FORSCHUNG I Health Care Management

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Wie aus Ideen Produkte werden

In den Dienst der Medikamentensicherheit hat der Hämatologe und Onkologe Priv.-Doz. Dr. Stefan Wöhrer, PhD, das neue Produkt seines Unternehmens Permedio, Zentrum für personalisierte Medizin, gestellt. Er erzählt, was es braucht, um aus einer Idee ein Produkt zu machen und worauf sich Ärzte einstellen müssen, wenn sie Forschungsergebnisse unternehmerisch nutzen wollen.

„Ich würde mir für die Forschung in Österreich eine kontinuierli- che und konsequente Talentent- wicklung wünschen.“


Priv.-Doz. Dr. Stefan Wöhrer, PhD, Facharzt für Innere Medizin, Onko- logie und Hämatologie, Permedio

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen können Patienten wie auch ihren behandelnden Ärzten das Leben schwer machen. Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Kreuzallergien können sorgfältig ausgewählte Medikamente wir- kungslos bis gefährlich machen. Mit Permedio Medikamentensicherheit bietet Wöhrer eine praktikable, schnell verfügbare Lösung des Problems an und setzt dabei auf modernste Technologien. Das brachte ihm unter anderem den ersten Platz des riz up Genius Ideen- und Gründerpreises in der Kategorie genial digital ein.


NGS als Basis

2015 startete der engagierte Onkologe mit dem Angebot der personalisierten Onkologie – Karriere-MEDIZIN berichtete. Es ging dabei um die Behandlung von Krebs mit den individuell effektivsten Medikamenten. „Im Rahmen unserer Forschung und Entwicklung entschieden wir dann, unseren Service auch auf nicht-onkologische Erkrankungen auszuweiten“, erzählt Wöhrer von den Anfängen. „Grundlage hierfür sind pharmakogenetische Analysen, die wir mit unseren NGS-Geräten (Next Generation Sequencing) durchführen können. Den Zweig der Pharmakogenetik gibt es schon seit vielen Jahren, bisher scheiterte die Umsetzung in die klinische Praxis aber daran, dass die Analysen nicht überall verfügbar und sehr teuer wa- ren. Diese Situation hat sich durch den Kostensturz der genetischen Analysen drastisch geändert. Somit können wir diese Art der Analysen zu einem Preis anbieten, der es dem größten Teil der Bevölkerung erlaubt, diesen Service in Anspruch zu nehmen.“

Von einem Backenabstrich wird DNA gewonnen. Diese genetischen Daten, die mithilfe von Next Generation Sequencing (NGS) in kürzester Zeit entschlüsselt werden, werden dann mit medizinischen Datenbanken verknüpft, die von wissen- schaftlichen Publikationen genährt werden. „Alle Empfehlungen, die abgegeben werden, beruhen somit auf publizierten Daten“, versichert Wöhrer.


Service für Patienten und Ärzte

Permedio Medikamentensicherheit ist ein medizinischer Online-Service. „Der Patient erhält einen geschützten Online-Zu- gang zu seiner persönlichen Plattform. Dort gibt er seine Medikamente ein und die pharmakogenetische Verträglichkeit, Wechselwirkungen und Allergien werden in Form eines Ampelsystems angezeigt“, erläutert der Mediziner. Datenschutz ist dabei natürlich einer der wichtigsten Punkte. Permedio kooperierte von Anfang an mit einer Juristin, die sich auf Daten- schutz spezialisiert hat. Der Service wurde gemäß der neuen Datenschutzrichtlinie (2018) konzipiert und durch die Abtei- lung Datenschutz des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) geprüft und genehmigt.

Die meisten Patienten nutzen den Service über den Arzt ihres Vertrauens. Der Arzt bekommt dabei, sofern der Patient das will, einen kostenlosen Zugang zu den Daten des Patienten, sodass Medikamentenänderungen direkt von ihm vorgenom- men und überprüft werden können. „Wir weisen immer ausdrücklich darauf hin, dass keine Medikamentenänderung in Ei- genregie vorgenommen werden sollen. Unser vorrangiges Ziel ist es, den Ärzten ein Tool in die Hände zu geben, mit dem sie ihre Patienten noch besser behandeln können“, so Wöhrer.

Im Rahmen von Bezirksärztetreffen wurde der Service vorgestellt und die Reaktionen wurden mithilfe von Fragebögen sys- tematisch ausgewertet. „92 % aller befragten Ärzte finden Permedio Medikamentensicherheit sinnvoll und vorteilhaft für unsere Patienten“, erzählt der Mediziner. „81 % gehen davon aus, dass sie diesen Service in Zukunft nutzen werden. Wir haben auch sehr hilfreiche Verbesserungsvorschläge bekommen, die wir tatsächlich auch umsetzen konnten.“ Auf lange Sicht sei man absolut daran interessiert, den Service an ELGA zu koppeln. Aus Sicht des Unternehmers wäre es kein Pro- blem, die Schnittstelle zu programmieren.


Der Arzt als Unternehmer

Wahrscheinlich sei er heute mehr Unternehmer als Arzt, vermutet Wöhrer selbst. Dazu gehört selbstverständlich, eine Preisgestaltung zu finden, die einerseits für Patienten erschwinglich und andererseits für Permedio zumindest kostende- ckend und den Arzt vertretbar ist. Freilich geht es vorrangig um die Vermeidung von ineffektiven Medikamenten, die Re- duktion von Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sowie Allergien – und damit um eine Verbesserung der Behand- lungsqualität. „Basierend auf den Zahlen aus amerikanischen Studien und umgerechnet auf die Bevölkerung in Österreich, könnten 8.000 Todesfälle, 200.000 Spitalsaufenthalte und 180.000 schwere Nebenwirkungen pro Jahr in Österreich vermie- den werden. Dadurch käme es zu einer Kosteneinsparung von 800 Millionen Euro pro Jahr“, behält der Arzt-Unternehmer die Volkswirtschaft im Auge. Die Kosten für Patienten belaufen sich auf 29,90 Euro pro Monat mit einer Mindestlaufzeit von zwölf Monaten. Danach könne der Service jederzeit gekündigt werden.

Grundsätzlich sei der Service für alle Ärzte gedacht, die Medikamente verschreiben. Für sie ist Permedio Medikamentensi- cherheit kostenlos – derzeit tragen die Kosten die Patienten bzw. deren Versicherungen. „Tatsächlich bieten wir unseren Partnerärzten eine Aufwandsentschädigung von 50 Euro für die Beratung der Patienten an. Grundsätzlich kann jeder Arzt unseren Service in Anspruch nehmen. Für die Zahlung der Aufwandsentschädigung ist allerdings ein Kooperationsvertrag notwendig“, erklärt der Onkologe.


Start-ups mit Potenzialen

Wöhrer nutzt in seinem Zentrum die Möglichkeiten moderner Genanalysen für Produktentwicklungen, die den Arbeitsalltag von Ärzten, Therapieeffizienz und Patientensicherheit erleichtern sollen. Einfach wurde ihm der Weg als Unter- nehmer-Arzt nicht gemacht. Dennoch möchte er seine Unternehmertätigkeit vorantreiben: „Zukünftig würde ich gerne die Möglichkeiten im Bereich der personalisierten Medizin weiter ausbauen und mit den digitalen Medien ver- knüpfen, sodass es sowohl Ärzten als auch Patienten leichter gemacht wird, das volle Potenzial des medizinischen Fortschritts zu nutzen.“

Die Potenziale für medizinische Start-ups in Österreich sieht er durchaus zwie- spältig: „Grundsätzlich hat Österreich eine gute Förderlandschaft und es gibt viele interessante Initiativen zur Optimierung der Wertschöpfung im medizini- schen Bereich. Dem gegenüber stehen allerdings öffentliche Einrichtungen und Organisationen mit quasi Monopolstellungen, die einem Vorankommen durch ihre Trägheit eher entgegenstehen und die scheinbar nicht wirklich an einer Änderung des Status quo interessiert sind. Ich denke, die Schnittstelle zwischen fertigem Produkt oder Service und Umsetzung bzw. Integration in das österreichische Gesundheitssystem könnte noch optimiert werden.“

Die medizinische Forschung in Österreich sei ein hartes Pflaster. Viele Talente würden zwar anfangs gefördert, schafften es aber später nicht, auf eigenen Beinen zu stehen und zögen sich schließlich aus der Wissenschaft zurück. Da- bei gehe viel Talent und letzten Endes auch investierte Forschungsförderung verloren. „Ich würde mir deshalb für die Forschung in Österreich eine kontinu- ierliche und konsequente Talententwicklung wünschen“, so Wöhrer.

Für Ärzte, die zögern, den Schritt ins Unternehmertum zu wagen, hält der Me- diziner dennoch einen Rat bereit: „Die Vernetzung mit Gleichgesinnten, Mut, Transparenz und Geduld sind wichtig. Der Nobelpreisträger Fridtjof Nansen hat dazu gesagt: ,The difficult is what takes a little time; the impossible is what takes a little longer‘“.



bw