzeitig er- leiden jährlich rund 19.000 Österreicher einen Herzinfarkt, mehr als 30.000 sterben an den Folgen einer Erkrankung des Herz- Kreislaufsystems. 1,5 Millionen leiden darüber hinaus unter chroni- schen Schmerzen.


Lebensstil und Psyche

Klar ist allerdings auch: Lebensstil-Erkrankungen wirken zwar vielleicht im ersten Schritt auf den Körper, im zweiten aber auch immer massiv auf die Psyche:

Lebenslange Einschränkungen: Chronische somatische Erkrankungen bedürfen einer lebenslangen (Selbst-)Behandlung und Lebensstilumstellung des Patienten.

Einbußen bei Lebensqualität: Häufig gehen die Erkrankungen mit vielfältigen Einbußen in der Lebensqualität (Schmerz, eingeschränkte Freizeitgestaltung, Verringerung der sozialen Einbindung et cetera) einher. All dies kann zu teils schwerwie- genden psychischen Belastungen führen.

Gefahr von psychischen Folgeerkrankungen: Diese Belastungen führen in nicht wenigen Fällen zu psychischen Erkran- kungen, die bei Menschen mit chronischen somatischen Erkrankungen deutlich häufiger auftreten als bei anderen Patien- ten. So leiden Personen mit chronischen körperlichen Erkrankungen doppelt so häufig (!) an Depressionen oder Angststö- rungen als Personen ohne chronisches Leiden.


Studien zeigen noch konkreter:

•Es ist dreimal so wahrscheinlich, dass eine Person mit einer Herzerkrankung an einer Depression leidet als eine Person ohne Herzerkrankung.

•Bei Diabetikern werden doppelt so häufig wie in der nicht-diabetischen Bevölkerung Depressionen diagnostiziert. Weitere bei Diabetes häufig diagnostizierte psychische Erkrankungen sind Essverhaltensstörungen, Angststörungen, Schizophrenie und Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

•Und auch bei Personen nach einem akuten Myokardinfarkt weist mindestens ein Drittel der Patienten eine nennenswerte depressive Symptomatik auf.



Wo Psychologen helfen

Viel zu wenig ist in diesem Zusammenhang aber immer noch über die weitreichenden Möglichkeiten von bestens qualifi- zierten Klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen bekannt, die bei Lebensstil-Erkrankungen den Betroffenen kurz-, mittel- und langfristig teils massive Erleichterungen im Umgang mit ihrer Lebenslage bieten und teils zu einer erhebli- chen Verbesserung ihrer Lebensqualität beitragen können. Gesundheitspsychologische Interventionen setzen so beispiels- weise an dem psychisch gesunden Patienten an, um diesen bei der Lebensstilmodifikation und den damit zusammenhän- genden Herausforderungen zu unterstützen. Auf diese Weise kann psychischen Störungen bereits im Vorfeld entgegenge- wirkt werden. Klinisch-psychologische Behandlung wiederum legt ihr Augenmerk auf die bereits psychisch belasteten oder erkrankten Patienten, um deren Störung zu behandeln. Genau dies ist auch eine wichtige Herausforderung dafür, dass die somatische Erkrankung bestmöglich behandelt werden kann.

Psychologen setzen an vielen Stellen an:

•Förderung von Compliance: Patienten, die unter Lebensstil-Erkrankungen leiden, haben häufig teils massive Probleme da- mit, Ratschläge und Anregungen von Ärzten anzunehmen und umzusetzen. Klinische Psychologen und Gesundheitspsy- chologen können helfen, Compliance zu fördern.

•Passende Bewältigungsstrategien: Sie unterstützen bei der Krankheitsbewältigung und bieten Bewältigungsstrategien wie Entspannungstechniken in Stresssituationen und Problemlösetrainings beispielsweise bei Konflikten mit anderen an.

•Hilfe bei Lebensveränderung: Sie geben Hilfestellungen für langfristige Verhaltens- und Lebensmodifikationen des Patien- ten.

•Förderung beim Umgang mit anderen: Psychologen tragen zur Reflexion über und Festigung sozialer Beziehungen von Patienten bei. Denn: Gerade auch die soziale Umwelt von Patienten muss bei der Behandlung immer mit bedacht werden.

•Mehr Selbstbestimmung: Sie fördern das Selbstmanagement des Betroffen und stärken das Empowerment.

•Präventive Wirkung: Und Psychologen tragen mit all dem zu einer wichtigen Prävention psychischer Komorbidität wie der Erkrankung an einer Depression oder Angststörungen bei.


Nachgewiesener Nutzen

Etliche Studien belegen inzwischen den Nutzen von psychologischen Maßnahmen bei Lebensstil-Erkrankungen:

•Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Untersuchungen zeigen, dass die Herzinfarkt-Sterblichkeit bei Patienten durch die Anwen- dung psychologischer Maßnahmen um 21 Prozent gesenkt werden konnte. Auch psychische Symptome wie Depressionen, Angst und Stress konnten reduziert werden. Therapiegruppen aus 23 randomisierten Studien zeigten eine Reduktion des psychosozialen Stress, des Bluthochdrucks, der Herzraten und des Cholesterins. Patienten ohne eine zusätzliche psycho- soziale Therapie zeigten eine höhere Sterberate und Herz-Rezidivraten innerhalb der ersten zwei Jahre des Follow-ups.

•Adipositas: Nachweislich fördern psychologische Maßnahmen die Gewichtsreduktion bei adipösen Personen. Dabei lie- fern diese nicht nur eine Psychoedukation, sondern auch konkrete Verhaltensstrategien zur Initiierung und Aufrechterhal- tung von gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen.

•Diabetes mellitus: Psychologische Interventionen zeigen kurz-, mittel- und langfristige Effekte auf den Schweregrad einer Depression. Gleichzeitig kann die Behandlung einer Depression bei Diabetikern zu einer direkten Verbesserung sowohl der psychologischen als auch der medizinischen Parameter führen. Letzteres wird auch gerade dadurch möglich, weil sich Pa- tienten, die unter einer Depression leiden, weniger an Ernährungsvorgaben halten und ihre Medikamente nicht regelmäßig einnehmen.

•Schmerz: Jeder fünfte Österreicher leidet ständig unter starken Schmerzen. Auch hier beweisen Studien, dass psychologi- sche Maßnahmen sowohl bei der Bewältigung der verschiedenen Formen chronischen Schmerzes helfen, als auch Auswir- kungen auf Stimmung und Selbstmanagement-Fähigkeiten des Betroffenen haben.

All diese Punkte verdeutlichen, wie unverzichtbar die Psychologie bei Lebensstil-Erkrankungen ist und wie Psychologen ganz konkret betroffene Patienten unterstützen und ihnen zu einer deutlich erhöhten Lebensqualität verhelfen können. Ge- rade auch durch die Förderung von Compliance sind Klinische Psychologen und Gesundheitspsychologen für Ärzte unver- zichtbare Partner bei der Behandlung von Patienten mit Lebensstil-Erkrankungen.

Wichtig ist aber immer auch: Nicht jedes psychologische Programm passt für alle Patienten und es bedarf psychologischen Wissens, um die passende Intervention für Betroffene entsprechend ihrer Persönlichkeit und Situation zu finden und diese genau dort zu stützen, wo sich Probleme zeigen. Nur dann kann eine Umsetzung gelingen und genau dies ist die Stärke von ausgebildeten Psychologen.


Literatur bei der Verfasserin