GENDERMEDIZIN | Harnwegsinfekte

Jeden Tag Antibiotika?

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Harnwegsinfekte verlaufen bei Kindern meist schwerer als bei Erwachsenen. Mädchen sind häufiger betroffen als Buben. Bis zu 40 Prozent aller Kinder mit Harn-weg- sinfekt müssen stationär aufgenommen werden.

Ein kürzlich erschienener Cochrane Review bestätigt, dass sich das Risiko für rezidivierende Harnwegsinfekte bei Kindern durch eine Antibiotikaprophylaxe zwar vermindern lässt, der beobachtete Effekt aber gering ist, auch gab es kaum Nebenwir- kungen. Es zeigte sich aber, dass es durch die Dauertherapie mit Antibiotika zu einer deutlichen Entwicklung von resistenten Keimen im Urin kam, was den Benefit der Behandlung relativiert. Bis zu acht Prozent aller Mädchen und bis zu zwei Prozent al- ler Buben machen bis zum siebten Lebensjahr mindestens eine Episode eines Harnwegsinfekts durch. Im Gegensatz zum un- komplizierten Harnwegsinfekt bei Erwachsenen müssen bis zu 40 Prozent aller Kindern mit Harnwegsinfekt stationär aufgenom- men werden, in fünf Prozent aller Fälle kommt es zu dauerhaften Schädigungen des Nierenparenchyms. Das Risiko, erneut an einem Harnwegsinfekt zu erkranken, ist nach dem ersten Mal deutlich erhöht, fast ein Drittel aller Kinder hat nach dem ersten Harnwegsinfekt weitere Episoden. Die häufigsten Risikofaktoren für rezidivierende Harnwegsinfekte im Kindesalter sind ein vesikoureteraler Reflux, eine Blasendysfunktion, Darmentleerungsstörungen oder ein vorhandener Dauerkatheter.


Antibiotika häufig als Dauertherapie verschrieben

Um die Gefahr von Nierenschäden zu vermindern und Kindern Schmerzen und die Beeinträchtigung im täglichen Leben zu er- sparen, erhalten viele Kinder mit rezidivierenden Harnwegsinfekten eine prophylaktische Antibiotikatherapie. Diese wird generell gut vertragen. Ob eine Langzeittherapie mit Antibiotika aber tatsächlich wirksam ist, welche Nebenwirkungen auftreten und ob es zu einer relevanten Resis-tenzentwicklung kommt, wurde von den Autoren eines Cochrane Reviews in einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse untersucht. Cochrane ist ein globales und unabhängiges Netzwerk von klinischen Forschern, Angehörigen der Gesundheitsfachberufe und Patienten, die sich für mehr gesicherte Information im Gesundheitssystem einset- zen. Cochrane Reviews entsprechen methodologisch höchsten Standards.


Wenig Effekt, wenig Nebenwirkungen, mehr Resistenzen

Die Autoren fanden 16 Studien mit insgesamt 2.036 Kindern mit rezidivierenden Harnwegsinfekten, die entweder eine Dauerthe- rapie mit niedrig dosierten Antibiotika oder ein Placebo-Präparat erhielten. Die Dauer der Prophylaxe variierte zwischen zehn Wochen und zwölf Monaten, verabreicht wurden Trimethoprim/Sulfamethoxazol, Nitrofurantoin, Cotrimoxazol und orale Cephalo- sporine Die Qualität der eingeschlossenen Studien war niedrig. Das Gesamtergebnis aller Studien zeigte, dass sich durch die Gabe einer Antibiotikaprophylaxe das Wiederauftreten von Harnwegsinfekten nicht signifikant vermindern lässt. Eine einzige Studie erfüllte alle die Qualitätskriterien, sie zeigte eine signifikante Reduktion von rezidivierenden Harnwegsinfekten von acht Prozent auf fünf Prozent durch eine Dauertherapie mit Trimethoprim/Sulfamethoxazol. Die Präparate waren gut verträglich, es kam zu keinem höheren Auftreten von Nebenwirkungen als unter Placebo. Bemerkenswert war, dass in der Gruppe mit Antibioti- kaprophylaxe fast dreimal mehr resistente Keime im Urin nachgewiesen werden konnten als in der Placebo-Gruppe. Die Resis- tenzbildung war unter Trimethoprim/Sulfamethoxazol doppelt so hoch wie unter Nitrofurantoin.


Rechtfertigt der Effekt eine höhere Rate an Resistenzen?

Hinsichtlich dieser Ergebnisse wurde von den Studienautoren empfohlen eine Antibiotika Prophylaxe nicht generell zu verschrei- ben, sondern vor allem für Kinder vorzubehalten, die ein besonders hohes Risiko für Komplikationen durch rezidivierende Harn- wegsinfekte haben, beispielsweise für Kinder mit präexistenten Nierenerkrankungen.


ja