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Hilflos ausgeliefert

Ärzte sehen sich mitunter mit psychischen Problemen ihrer Patienten konfrontiert, die aus einer Mobbing-Situation resultieren, und sollen darauf entsprechend reagieren. Doch auch selbst werden Ärzte immer wieder zu Mobbing-Opfern – wie Menschen in jedem anderen Beruf.


Eva Pichler, Selbsthilfegruppe Mobbing & psychosozialer Stress am Arbeitsplatz

Der Mobbingprozess laut Prof. Heinz Leymann

„Mobbing ist langfristiger Psychoterror am Arbeitsplatz mit dem Ziel, den Betroffenen zu schädigen und aus dem Arbeitsbereich zu drängen“, lautet eine Definition eines Phänomens, das immer häufiger thematisiert wird. „Mobbing ist in jedem Fall eine Form psychischer Gewalt, die vom Betroffenen als Trauma erlebt wird, welches schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann“, beschreibt der Fonds Gesundes Leben in seinem Mobbingleitfaden zur Prävention und Intervention, welche Tragweite Mobbing haben kann.
„Mobbing als Ursache von Krankheiten wurde inzwischen in die Lehrbücher der Psychotraumatologie aufgenommen; dies gilt aber noch nicht für die allgemeine medizinische Diagnostik – mit fatalen Folgen für Mobbingopfer bei Begutachtung und Therapie“, gibt Argeo Bämayr, Neurologe und Psychotherapeut in Coburg mit Schwerpunkt auf Mobbingopfern, zu denken.

Unzureichende Reaktionen

„Das ‚besondere’ Problem bei Mobbing und Ärzten ist, dass leider viele Ärzte und auch Therapeuten das geschilderte Mobbing nicht ernst nehmen, den Patienten als ‚sensibel, nicht belastbar, alles auf sich beziehend oder leicht paranoid’ hinstellen und dass es – mangels Wahrnehmungsfähigkeit – in einer schweren systematischen psychischen Gewaltsituation (Mobbing) zu Befindensverschlechterungen kommt“, schildert Eva Pichler von der Selbsthilfegruppe Mobbing in Graz, selbst Mobbing-Opfer, die Problematik in einer Arzt-Patienten-Situation. Dabei bräuchten Ärzte grundsätzlich keine Symptome erkennen können, sondern nur zuhören, denn „Mobbingopfer schildern sehr genau, unter welcher extremen Belastung sie stehen“, ergänzt Pichler. Bedauerlicherweise kommt es unter Ärzten nach wie vor sehr häufig vor, dass Mobbing nicht als Krankheitsursache anerkannt wird, „der Patient wird wiederum als sensibel, nicht belastbar, alles auf sich beziehend, als jemand, dem die Arbeit zu viel geworden ist“ bezeichnet. Statt der adäquaten Hilfe erhält der Patient eine neuerliche Stigmatisierung mit „Schwäche“. „Diese Form der Retraumatisierung kommt erfahrungsgemäß bei 80 bis 90 % aller Kontakte vor und ist oft Ursache für massive Befindensverschlechterung – bis zum Suizid“, beklagt Pichler. Bämayr hat diesen Missstand bereits 2001 in seinem Artikel „Hilflose Helfer in Diagnostik und Psychotherapie“ im deutschen Ärzteblatt angeprangert. „Mobbingbedingte Erkrankungen verstecken sich hinter unzähligen Syndromdiagnosen, wie zum Beispiel Insomnie, Angsterkrankung, Depression, Persönlichkeitsstörung, Anpassungsstörung, Paranoia, psychovegetatives Syndrom, posttraumatische Belastungsstörung und so weiter. Unabhängig von der Richtigkeit dieser Diagnosen fehlt die entscheidende Ursachenbenennung ‚Mobbing‘“, sagt Bämayr. „Selbst Psychotherapeuten, sofern sie nicht in der Psychotraumatologie erfahren sind, neigen zur indirekten Opferbeschuldigung, indem sie ihr Neurosen-Know-how Psychotraumatisierten überstülpen und in der Entwicklungsanamnese nach Ursachen beim Patienten für das Mobbing suchen oder der Frage nachgehen, warum der Patient das Mobbing nicht verhindern kann.“
Die einzig richtige Lösung wäre, dem Patienten einen psychoterrorfreien Raum zu geben, indem er krankgeschrieben wird. Pichler fügt hinzu: „Immens wichtig ist die ausführliche Befundung. In der Anamnese ist die Arbeitssituation genau aufzunehmen, ebenso die Beschwerdeverschlechterung in zeitlichem Bezug mit den Vorfällen in der Firma.“ Diese dürfte zwar vom Arzt erfolgen, wird aber in der Regel nicht gemacht. Da es im ICD-10-Code keine Diagnose für Mobbingopfer gibt, kommt es häufig zu Fehldiagnosen. Eine dokumentierte Befundung könnte den Mobbingprozess durch Vorlage im Unternehmen wenigstens unterbrechen.

Gemobbte Ärzte

Schon auf der Suche nach einschlägiger Literatur – oder gar betroffenen Informanten – zum Thema gemobbter Ärzte bzw. Mobbing im Krankenhaus wird schnell deutlich, dass dieses Thema nicht gerne diskutiert, wenn nicht sogar tabuisiert wird. Mobbing kommt jedoch überall vor, besonders gerne dort, wo hierarchische Strukturen stark ausgeprägt sind. Als äußerst mobbinggefährdet gelten beispielsweise Ämter, Behörden, Sozialversicherungen, Magistrate, aber natürlich auch Kliniken. Gerade dort, wo herausragende Leistung auf wenig Kompetenz in Personalführung trifft, sind demnach Mobbing-Konflikte vorprogrammiert.
Die Ursache für Mobbing liegt meist im Mobber selbst begründet, der oft eine sehr unsichere Person ist, die sich gegenüber dem Mobbingopfer defizitär fühlt. Im Allgemeinen werden als häufigste Ursachen Angst vor dem Jobverlust, Angst vor Ansehensverlust, Konkurrenzdruck genannt – Denunzierung ist das Mittel zum Zweck. Personalabbau oder Sparpläne des Arbeitgebers fördern das Mobbingklima und die Weigerung von Korruption macht ebenfalls manche zu Opfern.

Irrtum ausgeschlossen?

Bärmayr beschreibt Mobbingfälle folgendermaßen: „Mobbing liegt vor, wenn im Rahmen einer Täter-Opfer-Konstellation innerhalb einer sozialen Gemeinschaft oder einem Abhängigkeitsverhältnis Täter mittels einer individuell praktizierten psychischen und/oder körperlichen Gewalt systematisch und willkürlich die Persönlichkeitsrechte eines Opfers so verletzen, dass das Opfer, psychosozial destabilisiert, einen zunehmenden gesundheitlichen und sozialen Schaden erleidet.“ Mobbing gleicht demnach laut Pichler Stalking: Es ist eine beharrliche Verfolgung im Dienst und das Ziel ist der Ausstoß aus dem System. Als Anzeichen gelten etwa Kommunikationseinstellung, Vorenthalten von Informationen, Benachteiligung bei Dienstplänen, vermehrte Forderung Einsatzbereitschaft/Rufdienst, üble Nachrede, Rufmord, Unterschieben von konstruierten Fehlern und Bloßstellung vor anderen und der Führung, Ausgrenzung, Ignorieren, Lächerlichmachen etc.
„Bei Mobbing liegt immer eine Täter-Opfer-Konstellation vor“, räumt Pichler ein. „Ist diese nicht gegeben, handelt es sich nicht um Mobbing.“ Konflikte sind kein Mobbing, denn Mobbing ist Psychoterror; ebenso sind ein allgemein schlechtes Betriebsklima, cholerische Chefs, Getratsche unter Kollegen nicht misszuverstehen. Auch Übergangenwerden bei Bewerbungen oder Kritik durch Vorgesetzte ist kein Mobbing, wenn es allerdings systematisch betrieben wird, immer gegen dieselbe Person geht und ein Ausstoß aus dem System das Ziel ist, dann kann dieses Verhalten zu Mobbing werden.

Nebenwirkungen inklusive

Die möglichen Folgen von Mobbing haben es in sich: körperliche und psychische Schäden wie Nervosität, Kopfschmerzen, Gastritis, Ängste, bis hin zu schwersten Depressionen und posttraumatischen Störungen, berufliche Schädigung sowie Schädigung des Arbeitsgebers in Form eines gestörten Betriebsklimas, sinkender Produktivität oder Ausfall qualifizierter Arbeitskräfte.
Bämayr lässt mit Zahlen aufhorchen: Jeder fünfte Suizid geht auf Mobbing zurück, meint der Experte. Einen gesetzlichen Schutz gegen Mobbing gibt es in Österreich trotzdem keinen. Pichler kreidet der heimischen Gesetzgebung an, dass zwar der Diebstahl eines Lippenstiftes strafrechtlich verfolgt wird, aber Mobbing, das immerhin Menschen in den Suizid treiben kann, nicht. Um möglichst rasch aus der Mobbingspirale auszubrechen, raten Experten dazu sich jemandem anzuvertrauen. Damit haben insbesondere Männer häufig Probleme, da sie die Situation als persönliche Schwäche missinterpretieren.
Dennoch wären die wichtigsten Schritte, im Idealfall einen Arzt oder Psychologen ins Vertrauen zu ziehen, sich unterstützen zu lassen, in Krankenstand zu gehen und in der Auszeit langsam weitere Schritte zu planen. Im Fall des Falles kann es auch helfen, einen anderen Arzt oder eine Selbsthilfegruppe zu kontaktieren. Pichler empfiehlt zudem eine zusätzliche anwaltliche Beratung. MOBnet, das Netzwerk gegen Mobbing im Gesundheitswesen und Sozialbereich, basiert auf einem Kooperationsabkommen zwischen dem Wiener Krankenanstaltenverbund und der Ärztekammer für Wien. Unter der Leitung von Dr. Susanne Hanzl werden Betroffenen Beratungsgespräche, therapeutische Hilfe und Coachings angeboten. Über die Wiener Ärztekammer können Ombudsfrau Dr. Brigitte Schmidl-Mohl oder ihr Stellvertreter Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek als Ansprechpartner für Mobbingfälle im Spitalswesen kontaktiert werden.                               bw

Daten & Fakten

  • Jeder fünfte Suizid geht auf Mobbing zurück.
  • 80 % aller Kontakte von Mobbingopfern seit 11/2012 betreffen den öffentlichen Dienst und staatsnahe Unternehmen.
  • 95 % aller Mobbingopfer äußern Suizidgedanken bei der ersten Kontaktaufnahme.
  • Zur Rechtslage siehe auch MinR RegR Mag. Manfred HOZA, Wirksamer Schutz gegen Mobbing und Diskriminierung, http://manfred-hoza.jimdo.com/artikel/

Quelle: Selbsthilfegruppe Mobbing & psychosozialer Stress am Arbeitsplatz, www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at

Laut Ergebnissen der Working Condition Survey (EWCS) aus dem Jahr 2010 liegt die Mobbingrate in Österreich mit 7,2 Prozent drastisch über jener der Europäischen Union (4,1 Prozent).
Quelle: derStandard.at

 

 


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