Fortbildung & Karriere | Start-ups

FotoS: Pilo Pichler, Christan Husar, istockphoto/ MATJAZ SLANIC

Exzellenz braucht

Infrastruktur

Wenn etablierte pharmazeutische Unternehmen und junge Start-ups gemeinsame Sache machen, ist das gut für Patienten, aber auch den Standort Österreich.


„Nur wenn geforscht wird, können auch neue und innovative Methoden für die Be- handlung von Krankheiten entwickelt wer- den.“

Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig





„Die Impulse, die von Start-ups ausgehen, sind äußerst wertvoll für das Gesundheitssystem generell und für die pharma- zeutische Industrie im Speziellen. Denn neue Ideen, denen von jungen Wissenschaftlern im Rahmen von Start-ups erstes Leben eingehaucht wird, können dank des Engagements etablierter Pharma-Unternehmen zur Reife gebracht werden, in- dem sie sie finanziell unterstützen oder, wie ganz aktuell, für eine Forschungsinfrastruktur sorgen. In letzter Konsequenz profitieren von dieser gegenseitigen Befruchtung die Patienten durch neue und innovative Behandlungsmethoden“, fasst Mag. Martin Munte, Präsident der Pharmig, den Wert dieser Kooperation zusammen. So möchte etwa Boehringer Ingel- heim ausgewählten Start-ups durch Sponsoring die Möglichkeit geben, für einen gewissen Zeitraum rund 1.100 Quadrat- meter neue Laborflächen im Vienna Biocenter zugänglich zu machen. Sie werden ab 2019 bezugsfertig sein und lassen das Unternehmen darauf hoffen, hier neue Produkte und damit Marktchancen zu entwickeln.


Vernetzung fördern

Genau diese Intensivierung der Zusammenarbeit und den Austausch von Know-how hat auch die Biotech-Plattform der Pharmig zum Ziel. Sie wurde vor über einem Jahr gegründet, um die Vernetzung der etablierten pharmazeutischen Unter- nehmen und der Biotech-Szene zu fördern. Speziell die Impfstoffentwicklung ist ein Bereich, in dem sich Start-ups enga- gieren. Hier werden häufig vielversprechende Forschungsprojekte von Pharmaunternehmen übernommen. „Die Arzneimit- telentwicklung ist mit extrem viel Zeit, einer aufwendigen Infrastruktur, etwa für die klinischen Prüfungen, und mit hohen Kosten verbunden. Durchschnittlich werden bis zu 1,5 Mrd. Euro in die Hand genommen, bis ein Wirkstoff durch den lan- gen Entwicklungsprozess erfolgreich zur Marktreife gebracht und für Patienten verfügbar gemacht wird“, sagt Munte.

Österreich punktet zwar mit einer ausgezeichneten Lebensqualität, einem hohen Bildungsniveau und mit exzellent ausge- bauter medizinischer Infrastruktur. Dem gegenüber stehen jedoch überdurchschnittlich hohe Lohnnebenkosten, arbeits- rechtliche Einschränkungen und eine mangelnde Förderung von Innovation seitens des öffentlichen Sektors. „Das Be- kenntnis der pharmazeutischen Industrie zu Österreich ist da, dennoch sind eine deutliche Senkung der Lohnnebenkosten auf einen europäischen Durchschnitt, ein flexibleres Arbeitszeitrecht sowie mehr politischer und gesellschaftlicher Mut für Neues notwendig, um den Standort zu stärken. Diese Maßnahmen würden dazu beitragen, die Ansiedlung von Pharmaun- ternehmen zu fördern, anstatt Potenziale unseres Landes zu gefährden“, meint Munte.


Was ein Top-Forschungsstandort braucht

Die aktive heimische Biotech-Szene bringt das Basiswissen aus der Grundlagenforschung zur Anwendung, Biotechnolo- gie trägt umgekehrt dazu bei, Infrastruktur aufzubauen. Es werden dadurch auch neue Jobs beispielsweise für

Post-Doktoranden und PhD-Studenten geschaffen. Das Potenzial an Neugründungen liegt laut einer Erhebung der Wirt- schaftsagentur Wien bei mindestens sechs bis neun Neugründungen pro Jahr. „Das bestehende Angebot ist allerdings bei Weitem nicht ausreichend, auch wenn es eine steigende Zahl an Unternehmen gibt, die sich in Wien niederlassen wollen“, weiß Mag. Eva Czernohorszky, Leiterin der Technologie Services in der Wirtschaftsagentur Wien.

Was für die Zukunft noch fehlt, ist, bei Forschern das Bewusstsein zu verbessern, welche Start-up-Möglichkeiten zur Verfü- gung stehen, so zum Beispiel eine Umwelt zu schaffen, in der Kreativität und Risikofreude gefördert werden. Wichtig wäre, Akademikern Karrieremöglichkeiten auch in der Wirtschaft aufzuzeigen, wofür eine gute Infrastruktur für Start-ups eine Grundvoraussetzung ist. Wollen heimische Spitzenforscher im Rahmen von Start-ups ihre Talente entfalten und bahnbre- chende Ergebnisse zum Nutzen der Medizin erzielen, mangelt es oft an der geeigneten Infrastruktur. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten an Forschungs- und Wirtschaftsförderung durch die Stadt Wien vielfältig: „Von der Grundlagen- bis zur an- gewandten Forschung gibt es viele Förderinstrumente in Österreich. Herausragend ist sicherlich ein Instrument, mit dem Start-up-Gründungen mit bis zu einer Million Euro gefördert werden. 2014 wurden in Summe 102 Mio. Euro Förderungen für Wiener Forschungs- und Entwicklungsprojekte und Investitionsvorhaben in den Life Sciences zugesagt. Rund zwei Drit- tel davon gingen an Forschungseinrichtungen, ein Drittel ging an Unternehmen“, fasst Czernohorszky zusammen. Aller- dings wies die Expertin auch auf fehlende Bausteine hin, um die Start-up-Landschaft noch weiter zu stärken: „Da geht es beispielsweise darum, schnell und kurzfristig verfügbare Mieteinheiten und Co-Working-Labore zur Verfügung zu haben. Das schnelle Nutzen vorhandener Infrastruktur ist schlicht eine Notwendigkeit. Nicht jeder kann sich eine teure Infrastruk- tur aufbauen.“


Fast track für heimische Forscher

Um den vielfältigen Herausforderungen zu begegnen, hat die Pharmig daher im Vorjahr eine „Pharmig Biotech Plattform“ gegründet, um Jungunternehmer mit etablierten Pharmaunternehmen zusammenzubringen. So soll die Realisierung von Forschungsprojekten im Biotech-Sektor gefördert werden. Im Sinne eines „fast tracks“ können hier schnell und einfach Kontakte geknüpft und Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet werden. So soll der Wissenstransfer erleichtert oder auch Unterstützung bei regulatorischen Angelegenheiten geboten werden. Die Pharmig kann aufgrund ihrer Expertise, ihrer Ser- vice- und Netzwerkfunktion dazu beitragen, das Zustandekommen von Forschungsprojekten und damit auch die medizini- sche Innovation für die Behandlung vieler Krankheiten zu fördern.

Die Pharmig Biotech Plattform ist ein Gremium von biotechnologischen Unternehmen und Forschungsinstitutionen. „Die Biotechnologie spielt beispielsweise in der Krebsforschung eine immer größere Rolle. Von einer Förderung dieser interdis- ziplinären Wissenschaft und der heimischen Biotechnologie-Szene profitieren daher letztlich auch die Patienten, denn nur wenn geforscht wird, können auch neue und innovative Methoden für die Behandlung von Krankheiten entwickelt werden. Speziell für Jungunternehmer bietet die Plattform daher eine Hilfestellung auf dem Weg zur Zulassung eines Arzneimittels“, sagt Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig.


„Junge Forscher müssen schnell und ein- fach Kontakte knüpfen und Kooperations- möglichkeiten ausloten.“


Mag. Martin Munte, Präsident der Pharmig






„Wir verzeichnen sechs bis neun Neugrün- dungen pro Jahr, doch das bestehende An- gebot an Infrastruktur ist dafür bei Weitem nicht ausreichend.“


Mag. Eva Czernohorszky, Leiterin der Technologie Services in der Wirtschaftsagentur Wien


Wichtige Kontaktadressen für Start ups


www.usp.gv.at: Das USP-Unternehmensserviceportal ist der zentrale „One-Stop-Shop“ für Wirtschaftstreibende.

https://grants.at/: Österreichs Datenbank für Stipendien

und Forschungsförderung

www.pharmig.at: Die „Pharmig Biotech Plattform“ bringt Jungunternehmer mit etablierten Pharmaunternehmen

zusammen

ww.aws.at: Durch die Vergabe von zinsengünstigen

Krediten, Zuschüssen und Garantien werden Unternehmen bei der Umsetzung ihrer innovativen Projekte unter- stützt.

https://www.ffg.at/: Die Österreichische Forschungs-

förderungsgesellschaft ist die nationale Förderungs-

institution für die unternehmensnahe Forschung und

Entwicklung in Österreich.