Thema | Bedarfsgerechte Versorgung

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Säuglings-, Kinder- und  Ju- gendlichenpsychotherapie in Österreich

Die psychotherapeutische Versorgung für Säuglinge, Kinder und Jugendliche hat in den letzten Jahren große Schritte in Richtung einer bedarfsgerechteren Versorgung gemacht.

Autor: Mag. Karl-Ernst Heidegger, Msc

Vizepräsident des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie und Vorsitzender des Fachreferates für Säuglings-, Kinder- und Jugendlichenpsy- chotherapie. Tätig in freier Praxis mit Schwerpunkt für Kinderpsychotherapie in Innsbruck und Wörgl


Kinder und deren Eltern merken dies in erster Linie an einem leichteren und leistbaren Zugang zur Psychotherapie und im Idealfall an kürzeren Wartezeiten. In einigen Bundesländern sind seitens der Krankenkassen die Budgets für die Psycho- therapie von Säuglingen, Kinder und Jugendlichen teils erheblich angehoben worden, in manchen Regionen gibt es eine Vorreihung des Ausbaus der Psychotherapie zugunsten der Kinder entsprechend den Gesundheitsrahmenzielen. Begleitet wurde dieser Ausbau von intensiven Bemühungen der Berufsgruppe zur Qualitätssicherung und zur ausreichenden Quali- fizierung der praktizierenden Kollegen. Trotzdem scheitert die bedarfsgerechte Versorgung an vielen Orten an der man- gelnden Kassenfinanzierung.


Mindeststandards für die Weiterbildung

Im Bundesministerium für Gesundheit wurden im Dezember 2014 neue Richtlinien zur Säuglings-, Kinder- und Jugendli- chenpsychotherapie verabschiedet und damit Mindeststandards für die fachliche Weiterbildung gesetzt. Damit möchte man dem Umstand gerecht werden, dass sich die Psychotherapie mit Kindern je nach Altersstufe deutlich von einer Psy- chotherapie mit Erwachsenen unterscheidet.

Zum einen braucht es andere Interventionsformen, die auf die Entwicklung, die Pathologie und das Umfeld des Kindes Be- zug nehmen können. Eine zen-trale Rolle nehmen dabei das Spiel und nonverbale gestalterische Elemente wie Malen oder Zeichnen ein. Diese sorgen für Symbolisierung und gleichzeitig auch für den notwendigen Schutz, damit die Auseinander- setzung mit schmerzlichen Inhalten für das Kind gut aushaltbar bleibt. Das gemeinsame Spiel ist für Kinderpsychothera- peuten die Kommunikation mit dem Kind. Wenn man so möchte, bringt das Kind mit dem Spiel schon seine Methode mit in die Psychotherapie. Psychotherapeuten versuchen so, dem Kind die Welt nachvollziehbar und gestaltbar zu machen.


Arbeiten im Netzwerk

Der zweite große Unterschied liegt in der Arbeit im Netzwerk – dem Bezugssystem des Kindes. Die Kinderpsychotherapie kann nicht auf die Einbeziehung der Eltern bzw. der Familien verzichten. Das Bezugssystem erweitert nicht nur das dia- gnostische Verständnis der komplexen Beziehungsmuster, es ermöglicht Psychotherapeuten, mit Angehörigen gestaltend zu wirken. Jedes Teilsystem des Kindes in der Familie, im Kindergarten, in der Schule oder Peergroup kann als Ursache und Aufrechterhalter der Probleme infrage kommen und genauso auch zur Lösung beitragen. Jede Behandlung ist multi- systemisch und Kontext-orientiert. Viele Kinder brauchen Unterstützung, damit der Transfer vom in der Psychotherapie Ge- lernten in den Alltag von Familie und Schule gelingt.

Für die Kinderpsychotherapie sind die Symptome die Sprache des Kindes. Diese Sprache ist dem Bezugssystem ver- ständlich zu machen. Nicht wenn man dem Kind die Symptomsprache nimmt, sondern wenn die Symptome verstanden worden sind, sind nachhaltige Besserungen zu erwarten. Dazu braucht es – und darin liegt der dritte große Unterschied – ein besonderes Wissen über Entwicklungspsychologie, über Interaktionsformen in der Familie und über die Entstehung von Leiden im Kindesalter. Das führt zu einer eigenständigen psychotherapeutischen Diagnostik, die zusätzlich zur stö- rungsspezifischen Symptomatik eine alters- bzw. entwicklungspsychologische Perspektive umfasst und die Interaktion und Kommunikation des Kindes mit seinem Bezugssystem miteinschließt.

Die Säuglinge werden in diesem Fach von uns immer mitgenannt. Bereits in den ersten Lebenswochen und Monaten kön- nen eine Vielzahl von frühen Störungen, meist Regulationsstörungen, auftreten. Das Nichterkennen von den Bedürfnissen und den spezifischen Ausdrucksformen der Not der Säuglinge und der Eltern können schwerwiegende psychische Störun- gen mit sich bringen. Die Erfahrung zeigt übrigens, dass hier meist mit wenigen Stunden Intervention effizient geholfen werden kann. Auf der anderen Seite des weiten Spektrums sind die Jugendlichen, manchmal auch noch Adoleszente. Hier kann vor allem das Setting im Einzelfall sehr variieren. Eine Einbeziehung des Bezugssystems kann bei Jugendlichen zwin- gend notwendig oder manchmal auch kontraindiziert sein. Die psychotherapeutischen Maßnahmen für Kinder sind vielfäl- tig und reichen von Einzelstunden, Sitzungen mit der ganzen Familie oder psychotherapeutischen Kindergruppen.

Kolumne

Die Nicht-Leistbarkeit von Behandlung trifft die Kinder doppelt


Dr. Christa Pötzlbauer, Vizepräsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP),

www.psychotherapie.at






Die psychische Gesundheit der Kinder berührt viele Themen, die Psychotherapeuten in Österreich aufgreifen und in Zusammenarbeit mit vielen Professionen gemeinsam bewältigen möchten. Die großen Themen der letzten Jah- re werden uns auch in Zukunft fordern. Terror und die Ängste der Erwachsenen belasten die Kinder zunehmend. Wir brauchen zudem Möglichkeiten, junge Migranten und Flüchtlinge verstärkt in die psychotherapeutische Ver- sorgung aufzunehmen. Gute Rahmenbedingungen und Strategien sind auch dort gefordert, wo Minderjährige ge- sellschaftlichen und familiären Konflikten sowie Armut ausgesetzt sind.

Die Nicht-Leistbarkeit von Behandlung trifft die Kinder doppelt. Seelische Leiden und Armut treten oft gemeinsam auf. Es ist bekannt, dass armutsgefährdete Kinder schlechtere Entwicklungschancen in schulischer und berufli- cher Ausbildung, in den familiären Beziehungen und Interaktionen, ebenso wie im Kontakt mit Gleichaltrigen ha- ben. Das emotionale, soziale und körperliche Befinden wird durch diese Belastungen stark beeinträchtigt. Nicht nur die Benachteiligung und Unterversorgung wird als traumatisch erlebt, auch die Ohnmacht der Eltern entmu- tigt die Kinder und hemmt die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls. Schon in der Kinderseele beginnt sich die „Armutsspirale“ aus Zeit- und Beziehungsarmut, Mangelerfahrungen, Antizipation negativer Attribution, Ängstlichkeit, Hilflosigkeit, geringem Selbstvertrauen, Rückzug und Verleugnung, Leistungsverlust in Schule und Ausbildung zu drehen. Oftmals bestehen keine Chancen, die Entwicklungsrückstände und -defizite aufzuholen. Die einschneidenden und belastenden Lebenserfahrungen werden somit zur existenziellen Lebenserfahrung und prägen oft das gesamte Leben eines Menschen.

Zu diesem Risiko kommt im derzeitigen Versorgungssystem noch der Ausschluss aus der Psychotherapie. Kran- ke Kinder werden kranke Erwachsene. Die psychisch kranken Kinder, die nicht behandelt werden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal die chronisch psychisch kranken Erwachsenen von morgen.

Flächendeckendes Angebot

Ein wichtiger Schritt zum Ausbau einer besseren kinderpsychotherapeutischen Versorgung erfolgt nun durch Führung ei- ner Liste, in der sich alle Psychotherapeuten mit Weiterbildung in Säuglings-, Kinder und Jugendlichenpsychotherapie ein- tragen lassen können. Damit entsteht eine wichtige Orientierungshilfe für Familien, Ärzte und andere zuweisende Stellen. Es ist zu gewährleisten, dass alle, die Psychotherapie suchen, möglichst ohne Irrwege adäquate Behandlung finden. Auf- rufbar ist die Liste derzeit auf der Website des Berufsverbandes und auf der Website des Bundesministeriums für Gesund- heit (www.psychotherapie.at).

Bereits jetzt haben sich mindestens 600 Kollegen nachzertifizieren lassen. Im Berufsverband rechnen wir damit, dass wir für ganz Österreich flächendeckend ca. 800 qualifizierte Kollegen finden können, die sich auf den stationären, den institu- tionellen und niedergelassenen Bereich verteilen. Alle, die in der Liste geführt werden, haben den entsprechenden Weiter- bildungsnachweis für die Psychotherapie mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen erbracht. Ziel ist es, ein gutes und flä- chendeckendes Angebot in Österreich aufzubauen.


Zusammenarbeit fördern

Mit der Heraushebung der Weiterbildung in Säuglings-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie erwarten wir uns auch, dass die Zusammenarbeit mit allen Berufsgruppen, die sich um die Gesundheit und um das Wohl der Kinder kümmern, ei- nen Schub bekommt. Das Wissen um die Zuständigkeit und die Grenzen des eigenen Faches verlangt die Zusammenar- beit mit den unterschiedlichsten Berufsgruppen aus Pädagogik, Sozialarbeit, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie und Medizin, insbesondere auch der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch die Zusammenarbeit mit juristischen Berufen hat zu- letzt durch die vielen Verfahren im Kindschaftsrecht deutlich zugenommen. Der österreichische Berufsverband für Psycho- therapie fordert seit Jahren, dass überall dort, wo mit auffälligen Kindern und Kindern aus Risikogruppen gearbeitet wird, die psychotherapeutische Kompetenz und das psychotherapeutische Verständnis des Bezugssystems des Kindes im Team vorhanden sein muss.

Diesem Versorgungsangebot steht ein entsprechender Bedarf gegenüber. Gestützt auf mehrere Studien geht der ÖBVP davon aus, dass zwischen 70.000 und 80.000 Kinder und Jugendliche in Österreich Psychotherapie bräuchten. Schätzun- gen der WHO zufolge beträgt das Risiko für Kinder 20 bis 25 %, psychisch zu erkranken. In Österreich leben laut Statistik Austria ca. 1,7 Millionen Minderjährige. Demnach sind ca. 340.000 Kinder und Jugendliche gefährdet.

10 % der Kinder und Jugendlichen sind behandlungsbedürftig, dabei stützt sich der ÖBVP auf Bedarfsrechnungen des österreichischen Bundesinstituts für Gesundheit (ÖBIG), basierend auf Prävalenzeinschätzungen der Gesundheit Öster- reich GmbH. In diesen 10 % sind die Interventionen von angrenzenden Berufen wie Kinder- und Jugendpsychiatrie mit ent- halten. 5 % der Kinder und Jugendlichen brauchen psychotherapeutische Hilfestellungen, das sind in Österreich rund 85.000 Minderjährige. 2,1 % oder 35.700 Kinder und Jugendliche in Psychotherapie sind seit Jahren das erste Ausbauziel des ÖBVP. Diese Zahl geht auf frühere Schätzungen des ÖBIG als Untergrenze für motivierbare und behandlungsbedürfti- ge Patienten zurück.

Kolumne

Ein guter Ausbau braucht gute Rahmenbedingungen


Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesver-bandes für Psychotherapie (ÖBVP),

www.psychotherapie.at






Die psychische Gesundheit der Kinder berührt viele Themen, die Psychotherapeuten in Österreich aufgreifen und in Zusammenarbeit mit vielen Professionen gemeinsam bewältigen möchten. Die großen Themen der letzten Jah- re werden uns auch in Zukunft fordern. Terror und die Ängste der Erwachsenen belasten die Kinder zunehmend. Wir brauchen zudem Möglichkeiten, junge Migranten und Flüchtlinge verstärkt in die psychotherapeutische Ver- sorgung aufzunehmen. Gute Rahmenbedingungen und Strategien sind auch dort gefordert, wo Minderjährige ge- sellschaftlichen und familiären Konflikten sowie Armut ausgesetzt sind.

Die Nicht-Leistbarkeit von Behandlung trifft die Kinder doppelt. Seelische Leiden und Armut treten oft gemeinsam auf. Es ist bekannt, dass armutsgefährdete Kinder schlechtere Entwicklungschancen in schulischer und berufli- cher Ausbildung, in den familiären Beziehungen und Interaktionen, ebenso wie im Kontakt mit Gleichaltrigen ha- ben. Das emotionale, soziale und körperliche Befinden wird durch diese Belastungen stark beeinträchtigt. Nicht nur die Benachteiligung und Unterversorgung wird als traumatisch erlebt, auch die Ohnmacht der Eltern entmu- tigt die Kinder und hemmt die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls. Schon in der Kinderseele beginnt sich die „Armutsspirale“ aus Zeit- und Beziehungsarmut, Mangelerfahrungen, Antizipation negativer Attribution, Ängstlichkeit, Hilflosigkeit, geringem Selbstvertrauen, Rückzug und Verleugnung, Leistungsverlust in Schule und Ausbildung zu drehen. Oftmals bestehen keine Chancen, die Entwicklungsrückstände und -defizite aufzuholen. Die einschneidenden und belastenden Lebenserfahrungen werden somit zur existenziellen Lebenserfahrung und prägen oft das gesamte Leben eines Menschen.

Zu diesem Risiko kommt im derzeitigen Versorgungssystem noch der Ausschluss aus der Psychotherapie. Kran- ke Kinder werden kranke Erwachsene. Die psychisch kranken Kinder, die nicht behandelt werden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal die chronisch psychisch kranken Erwachsenen von morgen.

Versorgungsgrad zu niedrig

0,7 % oder 13.000 Minderjährige erhalten in Österreich Geld von den Krankenkassen für die Inanspruchnahme von Psy- chotherapie, entweder als Sachleistung oder als Zuschuss. Diese Zahl wird im 2016 veröffentlichten Kinder- und Jugend- gesundheitsbericht des GÖG/ÖBIG (Wien, Jänner 2016) genannt. Diese Zahlen basieren teilweise auf Erhebungen aus dem Jahr 2011.

Die Frage, wie viele Minderjährige in Österreich derzeit in psychotherapeutischer Behandlung sind, lässt sich zurzeit nicht befriedigend beantworten. Fazit ist, dass der Versorgungsgrad viel zu niedrig ist, selbst dann, wenn die Verbesserungen der letzten Jahre hinzugerechnet werden. Nur jedes fünfte Kind, das Psychotherapie braucht, erhält diese auch.

Betrachtet man die Finanzierung der Kinderpsychotherapien im Detail, fällt auf, dass von den 13.000 Minderjährigen rund die Hälfte Psychotherapie als vollfinanzierte Sachleistung erhält. Die andere Hälfte muss sich die Behandlung mehr oder weniger selbst zahlen, da die Gebietskrankenkassen lediglich einen Zuschuss in der Höhe von 21,80 gewähren und auf der anderen Seite die Ausgaben für Psychotherapie durch viele Sozialversicherungsträger kontingentiert werden und da- mit lange Wartezeiten entstehen.

Die Berichte der letzten Jahre von GÖG/ÖBIG, OECD oder der österreichischen Kinderliga zeigen schon lange die eklatan- te Kluft zwischen Versorgung und Bedarf auf. Tatsächlich wurde auf diese Entwicklung auch reagiert und die psychischen Leiden der Kleinen werden im Rahmen der Kindergesundheit zunehmend ernst genommen. In einigen Bundesländern und Sozialversicherungsanstalten gibt es deutliche Verbesserungen, die aber innerhalb des Systems von Versorgungsvereinen und kontingentierten Behandlungsplätzen gesucht wurden, um den im ASVG vorgesehenen Gesamtvertrag zu umgehen.


Ungleichbehandlung innerhalb Österreichs

Im Einzelfall heißt das aber, ein krankes Kind nicht zu behandeln, trotz Bedarf und bestehender Versicherung. Für betroffe- ne Familien heißt die Entscheidung, oft lange auf einen kassenfinanzierten Psychotherapieplatz zu warten oder selbst zu zahlen. Schwer hinzunehmen ist die Ungleichbehandlung der Kinder. Es macht einen großen Unterschied, in welchem Bundesland das Kind lebt. Der Wohnort und die Sozialversicherung der Eltern sind viel zu oft die bestimmenden Kriterien, ob das Kind eine leistbare adäquate Behandlung bekommt. Sind die Eltern selbstständig, dann können sie aufatmen, wenn Sie in Tirol leben. Hier gibt es für Versicherte bei der SVA keine Kontingentierung. Lebt das Kind in Kärnten, geht es leer aus, wohnen die Eltern in Niederösterreich oder Wien, dann kann es lange Wartezeiten geben. Bei den Gebietskran- kenkassen fallen die Unterschiede noch deutlicher aus. Ein und dieselbe Versicherung ermöglicht einem Kind, in einem Bundesland an einer Gruppenpsychotherapie teilzu-nehmen und übernimmt die Kosten ohne Selbstbehalt, dem Kind im anderen Bundesland nicht.

Wichtige Therapien werden somit auf die lange Bank geschoben, die Unmittelbarkeit zum Beispiel einer Weiterbehandlung nach einer stationären Behandlung ist nicht immer gewährleistet. Kinder, die aufgrund einer Angsterkrankung oder Depres- sion den Schulbesuch nicht schaffen, können aber nicht Monate auf eine Therapie warten.