Investments | Zinstief

Foto: Fachverband Finanzdienstleister, Andrew Hovie

Raus aus dem Zinstief

In Niedrigzinszeiten eine attraktive Rendite bei der Vermögensanlage zu erzielen, bleibt eine echte Herausforderung. Eine vielversprechende Alternative abseits der noch boomenden Immobilien können durchaus Aktien sein.

„Aktienfonds eignen sich als langfristige Anlageprodukte, bei denen der Zeitpunkt des Einstiegs gar keinen allzu großen Stel- lenwert hat.“


Hannes Dolzer, Obmann der Fachverbands Finanzdienstleis- ter



Spareinlagen bringen – wenn überhaupt – Zinsen in homöopathischer Dosis, die Renditen von Staatsanleihen sind im Tief, Lebensversicherungen lohnen sich nicht mehr und das vielzitierte „Betongold“ ist nicht für jedermann die beste Lösung. Was bleibt überhaupt noch übrig für den kleinen Anleger, um das Vermögen zu vermehren beziehungsweise für das Alter vorzusorgen? Aktien, sagen Finanzexperten. Dass die Österreicher nicht gern in Aktien investieren, ist schon lange be- kannt. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden: Womöglich sind es die Unsicherheit und das Verlustrisiko, die die Anleger mit Aktiengeschäften verbinden.

Zu Unrecht wie Studien zeigen. Wer Ende Juni 2007 unmittelbar vor dem Ausbruch der Finanzkrise Aktienfonds gekauft hat, ist heute mit ziemlicher Sicherheit deutlich im Plus. Die kräftigen Kursverluste im weltweiten Börsencrash 2008/2009 wurden längst mehr als wettgemacht. Ein durchschnittlicher weltweit gestreuter Aktienmix hat in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 51 Prozent Gewinn erzielt, wie eine Analyse des Finanzjournalistenforums in Zusammenarbeit mit dem Fachverband der Finanzdienstleister zeigt. Es wurde untersucht, wie sich 10.000 Euro, die Ende Juni 2007 an der Börse investiert wurden, entwickelt haben – im Rückblick zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, unmittelbar vor dem Höhe- punkt einer spektakulären Kursrallye, die im Juli 2007 den Höchststand erreichte. Danach folgte die größte Finanzkrise der vergangenen 80 Jahre. Der Weltaktienindex MSCI World fiel bis März 2009 um 59 Prozent, der österreichische ATX sogar um 72 Prozent.

Heute sind fast alle Anleger, die vor zehn Jahren Aktien gekauft haben, im Plus – die meisten sogar deutlich. Wer zum Beispiel Ende Juni 2007 den Betrag von 10.000 Euro in einen Weltaktienfonds investierte, hat den Ein- satz bis heute auf durchschnittlich 15.110 Euro vor Steuern vermehrt. Das entspricht einer durchschnittlichen Jahresrendite von 4,2 Prozent.

„Aktienfonds eignen sich als langfristige Anlageprodukte, bei denen der Zeitpunkt des Einstiegs gar keinen allzu großen Stellenwert hat. Das Timing ist bei langfristigen Investments weniger relevant als allgemein angenom- men wird“, erklärt Hannes Dolzer, Obmann des Fachverbands Finanz- dienstleister. Ertragserwartungen von vier bis sechs Prozent, die viele Anle- ger haben, seien mit risikoärmeren Anlageformen unter den derzeitigen Bedingungen gar nicht möglich.

„Hier sind Berater gefragt, die bei der Auswahl von Produkten mit langfris- tig intakten Ertragschancen Unterstützung geben können.“ Es muss dabei immer betont werden, dass Investments in Aktienfonds natürlich einem ge- wissen Risiko unterliegen. Es wäre aber falsch zu glauben, dass etwa Anla- gen, die bisher als sicher galten – wie etwa Staatsanleihen oder Anleihen großer Banken –, keinen Risiken unterliegen, so Dolzer.


Zeitpunkt ist jetzt

Laut Zahlen des deutschen Fondsverbandes BVI lagen die durch- schnittlichen Renditen von Sparplänen zwischen 2007 und 2017 in aller Regel sogar über den Erträgen von Einmalinvestments. So hat ein Anleger, der im Frühjahr 2007 begann, regelmäßig Anteile von Weltaktienfonds zu kaufen, nach zehn Jahren eine durchschnittliche Rendite von 7,7 Prozent pro Jahr erzielt. Sparpläne mit Europaaktien- fonds warfen im Schnitt 6,4 Prozent pro Jahr ab. Eine wesentliche Ur- sache dieser hohen Renditen ist, dass Sparplan-Anleger auch in der Börsenkrise regelmäßig investierten und im Rückblick genau mit diesen Raten die höchsten Erträge erzielten.

Martin Kwauka, Initiator des Finanzjournalistenforums: „Weil Sparpläne gerade in der Anfangsphase ziemlich widerstandsfähig gegen Kurseinbrüche sind, eignen sie sich besonders gut für Anleger, die sich bisher nur auf konservative Veranlagungen beschränkt haben und die Minizinsen leid sind. Für alle, die mit einem Sparplan den er- sten Schritt an die Börse setzen wollen, gilt ganz besonders: Der richtige Zeitpunkt für eine ertragreichere Geldanlage ist jetzt.“

Ein großes Thema bleibt das fehlende Wissen über die Börse. Kapitalmarktexperte Herbert Samhaber, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister Oberösterreich: „Aus Unwissenheit entsteht Unsicherheit. Um die Attraktivität von Aktien beziehungsweise Aktienfonds zu steigern, ist Information der essenzielle Schlüssel.“ Dabei, so Samhaber, gäbe es viele Möglichkeiten, das Risiko zu beschränken und die eigene Emotion „in Ketten zu leg- en“. Gerade bei Aktien oder Aktienfonds erhöhe eine laufende Investition mit kleinen Beträgen die Sicherheit (Stichwort Cost Average Effect). „Sparpläne stellen somit gerade für Kleinanleger eine gute Variante dar, um langfristig mit kleinen Beträgen merkbar von Wertpa- pierveranlagungen profitieren zu können“, sagt Samhaber.

Vermögensberater Eric Samuiloff, Obmann der Fach- gruppe Finanzdienstleister Wien: „Wie bei Einmalinvest- ments ist es auch für Ansparprodukte notwendig, die richtige Auswahl zu treffen. Der Cost-Average-Effekt alleine macht nicht glücklich, es muss auch in einen guten Mix von Anlageklassen investiert werden.“ Niemand könne heute sagen, wie die kommenden Jahre verlaufen werden. Samuiloff: „Unterschiedliche Wirtschaftszyklen, Währungsschwankungen und politische Rahmenbedin- gungen erfordern aktives Management. Ich empfehle Portfolios von weltweit investierenden Asset-Managern.“

Finanzexperten empfehlen auch gerne dividendenstarke Aktien von Unternehmen mit einem Erfolg versprechen- den Geschäftsmodell. Denn sollte es an den Aktienmärk- ten einmal abwärts gehen, geraten solche Papiere weniger unter die Räder als Papiere von Unternehmen, die gar keine oder nur eine sehr geringe Dividende in Aussicht stellen. 

„Wie bei Ein- malinvest- ments ist es auch für An- sparprodukte notwendig, die richtige Aus- wahl zu tref- fen.“


Eric Samuiloff, Ob- mann der Fachgrup- pe Finanzdienstleis- ter Wien