Klinik & Karriere | Verband der leitenden Krankenhausärzte Österreichs

Patientensicherheit: Worauf es wirklich ankommt!

Nachhaltigkeit ist das zentrale Stichwort, wenn Projekte zur Patientensicherheit dauerhaft Nutzen für Mitarbeiter und Betroffene bringen sollen. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Wien wurden kürzlich Herausforderungen und Chancen diskutiert.

Patientensicherheit und Risikomanagement haben in den letzten Jahren einen großen Stellenwert im Gesundheitssystem und in den einzelnen Krankenanstal- ten erhalten. Die wachsenden Antibiotikaresistenzen tragen ebenso bei wie das Ansteigen von nosokomialen Infektionen (NI).

Schon der Bakteriologe Alexander Flemming betonte in seiner Rede bei der Übernahme des Nobelpreises, den er 1945 für die Entdeckung des Antibioti- kums Penicillin erhielt, dass es bei einer Überbeanspruchung von Antibiotika zu Resistenzen kommen wird. „Heute steht das Thema daher in der Forschung weit oben und auch unter dem Aspekt der Patientensicherheit werden Strategien zum Antibiotic Stewardship (ABS) im Krankenhaus immer wichtiger“, betont Prim. Univ.-Doz. Dr. Otto Traindl, Präsident des Verbands Leitender Krankenhausärzte (VLKÖ) in Österreich.

Roland Pfleger, Geschäftsführer von Becton Dickinson, Veranstalter des Fach- symposiums „Patientensicherheit“, das in Kooperation mit dem VLKÖ und der Gesellschaft der Ärzte kürzlich in Wien stattgefunden hat, stellt dazu fest: „Die Debatte um Patientensicherheit ist nicht allein eine medizinische, sondern auch eine politische und wir alle profitieren als Patienten davon.“ Dass hinter dem The- ma weit mehr als nur Antibiotikaresistenzen und Händehygiene steckt, zeigt schon das umfassende Programm des Symposiums: Der Themenbogen spannte sich von der Diagnose und Prävention in der Infektiologie über die Herausforde- rungen bei immunsupprimierten Patienten bis hin zum Stellenwert der klinischen Infektiologie im Krankenhaus.


Einheitliche Hygienestandards

Für maximale Sicherheit plädierte Univ.-Prof. Dr. Cornelia Lass-Flörl, Direktorin der Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Uni- versität Innsbruck, mit dem Ziel, betroffene Patienten bestmöglich zu behandeln und die Übertragung auf andere Patienten zu vermeiden. Dazu fehlt aber in Ös- terreich ein einheitliches Konzept: „Ein ‚Hygienepass‘ würde sich gut eignen, ein- heitliche Hygienestandards und Minimalanforderungen an die Hygiene öster- reichweit zu vereinheitlichen“, schlägt die Expertin vor.

Univ.-Prof. Dr. Heinz Burgmann von der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien bestätigt, dass nosokomia- le Infektionen zu einem der häufigsten Schadensereignisse in heimischen Kran- kenhäusern zählen und eine Trendumkehr nicht zu erwarten ist. „In Zukunft wird aufgrund des demografischen Wandels sowie der zunehmend komplexer wer- denden Therapieverfahren das Thema noch umfassender werden.“

Umfassende Schulungen der Ärzteschaft sowie die sachliche und medial attrak- tiv aufbereitete Information der Bevölkerung über die Wirkungsweise von Antibio- tika und allgemeine Grundsätze von Infektionen hält Univ.-Prof. Dr. Ojan Assadi- an, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, für eine wichtige Strategie, um NI und Resistenzen den Kampf anzusagen. Ein wich- tiges Dokument, der Nationale Aktionsplan zur Vermeidung von Antibiotikaresis- tenzen (NAP-AMR), beinhaltet bereits die erforderlichen Maßnahmen. „Jetzt müs- sen daraus messbare Ziele formuliert und ihre Einhaltung muss kontrolliert wer- den“, konstatiert der Experte. Dazu ist auch die Unterstützung von Hygiene- teams in Spitälern ein wichtiges Instrument sowie die Veröffentlichung von Qualitätsdaten.

In diese Kerbe schlägt auch Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer, interimistischer Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin an der Univer- sitätsklinik für Innere Medizin der MedUni Wien. „Der Benefit durch das Beizie- hen erfahrener klinischer Infektiologen ist für die Patienten und die Krankenhaus- träger mittlerweile gut durch Studien belegt“, so Thalhammer und weiter: „Wir brauchen eine adäquate Verordnung von Antiinfektiva. Das beginnt bei der Indi- kationsstellung und Auswahl und reicht bis zu Therapie oder Verordnungskom- petenz“, ist Thalhammer überzeugt. Nur so kann nach Meinung des Experten der Verlust therapeutischer Optionen vermieden werden und Antiinfektiva als kurative Medikamente erhalten bleiben.


Steigende Komplexität

Priv.-Doz. Mag. Dr. Gerald Sendlhofer, Leiter der Stabsstelle Qualitätsmanage- ment & Risikomanagement am LKH-Univ.-Klinikum Graz, ortet seit der Jahrtau- sendwende eine rasante Zunahme an Publikationen zum Thema „Patientensi- cherheit“, nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Komplexität des Themas. „Spi- täler sind Organisationen mit hoch motivierten Experten, aber auch einer großen Produkt- und Kundenvielfalt, bei hoher Kommunikationsdichte und geringer Stan- dardisierung der Leistung“, fasst Sendlhofer zusammen. Trotz aller Bemühungen in den Krankenanstalten ortet er massive Lücken, wenn es um die nachhaltige Umsetzung von Strategien zur Patientensicherheit geht.

Dass Projekte ins Leben zu rufen nicht ausreicht, um die Sicherheit in einem Krankenhaus in den Alltag zu integrieren, weiß auch Dr. Brigitte Ettl, Ärztliche Di- rektorin im Krankenhaus Hietzing und Präsidentin der Plattform Patientensicher- heit. „Dranbleiben heißt die Devise“, betont sie. „Mitarbeiter müssen motiviert werden, Hygiene als Sicherheitsthema ernst zu nehmen und einen verantwor- tungsvollen Einsatz von Antibiotika zu praktizieren“, so Ettl. Dazu erfordert es vonseiten des Gesundheitspersonals, Patienten und Angehörige in einfacher, verständlicher Sprache zu informieren und aufzuklären, aber auch die Menschen wieder als „Ganzes“ zu sehen: „Wir haben eine hohe Spezialisierung im Kran- kenhaus erreicht, da geht manchmal der Blick für große Zusammenhänge verlo- ren.“ Auch Univ.-Prof. Dr. Klaus Markstaller, Vorstand der Universitätsklinik für An- ästhesiologie, allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie an der MedUni Wien, schlägt in die gleiche Kerbe: „Spezialisierung ist wichtig für die fachliche Kompetenz, aber Patientenverantwortung muss im Gesamtzusammenhang ge- sehen werden, zum Beispiel im Zusammenhang mit transparenten Qualitätsda- ten.“ Die Wiener Patienten- und Pflegeanwältin Dr. Sigrid Pilz fokussiert naturge- mäß den Patienten und warnt vor dessen Überforderung. „Wir können nicht er- warten, dass der Patient den Arzt auf Fehler hinweist, da muss es schon andere Instrumente geben“, so Pilz.


Kulturwandel erforderlich

Die Kultur der Offenlegung hat in Österreich noch einen langen Weg vor sich. „Für das Erheben, Auswerten und Publizieren von Daten gibt es im Spital keine Lobby und keine Abteilung, daher sind gerade im Bereich der Infektionen viele Maßnahmen punktuell vorhanden, aber nicht in die Fläche zu bringen“, weiß auch Traindl und wünscht sich zumindest mehr infektionsbeauftragte Ärzte, denn um die Prävention und die Therapie von Infektionskrankheiten in Spitälern zu ver- bessern, braucht es ein breites Bündel an Maßnahmen: von der Keimstatistik bis zum interdisziplinären Spezialisten. „Wir benötigen Awareness, dass die Maßnah- men auch kosteneffektiv sind. Ein Schwerpunkt in der Prävention und mehr Au- genmerk in der korrekten Therapie sind die zentralen Hebel“, ist Traindl über- zeugt. Dass es dazu neben den ökonomischen Kennzahlen in einer Gesund- heitseinrichtung auch valide Daten zur Patientensicherheit braucht, liegt auf der Hand.

Das Fehlen einer ausgeprägten Qualitäts- und Fehlerkultur betont auch Eva-Ma- ria Kernstock, MPH, Geschäftsbereichsleiterin am Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG). „Wir arbeiten nicht ausreichend multiprofessionell und nutzen daher auch die vorhandenen Ressourcen zu wenig. Das ausgepräg- te Spezialistentum stellt das Fach und nicht den Patienten in den Mittelpunkt“, ist Kernstock überzeugt und wünscht sich Kennzahlen, die so publiziert werden müssen, dass sie auch für Patienten verständlich sind. „Wir haben viele Grundla- gen entwickelt, jetzt müssen sie in der Praxis auch umgesetzt werden, zum Bei- spiel ein minimaler verpflichtender Datensatz zur Erhebung von nosokomialen Infektionen“, so die Expertin. rh  

„Unter dem Aspekt der Patientensicherheit werden Strategien zum Antibiotic Stewardship im Krankenhaus immer wichtiger.“ Prim. Univ.Doz. Dr. Otto Traindl, Präsident des VLKÖ


Foto: ZVG, Fotolia/ hin255