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Urlaub als Burnout-Prophylaxe

Dr. Markus Reisner, Facharzt für Psychiatrie und Psycho- therapeutische Medizin in Neusiedl am See, fasst zusam- men, warum Urlaub eine hervorragende Vorsorgemaß- nahme gegen Burnout ist und warum auch Ärzte sich darauf besinnen sollten.

foto: istockphoto/ S_Bachstroem, ZVG

?Wie viele Menschen in Österreich sind von Burnout betroffen und begeben sich in Behandlung?

Nach einer Untersuchung von 2017 sind 19 Prozent in einem Vorstadium, 17 Prozent in einem Übergangsstadium und acht Prozent der Österrei- cher im Vollstadium eines Burnouts. Vier Prozent leiden unter einer reinen Depression, die sich durch die Diagnosekriterien und Verursachung klar vom Burnout unterscheidet. Auch in anderen Ländern geht man von circa zehn Prozent manifesten Burnoutsyndromen in der Gesamtbevölkerung aus, in bestimmten Berufsgruppen sind diese Zahlen jedoch deutlich höher, so vor allem in helfenden Berufen, bei Ärzten, im Pflegebereich und bei Therapeuten, bei Führungskräften, aber auch allgemein durch hohen Arbeitsdruck und weitere Faktoren. In eine fachgerechte Behandlung be- geben sich wahrscheinlich nur wenige Prozent, wenn die Symptome überhandnehmen, wobei

Coaching, Psychotherapie und in schweren Fällen medikamentöse Behandlung notwendig werden können. Unsachgemäße „Selbstbehandlung“, zum Beispiel durch überhöhten Alkoholkonsum, sollte vermieden werden.


?Wie sieht es bei Ärzten aus – wie stark sind sie betroffen?

Ärzte sind deutlich stärker gefährdet als viele andere Berufsgruppen – bedingt durch hohe Arbeitsbelastung, Nachtdienste und Mehrfachbelastun- gen, zum Beispiel Familiengründung, werden vor allem Spitalsärzte am Beginn der Ausbildung als Burnout-gefährdet beschrieben. Aber auch nie- dergelassene Ärzte können durch anhaltenden Arbeitsdruck, fehlende Entlastung durch Vertretung und Bereitschaftsdienste „ausbrennen“. 2011 wurden in einer österreichischen Untersuchung 54 Prozent aller Burnout-Stadien unter allen befragten Ärzten festgestellt. Es ist zu hoffen, dass ei- nige getroffene Maßnahmen wie das neue Spitalsarbeitszeitgesetz und Veränderungen bei den Nacht- und Wochenenddiensten im niedergelasse- nen Bereich messbare Auswirkungen zur Folge haben werden.


?Welche Rollen spielen Auszeiten und Urlaube in der Burnout-Prophylaxe?

In der Burnout-Prophylaxe stellen regelmäßige und ausreichende Erholungszeiten neben anderen Maßnahmen eine wichtige Basis zum Aufladen der Energiespeicher dar, so zum Beispiel Supervision zur Verbesserung des Arbeitsklimas, Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung und Stressre- gulation und ein Ausgleich förderndes Privatleben.


?Was sind die typischen Anzeichen für dringend erforderlichen Urlaub?

Wenn bereits Symptome eines Burnout-Vorstadiums vorhanden sind, ist es besonders wichtig, gegenzusteuern: Ist es am Beginn oft noch Erhö- hung der Arbeitsleistung und hoher Idealismus, so sind es in fortgeschrittenen Stadien Erschöpfung, Schlafstörungen, emotionale Leere, Zynis- mus oder Reizbarkeit, die bei Berufskollegen oder in der Partnerschaft zutage treten können. In frühen Stadien ist eine gelungene Erholung oft ausreichend, um sich wieder voll zu regenerieren.


?Was passiert aus medizinischer Sicht bei einer gelungenen Erholung?

Die Stresswerte sinken wieder ab, wie zum Beispiel Normalisierung der Herzfrequenzvariabilität oder die Cortisolwerte. Aber auch körperliche Symptome wie Verspannungen oder Schmerzen können sich wieder zurückbilden. Letztendlich ist aber die Wiederherstellung der psychischen Ausgeglichenheit das wichtigste Maß für jeden – sich wieder spüren, wieder genießen und sich wieder richtig freuen können.


?Wie lange muss ein Urlaub sein, damit er vorbeugend wirkt?

Da gibt es keine Regeln, die für alle gelten – manche können sich schon bei einem Kurzurlaub in den Bergen oder bei einem Städtetrip über zwei bis drei Tage gut erholen, andere benötigen einige Wochen, bis der Körper sich wieder in einen „Ruhezustand“ begibt. Wichtig ist, dass man nach dem Urlaub nicht sofort wieder „Vollgas“ gibt, sondern den Erholungszustand durch regelmäßige Entspannung und körperlich-seelischen Aus- gleich an Feierabenden und Wochenenden konserviert.


?Welche Art von Urlaub eignet sich besonders?

Je nach Interessenslage und Persönlichkeit können Reisen in fremde Länder oder ein Trekkingurlaub oder aber auch ein Urlaub am Strand ideal sein. Faulenzen ist eine wichtige Qualität, die den meisten nicht in positivem Sinne vermittelt worden ist. Wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und mit Familie und Arbeitgeber so abstimmen zu können, dass diese nicht über längere Zeit unerfüllt bleiben. Besonders bei angespann- ter Personalsituation oder fehlenden Vertretungsmöglichkeiten kann sich ein zu lange aufgeschobener Urlaub sehr negativ auswirken.


?Welche Tätigkeiten sind vermutlich meistens kontraproduktiv?

Eigentlich fallen mir da vor allem die modernen Medien ein, die eine Entspannung oft nicht aufkommen lassen – am Smartphone oder Tablet zu hängen, statt dies einmal sein zu lassen, ist genauso ungesund wie der ständige Gedanke an die Arbeit. Auch ständig hohe Leistungen in sportli- cher Hinsicht von sich zu fordern, kann ein Burnout „am Kochen“ halten. Das Schlimmste ist, wenn man für den Arbeitgeber per E-Mail auch im Urlaub erreichbar bleiben muss – da kann man den nächsten Urlaub ja gleich in einer Burnout-Klinik buchen!


bw