DFP-FORTBILDUNG & KLINIK | Verband der Leitenden Krankenhausärzte Österreichs

Medizin vor Ökonomie

(v.l.): Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, Univ.-Prof. Mag. DDr. Wilhelm Frank, Direktor des Zentrums für Gesundheitssystemwissenschaf- ten der Danube Private University Krems, Prim. Dr. Werner Saxinger, Primarärztever- treter der OÖ Ärztekammer, Univ.-Prof. Dr. Werner Langsteger, Präsident VLKÖ

Foto: VLKÖ/Steffen Saint-Clair

Die Tendenz, Medizin ausschließlich unter dem Aspekt der Ökonomisierung zu sehen, kann für Patienten fatale Folge haben, befürchten Österreichs leitende Kranken- hausärzte und beschließen einen neuen „Ärzte Codex“. Dieser erklärt das Wohl des Patienten zur absoluten Ver- haltensmaxime des ärztlichen Handelns.

„Wir brauchen ein neues Verständnis von ärztlicher Leistung und ein neues Verständnis für medizinische Qualität“, betont Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosen- kranz bei der Präsentation des „Ärzte Codex“. Besonders Klinikärzte würden nämlich zunehmend vom wachsenden Kostendruck und wirtschaftlichen Ziel- vorgaben in ihrer medizinischen Handlungsfreiheit massiv eingeschränkt. Klini- ken dürften aber nicht zu reinen Wirtschaftsunternehmen degradiert werden, argumentiert der Generalsekretär des Verbandes leitender Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ), daher sei es höchste Zeit, „dem blanken Ökonomisie-

rungsprozess in Gesundheitsbereichen und Krankenhausbetrieben eine auf ärztlicher Ethik und Werten beruhende Haltung im Klinikalltag entgegenzustellen“.

Auf Initiative von Rosenkranz, Leiter der Klinischen Abteilung für Nephrologie und stellvertretender Klinikvorstand der 1. Uni- versitätsklinik für Innere Medizin an der MedUni Graz, hat der Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) den Codex der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) mittels Vorstandsbeschluss als „wesentlich“ aner- kannt und festgehalten, diesen „auch für die österreichischen Internisten zu übernehmen“. Ihm sei es aber nicht nur als Inter- nist, sondern auch in seiner Funktion als Vorstandsmitglied des VLKÖ wichtig, erläutert Rosenkranz, dass der Ärzte Codex, der sich „gegen jede Kommerzialisierung der Medizin wendet, die nicht auf ärztlicher Ethik und deren Werten beruht, auch in Österreich eine flächendeckende Verbreitung innerhalb der Ärzteschaft und wesentlicher medizinischer Institutionen erfährt.


Anwälte der Patienten

Als eine Art Manifest sollte der Codex allen Ärzten „Orientierung bieten und die notwendige Solidarität geben“, erhofft sich der VLKÖ-Generalsekretär eine flächendeckende und vor allem nachhaltige Wirkung. Ärzten dürfe nicht länger die „Rolle des Rechtfertigens und Begründens gegenüber den Patienten zufallen, warum wir eine dem Patienten von uns Ärzten empfohlene Therapie nicht bewilligt bekommen.“ Mit der Zunahme kostenintensiver Therapien, die dann oftmals von den Kassen nicht übernommen werden, müssten Ärzte immer häufiger „auch diese Botschaft überbringen, die uns von Ökonomen vorgegeben wird.“ Das sei allerdings Aufgabe der Politik. Sie müsste offen und ehrlich kommunizieren, was möglich ist – und was eben nicht.

Ärzte seien schließlich als Mediziner ausgebildet und nicht als Ökonomen, erklärt Rosenkranz. „Der Ärzte Codex soll uns eine Leitlinie geben, die da lautet: Wir sind Anwälte unserer Patienten. Wir müssen ihnen sagen, was die medizinisch beste Thera- pie für sie ist, aber auch, was vielleicht die beste Nicht-Therapie ist.“ Für Univ.-Prof. Dr. Markus Müller sind Krankenhäuser – ebenso wie Universitäten – „riesige Projektionsflächen für alle möglichen, auch hoch emotionalen, Befindlichkeiten“. Es gäbe kaum jemanden, der nicht ein bestimmtes Bild zum Krankenhaus hat, seine ganz persönlichen Erfahrungen. Keines dieser Bil- der sei unvoreingenommen.

Vor diesem Hintergrund seien alle Diskussionen über Krankenhausstrukturen und deren Veränderung immer auch emotional und jedenfalls extrem vielschichtig. Fest steht für den Rektor der Medizinischen Universität Wien aber, dass das aktuelle Sys- tem Krankenhaus nur auf Basis eines „gewissen Hangs zur Selbstausbeutung“ der Ärzte überhaupt noch funktioniert. Von Ärz- ten werden tolle Leistungen erbracht. Das gilt auch für die Pflege und andere medizinische Berufe. Damit rechne – und darauf baue – das System auch.


Wissen plus Haltung

Die Entwicklung der modernen Medizin sei geprägt von einer „ex- tremen Spezialisierung, garniert mit ökonomischen Verwerfun- gen“, erläutert Müller. Er glaube aber, dass gerade eine frühe Spezialisierung in der Ausbildung ein zunehmendes Problem an den medizinischen Universitäten darstellt. An der MedUni Wien versuche man daher, „zwar Skills-orientiert zu arbeiten, aber doch auch allgemein zu bleiben“.

Die Medizin sei ein „extrem dynamisches System“, so Müller. In der Medizinausbildung gehe es daher viel mehr um die Vermitt- lung von Haltungen und den richtigen Umgang mit dem Wissen als um konkrete Kenntnisse selbst: „Man kann nicht mit Sicherheit sagen, was wir unseren Studierenden beibringen sollen. Wir wis- sen heute ganz einfach nicht, wie unsere Arbeitswelt in zehn Jah- ren aussehen wird.“ Zurückhaltung bei der Vermittlung gesicher- ten medizinischen Wissens sei daher durchaus angebracht, sagt Müller und konkretisiert das an einem konkreten Beispiel: „Neh- men wir das Magengeschwür: Ganze chirurgische Schulen wur- den ausgebildet. Aus heutiger Sicht erscheint es erstaunlich, was berühmte Mediziner vor 30 Jahren darüber gedacht haben.“ Die Studierenden müssen daher vor allem darauf vorbereitet werden, sich mit neuen Situationen zurechtzufinden, meint Müller, denn die moderne Medizin stehe wieder einmal an einem Wendepunkt. Auf die ursprüngliche Phase einer arztzentrierten Medizin folgte die institutionenzentrierte Medizin, deren Ausläufer wir gegenwär- tig erleben. Die Zukunft gehöre aber der patientenzentrierten Me- dizin. Damit werden sich auch so manche aktuellen Strukturdis- kussionen aus dem Krankenhaus hinaus verlagern, weil Patienten zukünftig vielleicht gar nicht mehr so oft in ein Spital gehen wer- den. „Die Telemedizin wird mit einer unglaublichen Wucht über uns brausen“, davon ist Müller überzeugt: „Die Gesundheitssyste- me der Zukunft werden weniger krankenhauszentriert, dafür stär- ker patienten- und präventionszentriert sein.“


bw