MEDIZIN | Expertenrunde

Eisenmangel erkennen

und vorbeugen

Über Diagnose und Therapie von Eisenmangel diskutierten Dr. Nagh- me Kamaleyan-Schmied, Moderator Franz Bittner, Univ.-Prof. DDr. He- lena Schmidt, Prim. Univ.-Prof. Dr. Felix Keil und Dr. Nadine Tröndle.

Fotos: Martin Zorn

Blasse Haut, ständig müde, schlechter Schlaf und rissige Haut – diese Symptome sind häufig bei Eisenmangel und nicht immer mit oralen Präparaten in den Griff zu bekom- men. Eine Expertenrunde widmete sich bei einem Round Table dem Thema und war sich einig, dass nicht immer die naheliegenden Diagnosen die richtigen sind.

Univ.-Prof. DDr. Helena Schmidt ist Medizinerin und Molekularbiolo- gin und kennt die Leidensgeschichte vieler Betroffenen auch aus ei- gener Erfahrung. „Ich habe mich lange Zeit vegetarisch ernährt und habe nach ein paar Jahren festgestellt, dass ich kaum noch belast- bar war.“ Die typischen Symptome eines Eisenmangels wie starke Müdigkeit oder rissige und blasse Haut wurden nach einem grippa- len Infekt klinisch relevant. „Ich hatte Herzstechen und Atemnot so- wie chronische Kopfschmerzen und extremes Kältezittern“, erinnert sich Schmidt. Untersuchungen der Schilddrüse sowie Laborbefunde ergaben keinen Hinweis auf eine Anämie und die Patientin wurde mit der Diagnose „Hashimoto“ – einer dauerhaften Entzündung der Schilddrüse – entlassen, wobei auch psychische Ursachen sowie eine Zöliakie nicht ausgeschlossen wurden.

Die Molekularbiologin gab sich damit aber längst nicht zufrieden: „Aufgrund der ausgeprägten Muskel- schwäche und der Herzbeschwerden war ich überzeugt, dass der Energiestoffwechsel aus dem Lot sein musste.“ Anstelle des verordneten Antidepressivums entschied sich die Expertin dafür Eisen zu substituieren und erkannte bald, dass sich die unspezifischen Symptome besserten. „Eisenmangel ist angewandte Biochemie“, bekräftigt die Expertin, denn: „Wenn man weiß, bei welchen Körpervorgän- gen Eisen eine Rolle spielt, dann kann man ganz rasch die meisten Symptome wie die latente Hypothy- reose oder die Muskelschwäche bis hin zum Herzstechen sehr einfach erklären.“ Gut für Schmidt, dass sie als Ärztin und Molekularbiologin im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen genau diesen Zugang hat. Dennoch hat sie erlebt, dass das Misstrauen der behandelnden Ärzte ihr auch psychisch zusetzte: „Das Schlimmste war, dass meine körperlichen Beschwerden keiner ernst nehmen wollte und dahinter immer eine psychische Ursache vermutet wurde.“


70.000 Betroffene allein in Wien

Die mangelnde Wahrnehmung der biologischen Ursachen hat den Leidensweg von Helena Schmidt enorm verlängert. Das ist durchaus kein Einzelfall, wie die Wiener Allgemeinmedizinerin Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied aus Erfahrung weiß: „Patienten berichten mir häufig, dass ihre Beschwerden oft sehr rasch auf psychische Ursachen zurückgeführt werden. Hashimoto ist aktuell eine Modediagnose und nicht selten liegt einer Hypothyreose ein Eisenmangel zugrunde.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Felix Keil, Hanusch Krankenhaus, geht davon aus, dass etwa 70.000 Patienten al- lein in Wien an Eisenmangel leiden, vornehmlich Frauen und Jugendliche. Ältere Patienten haben die Schwierigkeit, das vorhandene Eisen zu absorbieren. „Von den rund 70.000 Betroffenen haben etwa 7.000 eine maligne Bluterkrankung“, sagt Keil.

Jährlich kommen etwa 700 Neuerkrankungen dazu. Patienten mit einem diagnostizierten Eisenmangel werden meist von Allgemeinmedizinern sehr gut betreut. Liegen Hinweise auf andere Bluterkrankun- gen vor, so werden sie häufig zum Hämatologen im intramuralen Setting – mangels niedergelassener Fachärzte in diesem Bereich – weitergeleitet, dort diagnostiziert und therapiert.

„Der Großteil der Patienten mit einem klassischen Eisenmangel ist beim Hausarzt in guten Händen. Gibt es darüber hinaus Fragen oder unklare Befunde, so arbeiten wir in einem sehr guten Netzwerkver- bund und die niedergelassenen Praktiker wissen, dass sie uns diese Fälle jederzeit schicken können“, betont Keil.


Ursachen und Diagnose von Eisenmangel

Eisen wird nur zu einem Bruchteil aus der Nahrung vom Körper aufgenommen. Manche Nahrungsmittel hemmen die Eisenaufnahme, Vitamin C verbessert sie. Eisen aus Fleisch wird etwa dreimal besser ver- wertet als Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln. „Eine ausgewogene Mischkost ist die einfachste und beste Prophylaxe gegen Eisenmangel“, ist Keil überzeugt. Besteht im Körper ein Mangel an Eisen, wird zu wenig Hämoglobin produziert. Etwa 80 Prozent aller Anämien sind Eisenmangelanämien. Ein Eisenman- gel entsteht, wenn ein Missverhältnis zwischen Eisenaufnahme durch die Nahrung, erhöhtem Eisenbedarf im Körper – etwa bei Leistungssportlern – und gesteigertem Eisenverlust, der vor allem durch Blutungen bedingt ist, vorliegt.

Etwa 80 Prozent aller Eisenmangelanämien sind auf chronische Blutungen zurückzuführen. Bei jungen Frauen liegt die Ursache meist in einer verstärkten Menstruationsblutung, bei älteren Frauen oder Män- nern finden sich oft unbemerkte Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Auch in der Schwangerschaft kommt es häufig zur Ausbildung einer Eisenmangelanämie, die in diesen Fällen durch einen erhöhten Bedarf an Ei- sen ausgelöst wird. „Wenig bekannt ist die Tatsache, dass auch Frauen im Wechsel und ohne Monatsblu- tung einen Eisenmangel haben können. Oft sind auch Patienten mit Gastritis oder anderen chronischen Entzündungen betroffen, da sie Eisen nicht resorbieren können“, sagt Kamaleyan-Schmied. Ein funktionel- ler Eisenmangel liegt hingegen vor, wenn zwar genug Eisen im Körper vorhanden ist, aber nicht für die Erythropoese zur Verfügung steht und nicht schnell genug aus den Speichern mobilisiert werden kann.

Die Diagnose einer Eisenmangelanämie erfolgt mittels einer Blutuntersuchung, bei der ein komplettes Blutbild erforderlich ist. Zur Diagnostik des funktionellen Eisenmangels werden Serum-Ferritin, Transfersät- tigung und Retikulozytenhämoglobin eingesetzt. Die alters- bzw. geschlechtsspezifischen Normwerte der Hämoglobinkonzentration wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 12 g/dl für Frauen und 13 g/dl für Männer festgesetzt. Ein Hämoglobin-Wert (Hb) von beispielsweise 10,5 g/dl bedeutet, dass die Betroffenen an einer Anämie leiden. Für die Behandlung der Eisenmangelanämie ist es notwendig die Ur- sache zu analysieren. Meist wird Eisen in Form von Tabletten oder Dragees gegeben. Erst wenn diese orale Therapie nicht zum Erfolg führt oder nicht vertragen wird, kann Eisen über Infusionen direkt verab-

reicht werden, wobei viele Allgemeinmediziner Vorbehalte haben: „Es kann zu allergischen Reaktionen kommen, daher werden Eiseninfusionen nicht gerne verabreicht“, weiß Kamaleyan-Schmied.

Der Eisenbedarf ist sehr individuell und schwankt je nach Lebensphase und körperlicher Betätigung zwischen einem und vier Milligramm täglich. „Besondere Beachtung muss Vegetariern und Sportlern geschenkt werden und erst recht einer Kombination von beidem. Bei einem längerfristigen Eisenman- gel können die Speicher auch mit ein bis zwei Tabletten nicht wieder aufgefüllt werden“, betont Dr. Na- dine Tröndle, Assistenzärztin am Wiener Hanusch-Krankenhaus.


Erfolgreich im Verbund

Einig sind sich alle Experten, dass die Behandlung im extra- und intramuralen Verbund und Austausch in Netzwerken zwischen niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Hämatologen der beste Weg ist, dem weit verbreiteten Eisenmangel den Kampf anzusagen. Auch Hausärzte würden so profitieren, da sie rasch Feedback zu ihren Diagnosen bekommen und das System von unnötigen Spitalszuweisun- gen entlasten.

Als First-Line-Medikation empfiehlt Kamaleyan-Schmied nach wie vor die orale Einnahme von Eisen- präparaten, jedoch weiß die Medizinerin aus Erfahrung, dass es bei der Einnahme oft zu unerwünsch- ten Wirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Gastritis kommt. „Erst wenn die orale Medikation nicht klappt, kann auf die intravenöse Gabe von Eisen umgestellt werden. Es ist auch wichtig, sechs Wo- chen nach der Gabe der Eisenpräparate den Ferritinspiegel zu kontrollieren, denn es gibt Patienten, bei denen die Resorption nicht funktioniert. Auch dann ist die Infusion indiziert“, so die Expertin.

Intravenöse Eisenpräparate verursachen mittlerweile bei der Infusion weniger Probleme als Antibiotika oder Schmerzmittel. Die Kassen übernehmen bei Patienten, bei denen mit oralen Eisenpräparaten kein Erfolg erzielt werden kann, auch für die innovativen FE-Produkte die Kosten.



rh