KARDIOLOGIE | Im Gespräch

Kardiologie mit Herz

Prim. Univ.-Prof. Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer, FESC, Leiterin der 5. Medizinischen Abteilung mit Kardiologie im SMZ Süd – Kaiser-Franz-Josef-Spital mit Gottfried von Preyer’schem Kinderspital und Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft im Wordrap.

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Für ein Medizinstudium habe ich mich entschieden, weil … ich einerseits familiär „vorbelastet“ bin – Eltern, Großvater, Urgroßvater waren Mediziner – das prägt definitiv –, aber auch eine persönliche Krankheitserfahrung eines nahen Freundes kurz nach der Matura hat mich schließlich bestärkt, mich nach einem Jahr des Studiums der Sozialwissenschaften schließlich doch für die Medizin zu entscheiden. Im Speziellen für die Kardiologie habe ich mich nur halb bewusst entschieden, es sollte unbedingt ein Fach aus der Inneren Medizin sein, Kardiologie ist natürlich so etwas wie die „Krönung“. Ich bin da als Turnusärztin hineingeraten und wollte schließlich unbedingt das Fach Innere Medizin-Kardiologie absolvieren!


Im Laufe meiner Karriere bin ich – selbstverständlich – immer wieder an gläserne Decken gestoßen, weil … die Realität jeden, der Ideen und Pläne hat, einholt – ökonomische Ressourcen, die Trägheit des Systems, die Irrationalität der handelnden, verantwortlichen Personen und ihre Entscheidungen, auch Lebensvorstellungen folgender Generationen sowie nicht zuletzt die Erfahrung der eigenen Begrenztheiten.


Das Faszinierende an der Kardiologie ist … zum einen zu wissen, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach wie vor die Hauptursache für Morbidität und Mortalität darstellen, man also bei entsprechender Diagnostik und therapeutischen Möglichkeiten vieles für das erkrankte Individuum zuwege bringen kann. Zum anderen ist klar, dass ohne eine breit aufgestellte Prävention über eine ganze Gesellschaft hinweg letztlich durch eine noch so perfekt technisierte Kardiologie immer nur die „Endstrecke“ behandelt wird. Kardiologen sind also weit über ihr tägliches Tun in Klinik und Praxis gefordert!


Bei meiner Arbeit ist mir mehreres besonders wichtig: … Da gilt es einmal, Patienten in ihrer Gesamtheit zu erfassen – also nicht nur das Machbare auch geschehen lassen, sondern den Blick über das akute Problem hinaus zu richten. Da ist ein vorgegebenes System, das vieles möglich macht und vieles auch nicht – sich also zwischen Möglichem und Grenzen effizient zu bewegen. Da sind Mitarbeiter aller Generationen: neben den Personen aus der Pflege sind das Mediziner aller Generationen – von Studenten bis zu Oberärzten kurz vor dem Pensionsantritt, die alle unterschiedlich sozialisiert sind, unterschiedliche individuelle Bedürfnisse haben, auch unterschiedliche Fertigkeiten. Sie alle gilt es, für die gemeinsame Sache Kardiologie „bei der Stange zu halten“…


Meine Präsidentschaft der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft bedeutet mir … viel; denn nach anfänglichem Zögern, sich für diese Position bereitzustellen, sehe ich mich nun in der privilegierten Situation, so viele Menschen als Jungärzte, Wissenschaftler, etablierte Kardiologen in Klinken und in Praxen kennengelernt zu haben. Ich habe den Entstehungsprozess eines gesamtösterreichischen Kardiologiekongresses miterleben können, vom Entstehen der Ideen bis zur geglückten Vollendung einer höchst erfolgreichen Jahrestagung. Ich erlebe die vielfältigen Fragestellungen, Probleme, auch Konflikte, die an den Vorstand der ÖKG herangetragen werden und erfahre – geglückte – Problemlösungen. Ich sehe auf jeden Fall die enorme Dynamik, die in diesem Fach liegt!


Für unterschätzte Themen halte ich … Lösungskonzepte, wie die tatsächlich komplexen Vorgänge, die an einem betroffenen Patienten passieren, zum Beispiel eine Herzkatheteruntersuchung und -intervention, dem Betroffenen nahegebracht werden können, mit allen Konsequenzen, was Therapietreue, aber auch Sekundärprävention bedeutet – unter beträchtlichem Zeitdruck, in dem alle Handelnden sich befinden.


Für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre erwarte ich in der Kardiologie … angesichts der riesigen technologischen Fortschritte allein der vergangenen zehn Jahre eine entsprechende Weiterentwicklung und damit auch sinnvolle lebensverlängernde Maßnahmen, wie epidemiologisch über die vergangenen Jahrzehnte dokumentiert. Andererseits müssen wir rezente Daten kritisch unter die Lupe nehmen, dass nämlich gerade in den vergangenen Jahren kein Zuwachs an gewonnenen Lebensjahren mehr erzielt werden konnte und mehrere internationale Kardiologen von einer (derzeitigen) diesbezüglichen Grenze des Machbaren spekulieren.


In der Ausbildung zum Kardiologen ist es besonders wichtig, dass … der unmittelbare Kontakt mit dem Kranken in Form von Zuhören, Berühren, Begreifen das allererste und wichtigste Instrument der Arzt- Patienten-Beziehung ist, erst dann gefolgt von den vielen und großartigen technischen Mitteln und Werkzeugen, die uns die Kardiologie bereitstellt – vom EKG bis zum Kardio-MR und PET. Viele Diagnosen aber können wir schon in einem ganz frühen Stadium dieses ersten Kontakts stellen! Das zu vermitteln sehe ich als ganz wichtigen Beitrag für die Ausbildung angehender Kardiologinnen und Kardiologen.


Eine der größten kardiologischen Herausforderungen in der heutigen Zeit ist, … innerhalb der nahezu uneingeschränkt sich darbietenden Möglichkeiten das Machbare, das Sinnvolle, auch das Menschenwürdige zu erkennen, zu definieren und einzusetzen.


Für die Kardiologie in Österreich wünsche ich mir, … dass sie weiterhin so rege teilhat am internationalen Fortschritt – aus Erkenntnissen, die von jungen Wissenschaftlern im Land selbst gewonnen werden, sowie an den internationalen Erfahrungen, auf dass wir sie hier auch anwenden können.


Neben der Medizin interessiere ich mich … für so vieles! Neben meinen vielen Begegnungen und der Zeit, die ich mit den Menschen verbringe, die ich liebe und gerne habe, ist es die Kultur in ihren vielen Ausprägungen: Konzerte, Theater, Oper, (zu wenig) Kino, lesen natürlich, die Welt reisend zu erforschen, der Sport (zu wenig konsequent).



bw

Nach der Promotion 1979 absolvierte Andrea Podczeck-Schweighofer ihre Turnus- und fachärztliche Ausbildung für Innere Medizin im Wilhelminenspital in Wien. 1988 erwarb sie den Facharzttitel für Innere Medizin, in den Folgejahren die Additiv-Facharzttitel in Kardiologie und internistischer Intensivmedizin. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit führte sie zu mehreren Auslandsaufenthalten, 1984 zu einem längeren Aufenthalt an das St. Bartholomew’s Hospital nach London, 1986 zwei Jahre an die Kardiologische Universitätsklinik in Düsseldorf. 1995 wurde sie Universitätsdozentin, mit Schwerpunkt ihrer klinischen Tätigkeit in der Kardiologie. 2004 übernahm sie als Primaria die Leitung der Kardiologischen Station im SMZ Süd. 2016 wurde sie Universitätsprofessorin an der Sigmund Freud Universität in Wien und seit Juni 2017 ist sie Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft.