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Vorurteile abbauen

Die psychiatrische Pathologisierung alles Negativen führt zu einer neuen Stigmatisierung. Der Begriff „psychisch krank“ wird aus dem medizinischen Kontext herausgelöst und in eine moralische Wertung verschoben.



Autor: Dr. Georg Psota

Past Präsident der Öster-

reichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

www.oegpp.at

Foto: pro mente

„Der Irre siegt.“ So wurde einst ein Bericht über die Präsidentenwahl im Iran übertitelt. „Irrer schießt auf spielende Kinder“. Dabei ging es um die „Wahnsinnstat“ eines „Verrückten“, der mit einem Luftdruckgewehr auf spielende Kinder schoss. Ein weiterer „Irrer legt die U4 lahm“, hieß es, als ein offensichtlich verzweifelter Mann nach familiären Problemen die U-Bahn- gleise blockierte. In letzter Zeit wird in den Medien gerne der auch „Geisteszustand von Donald Trump“ diskutiert und nicht selten auch gleich diagnostiziert. Mein aktuelles Lieblingsbeispiel ist aber diese Aussage der britischen Premiermi- nisterin Theresa May. Hier verurteilt sie nach den Anschlägen in London postwendend die „kranke und verdorbene“ Tat. Und dieses Zitat stammt auch von ihr: Darin verspricht sie – natürlich bei anderer Gelegenheit – „das Stigma psychischer Krankheiten abzubauen“.


Stigmatisierung psychisch Kranker

Für mich stehen diese beiden Aussagen in krassem Widerspruch zueinander. Natürlich ist es so, dass ein iranischer Präsi- dent, der mit dem Atomkrieg droht, oder jemand, der spielende Kinder verletzt oder mit dem Auto wahllos Passanten tötet, für Empörung sorgt und diese auch verdient hat. Das problematische daran ist aber die Wortwahl und der wieder gepfleg- te Automatismus, diese Taten als Taten von „Irren“, „Geisteskranken“ oder „Wahnsinnigen“ darzustellen.

Mit dieser Form der Etikettierung wird der Begriff „psychisch krank“ zunehmend aus dem medizinischen Kontext herausge- löst und in eine moralische Wertung verschoben. Auf diese Art und Weise wird ein Klima geschaffen, in dem alles Unange- nehme, Bedrohliche, Störende, Gewalttätige, Oberflächliche, Lächerliche, Ärgerliche gleichsam psychiatrisch pathologi- siert wird – es kommt damit in die Kategorie „krank“, kann dort abgelegt und braucht nicht weiter hinterfragt zu werden.

Damit wird Theresa May ihren guten Vorsätzen in keiner Weise gerecht. Mit solchen Gleichsetzungen erreichen wir nichts anderes, als der ohnehin noch lange nicht abgebauten Stigmatisierung psychisch Kranker weiteren Vorschub zu leisten. Wenn wir immer wieder vor allem dann über Psychosen, Schizophrenie, bipolare Erkrankungen, Depressionen usw. spre- chen, wenn gerade die Hintergründe von Terror und anderen Gewaltakten – die in aller Regel politische Hintergründe ha- ben – untersucht werden, dann ist allein dieser Umstand bereits ein Stigma-Turbo.

Das Gleiche gilt für die – zugegeben zunehmend unerträglich werdende – politische Debatte: Die Finanzkrise 2008 und verschiedene Auswüchse des internationalen Finanzsystems hätten jede Menge Möglichkeiten geboten, über die narzissti- sche und soziopathische Dynamik der „Wolves of Wall Street“ zu sprechen. Stattdessen geschieht dies erst jetzt, wo sich ein amerikanischer Präsident in verschiedenen Aussagen Europa gegenüber – und auch sonst – ungehobelt benimmt. Sol- che plakativen Schlagzeilen sorgen sicher für Auflage. Letztlich wird aber mit der Neigung, politische Entwicklungen in Richtung weniger Demokratie zu psychiatrisch relevanten Erkrankungen umzuinterpretieren, wieder nichts anderes betrie- ben als Stigmatisierung.


Banale Zuschreibungen

Unterstützt werden diese für tatsächlich psychisch erkrankte Menschen ungünstigen Prozesse durch mehr oder weniger banale Psychologisierungen aller möglichen Lebensbereiche, die psychische Probleme mit Behandlungsbedürftigen und behandelbaren Erkrankungen verwechseln. Unzählige Male wurde ich die letzten beiden Jahre gebeten, dazu Stellung zu nehmen, dass Terroristen „doch krank sein müssen“. Nein, müssen sie nicht, und weit überwiegend sind die Gewalttäter der Menschheit, Kriegstreiber und ähnliche Protagonisten, psychisch durchaus gesund.

Damit möchte ich weder Gewalttäter noch den amerikanischen Präsidenten verteidigen, ganz im Gegenteil, sondern ledig- lich tatsächlich erkrankten, leidenden Menschen die unangemessene Gleichsetzung ersparen. Abgesehen davon, dass es in den ethischen Richtlinien fast aller Psychiatrie-Fachgesellschaften mit gutem Grund verpönt ist, Ferndiagnosen ohne persönliche Untersuchung zu erstellen, möchte ich auch Fachleuten, die es dennoch tun, ein – zugegeben salopp formu- liertes – Wort von einer der führenden Stimmen in der amerikanischen Psychiatrieszene nahebringen: Allen Francis, der sich in einem Blog bereits im September 2016 mehrfach zu Trump äußerte und ihn als „breaking bad, not clinically mad“ bezeichnete, was übersetzt etwa bedeutet, dass jemand vom richtigen Weg abweicht, aber nicht klinisch krank ist.


Behandlung erschwert

Letztlich ist zu befürchten, dass durch die permanente Gleichsetzung von allem scheinbar oder wirklich Verwerflichem mit psychischen Krankheitsbildern die Abwehrhaltung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen wieder größer wird.  Es gibt einige aktuelle Daten, die darauf hinweisen. Das ist insofern problematisch, als wir in den letzten Jahren ein wenig Hoffnung geschöpft hatten. Auch wenn es dazu noch keine dezidierten Studienergebnisse gibt, hatten wir das Ge- fühl, dass zumindest die Akzeptanz psychischer Behandlungen – allen voran die der Psychotherapie – ein wenig gestie- gen war. Setzt sich dieser Trend fort, wird das aber mit Sicherheit wieder dazu führen, dass psychische Leiden wieder ver- mehrt solange verschwiegen werden, bis der Leidensdruck bereits erheblich, die sozialen Auswirkungen massiv und eine Behandlung um vieles schwieriger wird.