PHARMAZIE | Investments

Übernahmen & Fusionen

FotoS: adobe stock/ Nuthawut, ZVG

Käufe und Zusammenschlüsse sind für Pharmaunterneh- men ein probates Mittel

gegen auslaufende Patente, Kostendruck und zunehmen- de Konkurrenz durch

billige Nachahmerprodukte.

Zu den erfolgreichen Transaktionen seit der Jahrtausendwende zählen etwa die Komplett- übernahme von Genentech um 46,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2009 durch Roche, die dadurch zum führenden Biotech-Unternehmen avancierte, oder die Akquisition von Gen- zyme um 18,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 durch Sanofi, die damit ihre Position im lukrativen Markt der seltenen Krankheiten stärkte, oder von Pharmasset um 11,2 Milliarden US-Dollar 2011 durch Gilead, die sich dadurch mit einem Schlag die Führerschaft für He- patitis C sicherte. Die größte Pharma-Übernahme in Europa seit der Sanofi-Aventis Fusion war 2017 der Kauf der Schweizer Actelion, die auf Medikamente zur Behandlung von le- bensbedrohlichem Bluthochdruck im Lungenkreislauf spezialisiert ist, durch Johnson & Johnson um 30 Milliarden US-Dollar. Die Übernahme kam erst im zweiten Anlauf zustande: Nach einer ersten Verhandlungsrunde ohne Einigung tauchte die französische Sanofi als Interessent auf, die letztlich aber den Kürzeren zog.


Onkologie im Fokus

Im Vorjahr hat sich das Volumen der M&A-Deals gegenüber 2017 von rund 75 Milliarden

US-Dollar auf rund 144 Milliarden nahezu verdoppelt. Davon entfallen 62 Milliarden auf die Übernahme der britischen Shire durch die japanische Takeda. Im ersten Halbjahr 2019 wurde mit 174 Milliarden US-Dollar das Gesamtvolumen des Vorjahres bereits übertroffen. Dabei geht es um zwei Megadeals: Der US-Konzern Bristol-Myers Squibb übernimmt Konkurrenten Celgene für 74 Milliarden US-Dollar und wird damit zum Gigan- ten im Onkologie-Geschäft. Der US-Konzern AbbVie blättert 63 Milliarden US-Dollar für den Botox-Hersteller Allergan hin, eine Maßnahme, um dem Patentablauf ihres Medikaments Humira zur Behandlung von entzündlichen Krankheiten wie rheumatoide Arthritis oder Psoriasis Arthritis entgegenzuwirken.

Im Fokus der mittelgroßen Übernahmen steht der Bereich Onkologie, dem größten und am schnellsten wachsenden Forschungsgebiet: Pfizer hat sich mit Array Biopharma einen BRAF/MEK-Hemmer zur Behandlung von metastasierendem Darmkrebs, der dritthäufigsten Krebsart bei Männern und Frauen, um 11,4 Milliarden US-Dollar eingekauft. GlaxoSmithKline will mit der Übernahme von Tesaro um 5,1 Milliarden US-Dollar ebenso ihre Onkologiesparte stärken wie Ely Lilly mit dem Krebsspezialisten Loxo Oncology um acht Milliarden US-Dollar.

Auch die jüngsten Erfolge in der Gentherapie basieren großteils auf rechtzeitigem Zukauf: Gilead verschaffte sich durch ihre Akquisition von Kite Pharmaceuticals um 1,9 Milliarden US-Dollar den Zugang zur so genannten CAR-T-Zelltherapie (CAR=Chimäre Antigen-Rezeptoren), bei der T- Zellen aus dem Blut des Patienten gewonnen, genetisch zu aggressiven Tumorkillern umprogrammiert und wieder reinfundiert werden. Dank Kite lancierte Gilead das Medikament Yescarta zur Behandlung verschiedener Formen von Leukämie (Non-Hodgkin-Lymphom). Celgene übernahm für neun Milliarden US-Dollar Juno Therapeutics, einen Pionier in der Entwicklung von CAR-T-Zelltherapien mit einem breiten Portfolio, das meh- rere Targets und Krebsindikationen untersucht.


Innovationszwang hält M&A am Laufen

Eine wichtige Rolle spielen Gentherapien auch bei Seltenen Erkrankungen, so genannten Orphan Diseases, die eine kleine Anzahl von Patienten (in Europa fünf von 10.000) adressieren und durch einen Gendefekt ausgelöst sind – wie zum Beispiel Spinaler Muskelatrophie (SMA). Sie löst unbehandelt bei Kleinkindern durch rückgebildete Nervenzellen einen Muskelschwund aus und führt damit zu frühem Tod. Vergangenen Mai hat die US-Gesundheitsbehörde FDA Novartis die Zulassung für ihre Arznei Zolgensma erteilt, die aus ihrer Akquisition von Avexis um 8,7 Milliarden US-Dollar resultiert. Mit 2,1 Millionen US-Dollar für eine Einmaldosis ist Zolgensma das teuerste jemals lancierte Medikament. Eine andere viel- versprechende gentherapeutische Einmalbehandlung ist Luxturna zur Behandlung frühkindlicher Erblindung von Spark Therapeutics, die außer- halb der USA von Novartis vermarktet wird und 850.000 US-Dollar kostet. Roche rittert gerade um Spark Therapeutics zum Übernahmepreis von 4,3 Milliarden US-Dollar. Das Start-up-Unternehmen mit gerade einmal 65 Millionen US-Dollar Jahresumsatz zählt zu den bedeutendsten Genthe- rapie-Pionieren und arbeitet an einer Studie von Hämophilie A in fortgeschrittener Phase. Zudem hat sie interessante Assets im Bereich Neurolo- gie in ihrer Pipeline. Roche würde mit einem Schlag vom Nachzügler zu einem führenden Unternehmen in der Gentherapie avancieren.

Fazit: Der ständige Innovationszwang in der Pharmabranche hält M&A-Transaktionen auch in Zukunft am Laufen.



emb