FORTBILDUNG & KARRIERE  |  Sexuelle Belästigung

#MeToo im Krankenhaus

Das Thema sexuelle Belästigung ist spätestens seit der Initiative #MeToo in aller Munde – und droht wegen Übersättigung wieder aus dem Fokus der  Aufmerksamkeit zu verschwinden. Aktuell und diskussionswürdig bleibt das Thema aber allemal – auch in Spitälern.

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In jeder Berufssparte gibt es Formen von Belästigung – auch im Gesundheitswesen. #MeToo hat all jenen, die davor meist aus Scham geschwiegen haben, Mut gemacht, die Stimme zu erheben und zunächst über soziale Medien, später viel breiter, von Erlebnissen zu berichten, die im harmloseren Fall Belästigung, im schlimmeren Gewalt aus sexistischen Gründen darstellen. Zahlreiche Spitäler reagieren auf die Forderung, aufzustehen und zu reden statt unter den Teppich zu kehren, und stellen sich mit unterschiedlichen Strategien der Problematik. In vielen Fällen sind Gewalt und sexuelle Übergriffe nicht voneinander zu trennen, daher wird auch konsequent gegen jede Form der Gewalt vorgegangen.


Leitfaden für Führungskräfte

Beispielsweise auch an der Medizinischen Universität Innsbruck wird das Thema sexuelle Belästigung konsequent aufgearbeitet. Ein Leitfaden mit Informationen für Führungskräfte und leitende Angestellte sorgt für Unterstützung im Fall des Falles. „Sexuelle Belästigung ist keine fiktive Größe, sondern weit verbreitet. Sie ist kein Kavaliersdelikt, son- dern sexualisierte Gewalt, steht in diametralem Widerspruch zu einem respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander und ist an der Medizinischen Universität Innsbruck nicht zu dulden“, sagt dazu Rektorin Univ.-Prof. Dr. Helga Fritsch und nimmt die Führungskräfte des Hauses in die Pflicht, als Vorbild voranzugehen und die Mitarbeiter zu schützen. Der Leitfaden soll „sensibilisieren, informieren und ermutigen, das Thema beim Namen zu nennen, zu enttabuisieren und konkrete Schritte zu setzen, um Betroffene zu unterstützen“. Neben Definitionen, rechtlichen Be- stimmungen, internen und externen Ansprechpartnern finden sich darin Orientierungshilfen zum Vorgehen bei sexu- eller Belästigung.


Im Wiener Krankenanstaltenverbund beschäftigt sich die Psychologische Servicestelle der Generaldirektion neben anderen Themen auch mit sexueller Belästigung und sexueller Gewalt. „Wir bieten dazu individuelle psychologische Beratung und Unterstützung zur Verarbeitung des Erlebnisses, wenn sich betroffene Personen an uns wenden“, sagt Mag. Monika Binder, Leiterin der Psychologischen Servicestelle, und ergänzt: „Gerade die Gruppe der Ärzte nutzt dieses Angebot relativ selten. Allerdings gibt es zu diesem Thema auch Ansprechpersonen an den jeweiligen Dienststellen vor Ort, die sogenannten Kontaktfrauen.“ Auch die stellvertretende Gleichbehandlungsbeauftragte Eve- line Pein kümmert sich im Krankenanstaltenverbund um Betroffene. Für Herbst 2018 werden die Ergebnisse einer Studie erwartet, die sich mit der quantitativen und qualitativen Analyse von Aggressionsereignissen mit Fokus „sexu- elle Belästigung“ beschäftigt. Die Erhebungsphase wurde im April dieses Jahres abgeschlossen, 620 Online- und 249 Papierfragebögen wurden retourniert, 19 qualitative Interviews wurden geführt. Ziel dieser Studie ist neben der Datenerhebung auch die „Etablierung von hausweiten Präventionsmaßnahmen“. Erste – bereits umgesetzte – Maß- nahmen sind eine eigene Intranet-Seite, die Verfassung eines Grundsatzpapiers und ein eigens konzipiertes Schulungsangebot.


Vorbildliches Antigewaltprojekt in Braunau

Beispielhaft geht auch das Krankenhaus St. Josef Braunau mit der Thematik Gewalt und sexuelle Belästigung um und erntet Lob für sein engagiertes Antigewaltprojekt. Personalleiterin Mag. Dr. Helene Mayerhofer dazu: „Wir haben diese Initiative österreichweit als erstes Haus initiiert. Eine interdisziplinäre Gruppe hat sich zu diesem Thema gebil- det, da sowohl Themen des Umgangs zwischen Mitarbeitern als auch Angehörigen und Patienten Anlass dafür ge- ben. Sexuelle Gewalt ist dabei ein Thema, war aber nicht der Hauptauslösefaktor.“ Primar Dr. Jürgen Barth, Leiter der Abteilung Orthopädie und Traumatologie, ist Mitglied im Projektteam. Der Mediziner hat gute Erfahrungen damit ge- macht, Beschuldigte offen – und nicht zwingend unter vier Augen – auf Übergriffe anzusprechen. Die Opfer bekom- men jede Form der Unterstützung, die sie brauchen. Sexuell motivierte Übergriffe gehören übrigens zu den seltener gemeldeten, wobei freilich nicht alle bekannt werden.


bw