Foto: austrian health forum

DFP-FORTBILDUNG & KLINIK |  Nachlese

Rund 150 Teilnehmer diskutierten bei 1. Austrian Health Fo- rum in Leogang, was die Menschen in Zukunft von ihrem Ge- sundheitssystem brauchen und erwarten und welche digita- len Lösungen hilfreich sein können.

Ins Tun kommen

Kürzlich fand zum ersten Mal in Salzburg das international be- setzte Austrian Health Forum (AHF) als Dialogplattform für aktu- elle Entwicklungen im Gesundheits- und Medizinbereich statt.

Die Digitalisierung bringt für die Health-Care-&-Life-Science-Branche große Veränderungen mit sich. Doch ohne erkennbaren Nutzen für Patienten und Ärzte werden viele Bemühungen scheitern. „Wir haben Chancen gesehen und wurden vor Risiken ge- warnt. In jedem Fall braucht es Menschen, die mit diesen neuen Technologien und Ansätzen umgehen können und etwas bewe- gen wollen“, bringt Thomas Zembacher die Ergebnisse des hochkarätig besetzten Netzwerkgipfels auf den Punkt. Gemeinsam mit dem Senat der Wirtschaft und namhaften Sponsoren ist es ihm gelungen, mit dem Austrian Health Forum ein zeitgemäßes Gesundheitsformat ins Leben zu rufen. „Reden allein bringt uns nicht weiter. Wir suchen gemeinsam nach Lösungsszenarien für ein modernes Gesundheitswesen in Österreich, und zwar mit einem Netzwerk aus innovativen Querdenkern und etablierten Sys- temkennern aus Wissenschaft und Praxis, zwischen Experten, Umsetzern und Entscheidungsträgern. Praxisbezogen und ergeb- nisorientiert. Wir wollen zusammenbringen, Mut machen und die Möglichkeiten schaffen, in neuen Bahnen zu denken und zu

handeln“, beschreibt Mag. Christoph Hörhan, AHF-Mitorganisator und Geschäftsführer von HÖRHAN Strategy Consultants die Motivation.

Ein wesentlicher Unterschied zu „herkömmlichen“ Netzwerktreffen war unmittelbar spürbar: Gekonnte Moderation machte aus einem anfänglichen Think-Tank ganz rasch einen Do-Tank. „Es war das erklärte Ziel, Impulse zu setzen, Netzwerke zu aktivieren und damit neue Konzepte, Produkte und Projekte für die digitale Zukunft des österreichischen Gesundheitswesens zu entwi- ckeln“, freut sich Zembacher über das gelungene Event.


Transformation der Medizin

Das Austrian Health Forum widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema „Change Maker Digitalisierung – Wer gewinnt im Ge- sundheitssystem?“. Wir alle ahnen, dass Big Data, künstliche Intelligenz (KI), Gen- und Biotech ungeahnte Chancen für die Me- dizin der Zukunft eröffnen. Die Lebenswelten der Menschen, egal ob Patient oder Dienstleister, werden sich dadurch dramatisch verändern – doch noch scheint die Richtung dieser Veränderung nicht klar und greifbar. Eine „komplette Transformation der Me- dizin“ ortet Univ.-Prof. Dr. Herbert Resch, Unfallchirurg und Rektor der Salzburger Privat-Medizinuniversität (PMU) am Horizont. Treiber dafür sind nach Ansicht des Experten der steigende Kostendruck, die Zunahme chronischer Erkrankungen, aber auch Entwicklungen in der IT- und Kommunikationstechnik. „Es gibt bereits Anwendungen der Telemedizin, der personalisierten Medi- zin oder künstliche Intelligenz mit Big-Data-Analysen per Algorithmen. Die Frage ist allerdings, wie gut die Umsetzung in der täg- lichen Medizin geschieht. Das entscheidet schließlich über Erfolg oder Misserfolg“, betont Resch.

Im Bereich der Onkologie ist die Zukunft ohne Digitalisierung, Datenanalyse und künstliche Intelligenz künftig wahrscheinlich nicht mehr zu bewältigen. Davon ist Onkologe Univ.-Prof. DDr. Christoph Zielinski, Koordinator des Vienna Cancer Center über- zeugt: „Ärzte werden oft zur Digitalisierung gezwungen. Bei der heutigen Arbeitsbelastung müsste ein Radiologe alle drei bis vier Sekunden ein neues Bild begutachten. An der University of Central Florida wurde ein System geschaffen, das Computertomo- grafien um 30 Prozent genauer begutachtet als ein Radiologe. Artificial Intelligence wird den Arzt nicht ersetzen, aber sie wird ihn entlasten.“

Einfach nicht mehr ohne die Digitalisierung auskommen werden die Onkologen in Zukunft, wenn sie Genomdaten des Patienten, Gendaten von Tumoren und viele andere Faktoren dazu nützen, die jeweils wirkungsvollste und nebenwirkungsärmste Therapie auszuwählen. Zwischen 2011 und 2016 sind 60 zielgerichtete Medikamente zugelassen worden. 2018 waren wieder 60 neue in Zulassung. Alle drei Jahre verdoppelt sich das medizinische Wissen“, fasst Zielinski zusammen. Dass diese Entwicklung die Grenzen des Menschlichen sprengt, liegt auf der Hand. Nach Ansicht des Onkologen können nur noch Hilfssysteme, die Publi- kationen analysieren, aufbereiten und auch erste Therapievorschläge herausfiltern, die Datenflut bewältigbar machen.


Benachteiligung überwinden

Warum sich dennoch viele dagegen wehren, ist wohl die Angst vor Veränderung, vor Neuem, vor Unbekanntem. „Ärzte, die Angst haben, von Maschinen ersetzt zu werden, gehören ersetzt“, bringt es der renommierte Experte für künstliche Intelligenz Bart de Witte auf den Punkt. Der ehemalige Chef-Manager für digitale Gesundheitsleistungen von IBM in Österreich, der Schweiz und Deutschland und Gründer einer Open-Source-NGO für künstliche Intelligenz in der Medizin, sieht in KI zunächst einmal eine Möglichkeit, Benachteiligungen zu beenden: „Wir sprechen über eine Welt, in der die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und Ärzten hat. Im südlichen Afrika müssen Sie zehn Ärzte ausbilden, damit einer bleibt. Auf diese Weise benötigen Sie in Nigeria 300 Jahre, um auf unseren Stand in Europa zu kommen.“ An den Fingern einer Hand abzuzählende Fachärzte eines medizinischen Gebietes für viele Millionen Menschen seien in den Entwicklungsländern an der Tagesordnung. Hier können digitale Bildübermittlung, Breitbandkommunikation und maschinell lernende Systeme Enormes leisten. So lassen sich per Handy angefertigte Augenhintergrundbilder oder von ausgebildeten Krankenpflegern abgenommene Gebärmutterhalsabstriche verschicken, automatisch vorselektieren und begutachten. „Ich sage KI-Unternehmen immer wieder: ‚Geht nach Afrika.‘ Da gibt es keine Ärzte, keine Ärztekammer, keine Krankenkasse, nur Probleme, die zu lösen sind“, so de Witte.


Gemeinsam stark

Die Entwicklung in Richtung Unterstützung der Ärzte bei Routinetätigkeiten durch Algorithmen und KI ist voll im Laufen. „Vergan- genes Jahr hat die US-Arzneimittelbehörde FDA 16 Algorithmen zugelassen, darunter einen zur erstmaligen maschinellen Er- kennung der diabetischen Retinopathie. Im Jahr 2027 werden 80 Prozent der klassischen Diagnosen durch Algorithmen gestellt werden.“ Die Angst, dass damit die Ärzte verschwinden würden, sei unbegründet. „Wenn Mensch und Maschine zusammenar- beiten, werden sie immer stärker sein.“

Dass die Empathie immer aufseiten der Menschen bleiben wird, steht für de Witte außer Frage und auch Zembacher schlägt in diese Kerbe: „Wer etwas bewegen will, braucht einerseits technisches Wissen, muss aber auch in der Lage sein, komplexe Pro- bleme zu lösen, braucht Empathie und Kreativität sowie die Möglichkeit der Selbstreflexion.“ Für ihn ist das AHF in diesem Zu- sammenhang ein wichtiges Tool: „Es ist ein Rohdiamant, den es nun zu schleifen gilt. Dann entsteht hier in den nächsten Jahren ein Forum, das die Gesundheitslandschaft in Österreich entscheidend mitprägen wird“, ist Zembacher überzeugt.rh